Deutsche Firmen und Ingenieure haben Libyen geholfen, ein geheimes Atomwaffenprogramm aufzubauen - in größerem Ausmaß als bisher bekannt.
Deutsche Firmen und Ingenieure haben Libyen in wesentlich größerem Ausmaß als bisher bekannt geholfen, ein geheimes Atomwaffenprogramm aufzubauen. Bevor Muammar el Gaddafi Ende 2000 beim Atomschmuggler-Ring des Pakistaners Abdul Qadir Khan eine komplette Anlage zur Urananreicherung orderte, kauften seine Unterhändler jahrzehntelang weltweit ein, was sie an Atomtechnik in die Finger bekamen.
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Das Logo der Internationalen Atomenergiebehörde: Ein Insider hatte die IAEA auf die Existenz des bislang unbekannten Beschaffungsprogramms gestoßen. (© Foto: AP)
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Zwischen 1983 und 1985 traten sie an mehrere Länder heran, um sich Technologie zu verschaffen, mit der sich spaltbares Material für die Bombe herstellen lässt, egal ob Plutonium oder Uran. In Deutschland übernahm diese Aufgabe nach Informationen der Süddeutschen Zeitung der Exil-Iraker Ihsan Barbouti.
1984 hatte Barbouti bereits den Verkauf einer deutschen Giftgasfabrik ins libysche Rabta eingefädelt. Etwa zwei Jahre später beauftragte er dann eine kleinere deutsche Firma, Pläne für eine komplette Wiederaufbereitungsanlage zu erstellen. Aus Brennstäben für Leichtwasserreaktoren hätten sich damit bis zu zehn Kilogramm Plutonium pro Jahr gewinnen lassen, mehr als genug für eine Atombombe.
Auftragsarbeit für die Libyer
Erste Hinweise auf eine mögliche Verstrickung deutscher Firmen enthielt ein Bericht der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) in Wien, der Mitte September bekanntgeworden war. Darin war die Rede von Plänen für eine Wiederaufarbeitungsanlage, die "auf deutscher Technologie beruhte".
Offenbar handelte es sich dabei um eine Auftragsarbeit für die Libyer. Bei der Suche nach dem Urheber der Pläne hatte die IAEA versucht, baugleiche Anlagen zu identifizieren - vergeblich. Die Ingenieure der deutschen Firma hatten zwar wohl vorhandene Technologie als Ausgangspunkt genommen, konstruierten dann aber eine neue Anlage. Länger als ein Jahr waren sie nach Informationen der SZ damit beschäftigt, die Pläne zu erstellen und diese auf Mikrofilm zu bannen. "Das war kein einfaches Unterfangen", wertet ein Experte das Ergebnis.
Auf die Existenz dieses bislang unbekannten Beschaffungsprogramms war die IAEA offenbar vor etwa zwei Jahren durch den Tipp eines Insiders gestoßen. Als die Atomdetektive bei den Libyern nachfragten, rückten diese zwei Kartons mit Mikrofilmen heraus; darin befanden sich die deutschen Pläne für die Pilotanlage zur Wiederaufarbeitung, von den Libyern "Projekt 701" getauft, zudem Blaupausen für eine Anlage zur Herstellung von Uran-Pellets ("Projekt 702"), die in Brennstäbe gefüllt werden, sowie eine Verglasungsanlage, um stark strahlenden Atommüll lagerfähig zu machen ("Projekt 303"). Die Mikrofilme sollen über Brasilien nach Libyen gelangt sein.
Weitere Kisten vermutet
Im Sommer sichteten deutsche Geheimdienstler und Mitarbeiter des Bundesamts für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle die Pläne in Wien. Rückschlüsse auf die beteiligte Firma konnten sie daraus nicht ziehen, anders als die IAEA. Ihr gelang es sogar, einen der Ingenieure ausfindig zu machen, der die Pläne damals im Jahr 1986 mitgezeichnet hatte. Die Identität des deutschen Unternehmens gibt die Wiener Behörde allerdings nicht preis. Laut ihrem Bericht waren die Pläne zwar sehr detailliert, aber nicht vollständig.
Die Atominspektoren vermuten, es müsse weitere Kisten gegeben haben. Libyen behauptet, diese nie bekommen zu haben. Es ist daher unklar, wo die anderen Kartons geblieben sein könnten, ebenso, ob sie womöglich Pläne für weitere Anlagen enthielten.
Libyen behauptet, die Einrichtungen seien nie gebaut worden. Es ist nicht bekannt, ob deutsche Firmen beabsichtigt hatten, Komponenten oder gar die gesamte Anlage zu liefern. Eine Exporterlaubnis wurde jedenfalls weder für die Pläne noch für etwaige Anlagen beantragt oder erteilt. Fest steht nur, dass der Deal ein Ende fand, als Ende der achtziger Jahre die Lieferungen für die Chemiewaffenfabrik in Rabta aufflogen und Vermittler Barbouti ins Visier der Polizei geriet.
Die Aussichten, dass die Sache restlos aufgeklärt wird, stehen nicht sonderlich gut. Die deutschen Behörden gehen davon aus, dass die Lieferung der Pläne wegen der damals laxen Exportkontrollgesetze nicht strafbar war oder anderenfalls bereits verjährt ist. Der Tippgeber, der die IAEA auf die Spur brachte, lebt nicht mehr, und Barbouti ist schon 1990 gestorben. Gut möglich, dass er das Geheimnis mit ins Grab genommen hat.
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(SZ vom 24.09.2008/dmo)
Reiseknigge: Türkei
Zum x-ten Mal eine uralte Geschichte ... ist etwa Sommerloch oder soll von anderen Themen mit dieser alten Kamelle abgelenkt werden?