Lehren aus Stuttgart 21 Kraft des Zorns

Nach der Volksabstimmung über Stuttgart 21 wird der nihilistische Blockierer und Baumschützer, der frustrierte Veganer und Feierabendrevoluzzer, der buhende, schreiende, hassende "Wutbürger" an den Pranger gestellt. Er soll der große Verlierer sein. Doch in Wahrheit ist der "Wutbürger" ein moderner Aufklärer. Er zwingt den Staat zu mehr Demokratie - die Zeit der Basta-Politik ist vorbei.

Ein Gastbeitrag von Heiner Geißler

Vier Tage nach der Volksabstimmung über Stuttgart 21 ist für bestimmte Kommentatoren klar, wer gewonnen hat: nicht die Idee eines modernen, mitten in der Stadt tiefer gelegten Durchgangsbahnhofs, noch nicht einmal die Deutsche Bahn, obwohl sie an erster Stelle genannt werden müsste. Nein, so deren Meinung, gewonnen hätten alle guten Deutschen weit über Baden-Württemberg hinaus: die staatstragenden, leistungsfähigen, wirtschaftlich denkenden Menschen, die ordnungsliebenden, auf das geltende Recht den Behörden und den Verwaltungsgerichten vertrauenden Zeitgenossen, die die repräsentative Demokratie als völlig ausreichende Vertretung des Volkswillens akzeptierten, sich nicht anstecken ließen von antikapitalistischen Parolen und der Ignoranz der Destruktivisten.

Und so wird er an den Pranger gestellt: der nihilistische Blockierer und Baumschützer, der aggressive Besitzstandswahrer und Fortschrittsbremser, der frustrierte Veganer und Feierabendrevoluzzer, eben der buhende, schreiende, hassende "Wutbürger". Er soll der große Verlierer sein.

Aber man könnte auch ins Träumen kommen und sich zurückversetzen ins Jahr 1995. Vier Leute - ein Ministerpräsident, ein Bundesverkehrsminister, der Chef der Deutschen Bahn, ein Oberbürgermeister - fliegen im Hubschrauber über das 120 Hektar große, von Bad Cannstatt bis Stuttgart-Mitte reichende Gleisvorfeld des Haupt- und Sackbahnhofs und fassen einen kühnen und genialen Plan. Um die Gleise verschwinden zu lassen und Stuttgart in der Mitte neu zu erfinden, wird der Bahnhof um 90 Grad gedreht, acht Meter tiefer gelegt und in einen Durchgangsbahnhof in der Mitte einer ICE-Schnellstrecke Mannheim-Ulm-München inklusive Stuttgarter Flughafen verwandelt.

Das Konzept wird der Öffentlichkeit vorgestellt. Es beginnt eine öffentliche Diskussion mit einer völlig neuen Form der Bürgerbeteiligung, einem gleichberechtigten Forum aus Projektbefürwortern und Projektgegnern, Ministerpräsident und Bahn-Chef an einem Tisch mit Grünen und Vertretern der Zivilgesellschaft mit totaler Transparenz an allen Sitzungstagen, übertragen vom Fernsehen, alle Positionen nachzuverfolgen im Internet. Es geht um Alternativen, zum Beispiel um einen Kombi-Bahnhof wie in Zürich oder die Trassierung durch das Fils- und Neckartal, um die Offenlegung der Kosten, begleitet von Informations- und Diskussionsveranstaltungen im ganzen Land und empfehlenden Voten der Parlamente.