Bundesparteitag der FDP Nach der Katastrophe kommt die Harmonie

Bussi für die Siegerin: Parteichef Christian Lindner gratuliert der Spitzenkandidatin der Bremer FDP, Lencke Steiner.

(Foto: dpa)
  • Vor dem Bundesparteitag der FDP tritt die Partei erstmals seit langer Zeit wie eine verschworene Truppe auf. Die Erfolge in Hamburg und zuletzt in Bremen zeugen von ihrer Erholung.
  • Diese Entwicklung wäre nicht ohne die Niederlage bei der Wahl 2013 möglich gewesen, als die FDP aus dem Bundestag flog.
  • Verantwortlich für den Aufwärtstrend sind auch Katja Suding und Lencke Steiner, die die Partei mit ungewöhnlich frechen Wahlkämpfen in die Landesparlamente in Hamburg und Bremen führten.
Von Stefan Braun, Berlin

"Keine Sau braucht die FDP." Wie haben die Leute über dieses Wahlplakat gelacht. Und wie sehr haben sie dann den Kopf geschüttelt! Nicht etwa, weil hier eine andere Partei eine negative Kampagne gegen die Liberalen gefahren hätte. Es ist die FDP gewesen, die diesen Spruch 2014 plakatierte. Genauer gesagt: Es waren die Freien Demokraten in Brandenburg, die mit dieser Provokation die Abneigung gegen ihre Partei brechen wollten. Dass sie das Plakat später mit gar nicht so bescheuerten Sprüchen überklebten, hat kaum jemand mehr wahrgenommen. Haften blieb: "Keine Sau braucht die FDP.''

Für die Liberalen in Deutschland ist das der endgültige Tiefpunkt eines katastrophalen Absturzes gewesen. Eines Absturzes, der kurz nach dem größten Wahlerfolg 2009 mit fallenden Umfragen einsetzte und im Rauswurf aus dem Bundestag endete. Eines Absturzes allerdings auch, der zwingende Voraussetzung dafür war, sich überhaupt noch mal zu erholen.

Und plötzlich jagt der Puls

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Das zeigt ein Blick auf die heutige Parteiführung. Kein Streit, keine vergifteten Komplimente, keine politischen Fallen mehr, sondern Vertrauen und Loyalität. "Würden wir jetzt nicht zusammenhalten, könnten wir gleich aufgeben", sagt einer aus der engsten Führung. Parteichef Christian Lindner klingt etwas pathetischer, wenn er sagt, dass er "noch nie in so einer guten Atmosphäre gearbeitet" habe. Natürlich ist nicht alles so schön, wie es klingen soll. Streit aber ist bislang ausgeblieben.

"Keine Querschüsse, keine Besserwisser, keine persönlichen Attacken"

Aus diesem Grund werden Lindner und seine Parteispitze am Wochenende auf dem Parteitag viel Lob ernten. Es mag hier und da Kritik und vielleicht auch die eine oder andere Kampfkandidatur geben. Aber nach vielen Monaten des friedlichen Zusammenlebens und den jüngsten Erfolgen in Hamburg und Bremen spricht alles dafür, dass Lindner und Co. viel Beifall einfahren werden. Und der wichtigste Grund dafür ist tatsächlich, dass diese FDP zum ersten Mal seit Langem wie eine kleine verschworene Truppe auftritt. ,,Erstmals seit Jahren gehen wir in Präsidiumssitzungen, ohne die nächste Agenturmeldung fürchten zu müssen", erzählt einer, der die schlimmsten Zeiten miterlebt hat. "Es gibt keine Querschüsse, keine Besserwisser, keine persönlichen Attacken." Man merkt dem Mann an, wie das früher an den Nerven gezehrt hat.

"Keine Sau braucht die FDP" - von wegen!

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Um diesen Zustand zu erreichen, mussten andere freilich knallhart Wahlen verlieren. Ohne diese Niederlagen wäre die Katharsis kaum möglich geworden. Geschehen ist das vor allem im dramatischen Herbst 2013 - und doch hätte es nicht diese Wirkung gehabt, wenn die FDP zwar aus der Regierung geflogen wäre, aber einen Platz im Parlament behalten hätte. "Es musste die volle Niederlage sein", heißt es heute auch bei vielen, die mit dem damaligen Totalabsturz selbst ihr Amt verloren.

