Lateinamerika Wer glaubt, wird reich

Mit ihrer Lehre von Gottesfurcht und Erfolg gewinnen Evangelikale die Armen für sich - zulasten der katholischen Kirche.

Von Sebastian Schoepp

In keiner anderen Weltregion leben so viele Katholiken wie in Lateinamerika. Aber nirgendwo auf der Welt verliert die katholische Kirche auch so rasant die Gläubigen wie in Lateinamerika. Nur noch gut drei Viertel der 500 Millionen Lateinamerikaner gehören der Konfession an, die nach der Missionierung der Neuen Welt jahrhundertelang quasi das göttliche Alleinvertretungsrecht auf dem Halbkontinent hatte. Auf ihre Kosten wächst die evangelikale Konkurrenz. 1980, als Bischof Oscar Romero erschossen wurde, gab es rund 50 Millionen Anhänger evangelischer Glaubensgemeinschaften zwischen Rio Grande und Feuerland. Bis heute dürfte sich die Zahl mehr als verdoppelt haben.

Wie hoch die Anhängerschaft genau ist, lässt sich schwer sagen, der Organisationsgrad der Glaubensgemeinschaften ist oft diffus. Es sind fromme Traditionskirchen wie die Lutheraner oder Baptisten darunter, charismatische und Pfingstkirchen, aber auch buntscheckige Erweckungsbewegungen mit kapitalistischem oder sogar animistischem Ansatz. Gemeinsam ist ihnen, dass sie weniger den Trost für das irdische Jammertal im Jenseits versprechen, sondern praktische Handlungsanweisungen für den Erfolg im Diesseits geben.

Für Friedrich Wilhelm Graf, protestantischer Theologe und emeritierter Professor für Systematische Theologie und Ethik an der Universität München, ist der gewaltige Erfolg der Pfingstkirchen kein Wunder: Der Katholizismus werde mit Kolonialismus, Diktaturen und Machismo identifiziert. Pfingstkirchen und Charismatiker hingegen böten "ganz andere normative Orientierungen". Sie prämierten den Wohlstand, und sie seien zumindest in Lateinamerika verhältnismäßig korruptionsresistent. Ihre Prediger sagten: "Du kannst dein Leben ändern, du kannst aus eigener Kraft etwas aus dir machen." Zudem betrieben die Pfingstkirchen eine "religiös fundierte Mittelstandspolitik" mit effizienten Netzwerken der Solidarität, sie engagierten sich sozial und für die Bildung, seien aktiv in der Altenhilfe und förderten Frauen. Gerade Letzteres ist wichtig in einem Teil der Welt, wo Männer oft leichtfertig ihre Familien im Stich lassen. Graf nennt die Pfingstkirchen "Männer-Disziplinierungsreligionen"; sie verlangten Abkehr von Suff und Untreue. Sie predigten Disziplin und Askese und pflegten eine extrem eng geknüpfte Gemeinschaft.

Zu lange stand die Amtskirche auf der Seite der Mächtigen

In Mittelamerika sind es, wenn überhaupt die Pfingstkirchen, denen es gelingt, Jugendliche aus den gewalttätigen Mara-Banden herauszubrechen, die dort ganze Länder terrorisieren. Die Evangelikalen setzen dem bizarren Gewaltkodex der Gangster ein ähnlich rigides System von Verhaltensregeln entgegen - das jedoch auf Nächstenliebe und Fleiß basiert und nicht auf Mord, Drogen und Gewalt. In Brasilien missioniert die evangelikale Bewegung erfolgreich in Favelas, sie geht in die Gefängnisse, der Prediger Marcos Pereira Silva umarmt Gefangene. Sie predigen eine individuelle Gotteserfahrung und nicht den Glauben als ererbtes Gut. Prominenteste Evangelikale Brasiliens ist Marina Silva, Präsidentschaftskandidatin der Sozialisten im vergangenen Jahr. Die Kautschukpflückerin mit afrobrasilianischem Hintergrund schaffte den Aufstieg aus der Armut bis in die Regierung und verkörpert den evangelikalen Traum von Erlösung durch Leistung. Alles prima also?

