Leonid Roschal Ein Helfer, dem alle vertrauen

Der Kinderarzt vermittelt im Kaukasus zwischen Geiselnehmern und Sicherheitskräften - wie schon in Moskau. Ein "nationale Held" will er eigentlich überhaupt nicht sein.

Von Von Frank Nienhuysen

Seit November 2002 ist er in Russland offiziell ein "nationaler Held", ausgezeichnet von Präsident Wladimir Putin. Ein Held aber will Leonid Roschal gar nicht sein. "Ich habe nur das getan, was ich seit 45 Jahren tue. Ich bin Arzt", sagte er, das war kurz nach der Geiselnahme im Moskauer Musical-Theater "Nord-Ost", als er erfolgreich über die Freilassung von Kindern verhandelte.

Kinderarzt Leonid Roschal

Vertrauensmann: Leonid Roschal.

(Foto: Foto: Reuters)

Jetzt, im nordossetischen Ort Beslan, war Roschal wieder gefragt, als Vertrauensmann, als Vermittler, als Arzt. Die Terroristen hatten den 71-Jährigen ausdrücklich darum gebeten.

Respekt von allen Seiten

"Roschal führt die Gespräche, er ist jetzt der Hauptvermittler", bestätigte der nordossetische Innenminister Kasbek Dsantijew. Ein erstes Angebot über freies Geleit, das der Kinderarzt überbrachte, wurde von den Geiselnehmern allerdings zurückgewiesen, und bis Donnerstagabend konnte noch niemand sagen, ob Roschal auch diesmal wieder kleine Heldentaten gelingen würden wie vor zwei Jahren.

Damals ging er mehrmals in das umstellte Theatergebäude, untersuchte die Geiseln, versorgte sie mit Medikamenten, Lebensmitteln und tröstenden Worten, verhandelte mit den Entführern und entwand ihnen schließlich eine Reihe von Kindern.

Es gibt wohl nur wenige Russen, denen selbst radikale, zu Morden bereite tschetschenische Terroristen vertrauen. Leonid Roschal aber hat sich auf allen Seiten Respekt verschafft: weltweit, in Russland und auch bei den Rebellen im Kaukasus.

Mehrmals nämlich hat er bereits in Tschetschenien gearbeitet und Menschen geholfen, das hat ihm dort niemand vergessen.

Roschal, der Friedensdoktor

Roschal, der Friedensdoktor, aber ist einer von denen, die sich nicht einspannen lassen, außer für die gute Sache. Der Professor ist Vorsitzender des Internationalen Hilfsfonds für Kinder bei Katastrophen und in Kriegen, und sein Einsatzgebiet ist die Welt.

Seine internationale Wertschätzung errang Roschal Ende der achtziger Jahre, als er nach dem verheerenden Erdbeben in Armenien zahllose Menschen vor dem Tod bewahrte und anschließend eine internationale Hilfsbrigade gründete, die sich auf die Rettung von Kindern spezialisierte.

Seitdem half er bei Katastrophen und Kriegen unter anderem in Jugoslawien, Indien, Israel, Ägypten, Japan, Afghanistan und in der Türkei. "Das Leben meint es gut mit mir", hat er einmal gesagt, "denn die Menschen brauchen mich."

Jetzt brauchen ihn vor allem die Kinder in der kleinen nordossetischen Turnhalle in Beslan. Nervenstärke hat Roschal häufig bewiesen, nach einem Terrorakt in Dagestan im November 2002 aber hat er auch gezeigt, wie sehr ihn seine Arbeit mitnimmt. 27 verletzte Kinder hat er damals in Sicherheit gebracht, und er sagte: "Wenn ich sicher wüsste, dass der Mann vor mir derjenige ist, der den ganzen Terroranschlag organisiert hat - ich würde ihn niederschießen."