Hinzu kam freilich noch, dass auch die Landtagswahlen, die 2014 folgten, krachend verloren gingen. Wären sie das nicht, hätten Spannungen das Bild einer zerstrittenen Partei aufrechterhalten. Ob in Sachsen, in Thüringen oder in Brandenburg - jedes Mal versuchten Landes-Liberale, sich aggressiv von Berlin abzusetzen. Am stärksten tat das der Sachsen-Rebell Holger Zastrow. Hätte er Erfolg gehabt, wäre das zu einem Modell geworden und hätte die Kämpfe fortgesetzt, die das Ansehen der FDP so sehr zerstört hatten.

Lindner schart Leute um sich, denen er "blind vertraut"

So aber konnte Parteichef Lindner unangefochten Leute um sich herum platzieren, die er seit Langem kennt, denen er "blind vertraut", wie er selbst sagt - und die sich in den Regierungsjahren von der kühlen, unsozial-egoistisch anmutenden Tonlage der Vorgänger abgestoßen fühlten.

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Wichtigste Figuren für Lindner sind sein Bundesgeschäftsführer Marco Buschmann, sein NRW-Generalsekretär Johannes Vogel und seine beiden Sprecher Moritz Kracht und Nils Droste. Alle fünf sind zwischen 1977 und 1982 geboren, alle fünf kennen sich seit den Tagen, als sie sich mit zum Teil ungewöhnlich sozialliberalen Positionen bei den Jungen Liberalen engagierten. Dass Wolfgang Kubicki noch immer Parteivize ist und Hermann Otto Solms Schatzmeister, ändert am zentralen Einfluss der fünf wenig. Gleiches gilt für die Generalsekretärin Nicola Beer. Sie gehört dazu, weil sie den Kurs mitmacht, nicht weil sie ihn herausfordern würde.

Der zweite Grund für die langsame Erholung sind zwei Frauen, die sich bei den jüngsten Landtagswahlen erfrischend anders als die alte FDP präsentierten. Ihre Erfolge könnten zwar auch daran liegen, dass sich Katja Suding in Hamburg wie Lencke Steiner in Bremen früh auf das Thema Bildung stürzten, mit dem man vor allem bei Landtagswahlen oft punkten kann. Nicht ohne Grund will auch die Berliner Parteispitze nach einer Mitgliederbefragung die Chancengerechtigkeit bei der Bildung ins Zentrum künftiger Kampagnen rücken.

Die Wahlkämpfe von Suding und Steiner waren ungewöhnlich frech

Wichtiger aber dürfte sein, dass beide mit für die FDP ungewöhnlich frechen Auftritten auf sich aufmerksam machten. Sudings "Ihr Mann für Hamburg" und Steiners "Unsere Kinder sollen alles werden können. Außer dumm" blieben im Gedächtnis. Nimmt man ihre Facebook-Auftritte, Blogs und Video-Botschaften auf den eigenen Webseiten dazu, dann lässt sich gut erklären, warum es ihnen gelang, bei 7,4 Prozent und 6,6 Prozent zu landen. Erste Folge: Suding möchte zur stellvertretenden Vorsitzenden aufsteigen.

Übrig bleibt nur Verachtung

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Wie nachhaltig die Erfolge in zwei Stadtstaaten sein werden, kann freilich niemand sagen. Auch Berufsoptimist Lindner bremst alle, die schon wieder über Koalitionsoptionen schwadronieren. Seine Botschaft, man stecke noch im Vorgebirge, heißt vor allem, dass der Weg zum Gipfel noch weit ist. Nur eines will er unbedingt schon unter die Leute tragen: "Wenn die FDP 2017 ihr Comeback schafft, wird es nicht mehr dieselbe Partei sein wie 2013."

Ob das der Sachse Holger Zastrow genauso sieht, ist offen. Weniger offen ist, dass ausgerechnet er, noch vor Jahresfrist scharfer Kritiker der Berliner Führung, wieder für einen Posten im Präsidium kandidieren möchte. Mit Unterstützung des Parteichefs. Die einen würden das gerne als "ultimative Aussöhnung" darstellen. Kritische Geister fürchten dagegen, dass damit eine Rückkehr alter Konflikte drohen könnte. Ob die FDP dafür schon reif ist, entscheidet am Freitag der Parteitag.