Naturgemäß haben Katholiken mehr Kritik anzubringen. Der Priester Miguel Pastorino, Sekretär des lateinamerikanischen katholischen Netzwerks zum Studium von Sekten, sagte dem Informationsdienst Infolatam über Evangelikale: "Sie sind ein Amalgam aus Spiritismus, afrobrasilianischen Kulten, Pfingstkirchentum mit gutem Marketing." Und tatsächlich predigen sie parallel zur Arbeitsmoral oft sehr konservative Werte, sind strikt gegen Abtreibung, Sex vor der Ehe oder Gleichstellung Homosexueller. In der Beziehung seien sie viel strenger als die Katholiken, schreibt die argentinische Zeitung La Nacion. Deshalb stehen die Evangelikalen meist in strikter Opposition zur neuen lateinamerikanischen Linken.

Josef Sayer war lange Chef der katholischen Hilfsorganisation Misereor, er arbeitete in Elendsvierteln. Die Evangelikalen sind ihm zu materialistisch. Es sei eine Theologie des Wohlstands, die schnellen Reichtum verspreche, sagt er. Doch er lobt durchaus ihr Engagement bei der Armutsbekämpfung. Das habe die katholische Theologie der Befreiung auch in den Mittelpunkt gestellt.

In den USA setzten sich selbsternannte Soldaten Gottes in Marsch

Doch die hatte es in den 1980er- und 1990er-Jahren schwer. Die Befreiungstheologie wurde bekämpft von der katholischen Amtskirche Lateinamerikas, die stark geprägt ist vom Opus Dei, tendenziell auf der Seite der Mächtigen stand, Waffen segnete und Diktatoren das Abendmahl spendete. Befreiungstheologen wurden zusammen mit linken Guerilleros ermordet, eingekerkert, gefoltert. Die USA halfen zeitweise nach Kräften dabei, weil sie ein zweites Kuba befürchteten. Präsident Ronald Reagan ließ Diktatoren und rechte Guerilleros militärisch und wirtschaftlich alimentieren. Zu dieser Zeit setzten sich auch religiöse Stoßtrupps aus den USA in Marsch, Soldaten Gottes sozusagen, die gegen mutmaßliche christliche Marxisten wie Romero oder Ernesto Cardenal mit der Bibel in der Hand kämpften. Für Josef Sayer sind viele Evangelikale Vorboten des US-Einflusses. Einer der schlimmsten Massenmörder der Epoche war ein Evangelikaler, der guatemaltekische Diktator Efraín Ríos Montt. Er ließ Indio-Dörfer mit Napalm auslöschen. Damals genügte es oft, eine katholische Bibel oder einen Rosenkranz dabei zu haben, um für einen Marxisten gehalten und getötet zu werden, berichtet Josef Sayer.

Die Revolutionen scheiterten, und die katholische Amtskirche verharrte meist aufseiten der Mächtigen: Das ließ viele Menschen in den 1990er-Jahren auf die Suche nach neuen Religionen gehen. Sie fanden eine, die sich anschickte, Lateinamerika zu erobern: die des Marktes. In Oscar Romeros Heimatland El Salvador vollzog sich nach Ende des Bürgerkriegs ein rasanter Aufschwung, es ist eines der wirtschaftlich erfolgreichsten Länder der Hemisphäre. Die evangelikalen Bewegungen boten dafür das spirituelle Rüstzeug. In den 1960er-Jahren waren nur drei Prozent der Salvadorianer Mitglieder solcher Glaubensgemeinschaften, heute sind es gut 30 Prozent. Papst Franziskus sagt wohl auch selbstkritisch über die Konkurrenz: Sie "füllen eine Leere, die der säkulare Rationalismus geöffnet hat".