Leiden der Palästinenser im Nahostkonflikt Die Armee hat sich 2005 zurückgezogen - und kontrolliert doch weiter das Land

Traurig ist dabei, dass man in Deutschland stets der palästinensischen Seite die Schuld zuweist, wenn wieder einmal die Gewalt eskaliert - insbesondere der Hamas. Dabei vergisst man, dass der Gazastreifen bereits seit 47 Jahren besetzt ist und die Menschen hier unter unmenschlichen Umständen leben.

Zwar haben sich die israelischen Streitkräfte im Jahr 2005 an den Rand des Gazastreifens zurückgezogen. Sie haben aber nicht die Kontrolle über das Leben der Menschen abgegeben. Israel kontrolliert immer noch die See- und Landgrenzen des Gazastreifens sowie den kompletten Luftraum. Damit kontrolliert Israel weiterhin Importe und Exporte, Zugang und Ausgang.

Was sollen die Palästinenser im Gazastreifen tun? Stellen Sie sich vor, Sie wären nicht in Deutschland, sondern in Gaza auf die Welt gekommen. Stellen Sie sich vor, Sie hätten in den vergangenen sechs Jahren drei mörderische Kriege erlebt ohne Aussicht auf eine Verbesserung der katastrophalen humanitären Lage. Was würden Sie tun? Was sollen die Palästinenser machen? Die Antwort ist eigentlich einfach, für Israel aber politisch scheinbar nicht opportun: Die meisten Palästinenser wollen seit vielen Jahren Frieden und Koexistenz mit Israel. Sie haben sich mit 22 Prozent des historischen Mandatsgebiets Palästinas begnügt, und den Israelis 78 Prozent eingeräumt.

Warum die Hamas weiter kämpfen will

Für die 1,8 Millionen Bewohner des Gazastreifens ist das Ende der Waffenruhe eine Katastrophe. Nicht aber für die Islamisten-Führung. Die Hamas kann nicht aufhören, sie befindet sich auf einem Triumphzug Richtung Untergang. Von Peter Münch mehr ...

Aber die Israelis haben sich damit nicht begnügt. Täglich wird im Westjordanland palästinensisches Land enteignet, werden neue jüdische Siedlungen gebaut. Seit 20 Jahren verhandeln nun die Palästinenser mit den Israelis für einen palästinensischen lebensfähigen souveränen Staat, und das Ergebnis ist ein immer beengteres und stärker eingeschränktes Leben für die Palästinenser.

20 Jahre lang legten die zahlreichen israelischen Regierungen der Selbstbestimmung der Palästinenser Stolpersteine in den Weg, um Verhandlungen scheitern zu lassen. Seit dem Amtsantritt von Präsident Mahmud Abbas vor zehn Jahren koordinieren die palästinensischen Sicherheitsapparate mit den israelischen die Sicherheitsbelange Israels. Die Palästinenser sind weltweit das einzige Volk, das die Grenzen seines Feindes sichern muss.

Wer die Palästinenser ernst nimmt, weiß, dass dieser Friede möglich ist

Die Gründe fürs Scheitern der Friedensbemühungen liegen nicht bei den Palästinensern, wie es in den deutschen Medien dargestellt wird. Der Frieden wird verhindert durch die Arroganz des deutlich stärkeren Staates Israel. Er praktiziert gegenüber den Palästinensern eine Politik des Diktats. Bis jetzt lehnte Israel jede praktische Lösung des Konflikts ab.

Die israelische Gesellschaft radikalisiert sich zusehends. Israel betreibt eine zunehmend blinde Politik der Stärke und Gewalt, die ein friedliches Miteinander mit seinen Nachbarn verhindert. Was Israel jedoch ausblendet: Die Sicherheit Israels wird auf Dauer nur mit seiner arabischen Umwelt garantiert sein, nicht gegen sie. Israel mag mit seiner militärischen Überlegenheit und regelmäßigen Angriffen kurzfristig Vorteile erzwingen. Auf lange Sicht droht das Land auf diese Weise aber zu verlieren.

Die Palästinenser werden ihre Hoffnung auf ein selbstbestimmtes Leben in Würde und Freiheit nicht aufgeben. Wenn auf friedlichem Wege keine Fortschritte zu erzielen sind, weil Israel sich nicht bereit zu Kompromissen zeigt, wird die Anwendung von Gewalt als Mittel der Fortführung der Politik in den Augen der meisten Palästinenser die einzige Option bleiben. Dann wird auch Israel keinen Frieden finden. Wer jedoch die Palästinenser als rationale Menschen ernst nimmt, weiß, dass dieser Friede möglich ist.

Zur Person

Der Politikwissenschaftler Usama Antar, 47, studierte und promovierte in Münster. Er lehrte an der Al-Azhar- und der Al-Aqsa-Universität in Gaza.