Von Von Jens Schneider

Während CDU und PDS in Sachsen darum bangen, ob sie die bisherigen Ergebnisse halten können, geben sich vier kleine Parteien, darunter die SPD, hoffnungsfroh.

Der Generalsekretär der sächsischen CDU ist ein verbindlicher Kerl, der öffentlich stets ein harmloses Allerweltfreund-Lächeln zeigt. Fast könnte man dem jungenhaft wirkenden Hermann Winkler glauben, dass er zu keiner Bosheit imstande sei.

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Hat den begabten Trickser doch mal jemand erwischt, behauptet der 41-Jährige mit dem Gestus großer Arglosigkeit, es sei alles nicht so gemeint gewesen.

So wollte Winkler es auch diesmal halten. Aber die Konkurrenten mögen sich nicht beruhigen über eine Entgleisung des Christdemokraten. SPD und PDS empören sich, die Grünen haben Strafanzeige gestellt.

Sie fühlen sich mit Rechtsextremen gleichgesetzt. Auslöser der Wut ist eine Wahlanzeige in Winklers Heimat. Darin warb er für die CDU: "Klarer Kurs statt Rot-Grün-Braunem Chaos."

Winklers Instinktlosigkeit ist ein Indiz für die Nervosität, die Sachsens CDU kurz vor der Wahl am Sonntag befallen hat. Nach 14 Jahren der Alleinregierung - und 56,9 Prozent unter Kurt Biedenkopf im Jahr 1999 - muss dessen Nachfolger Georg Milbradt bangen. Zwei Dinge dürften den Wahlabend beherrschen: das Abschneiden der NPD - und die Zukunft des Regierungschefs Milbradt.

Viele Unbekannte

Beharrlich preist die CDU im wirtschaftlich stärksten ostdeutschen Land, das dennoch 18 Prozent Arbeitslosigkeit aufweist, ihre Verdienste - und warnt, alles wäre vorbei, wenn sie ihre absolute Mehrheit verlöre.

Dann würden PDS, SPD und Grüne die Macht übernehmen, mahnt Milbradt - wider besseren Wissens. Auch in seiner eigenen Partei gehen die Spekulationen in eine andere Richtung, weil eine Zusammenarbeit der drei Parteien unrealistisch ist.

Ohnehin: Zum Verlust der absoluten Mehrheit der Mandate für die Union wird es wohl nur kommen, wenn auch die rechtsextreme NPD und die FDP in den Landtag kommen.

Dann aber müsste die CDU sich einen kleinen Partner suchen, am ehesten die FDP, sonst die SPD. Schwarz-Grün wird offiziell ausgeschlossen.

Dem Mathematiker und Wirtschaftsprofessor Milbradt dürfte die enorme Unberechenbarkeit der Wähler Magengrimmen bereiten. Es gibt zu viele Unbekannte.

Das beginnt mit ihm selbst. Milbradt ist mit Abstand der beliebteste Politiker. Doch das sagt wenig über die Bindungskraft des schwachen Selbstdarstellers.

Wo Biedenkopf über Parteigrenzen hinweg Wähler anzog, stößt er an seine Grenzen. Die CDU hat außerhalb ihrer Kern-Kompetenzen Wirtschaft und Finanzen wenig vorzuweisen, ihr Personal wie etwa Wissenschaftsminister Matthias Rößler ist umstritten.

Inzwischen wünschen sich laut Umfragen viele Wähler, dass die CDU einen Koalitionspartner bekommt. Schwer einzuschätzen ist, wie sich der leichte bundesweite Abwärts-Trend der Union auswirkt.

So wie Sachsens Union konnte sich auch die PDS bei Landtagswahlen stets auf ihre Wähler verlassen. Doch diesmal sind die Sozialisten verunsichert.

Nach guten Umfragewerten fielen sie zuletzt zurück. Wider Erwarten scheinen der Partei die Stasi-Vorwürfe gegen ihren Spitzenkandidaten Peter Porsch zu schaden.

Krisenmanagement

Längst gärt es in der PDS. Während sie nach außen immer neue Solidaritätsbekundungen für ihren Spitzenmann aussendet, wird intern über das Krisenmanagement gebarmt.

Inzwischen sieht man auf Plakaten sein vorher omnipräsentes Konterfei seltener; statt dessen Parolen gegen Hartz IV.

Gibt es für die SPD in Sachsen einen Boden? Sie begegnet der Frage mit Gleichmut. In der Partei wird wohlwollen vermerkt, dass Spitzenkandidat Thomas Jurk im Wahlkampf trotz der Hartz-IV-Proteste nicht resignierte, sondern Profil gewonnen hat.

Man hofft sogar, mehr als die 10,7 Prozent zu erreichen, vor fünf Jahren das schlechteste SPD-Ergebnis aller Zeiten. Heimlich wird über Ministerkandidaten spekuliert.

Aber es bleibt die Angst, dass die Umfragen - wie zuletzt in Thüringen - zu positiv waren und man am Ende in die Einstelligkeit rutscht. Für die Grünen mit Antje Hermenau an der Spitze gilt die Rückkehr in den Landtag nach zehn Jahren als sicher.

Nicht nur der Bundestrend soll den Aufschwung der Partei bringen, die vor allem in den Großstädten Dresden und Leipzig eine Basis gefunden hat.

Wer kommt?

Ist es eigentlich gut, wenn der Herbst kommt? Seit Wochen versprechen FDP-Plakate genau dies: "Der Herbst kommt." Inzwischen verkünden neue Plakate, dass der FDP-Politiker Torsten Herbst gemeint ist, den freilich so richtig niemand kennt.

Der 35 Jahre alte FDP-Spitzenkandidat Holger Zastrow - Inhaber einer Dresdner Werbeagentur - spricht von einem "Spannungsbogen". Es ist nicht der einzige überraschende Slogan der Freidemokraten.

Sie klingen, was sie freilich seit zehn Jahren auch sind, wie eine populistische APO - mit Forderungen nach Senkung der Diäten und dem Slogan "Herz statt Hartz". Zastrow erklärt dies als "eigenen sächsischen Weg".

Sachsens FDP sei keine Klientelpartei, sondern "eine Volkspartei", die berechtigte Sorgen der Bürger ausdrücke. Dazu gehöre für ihn, dass Hartz IV eine falsch umgesetzte, und herzlose Reform sei.

Noch vor fünf Jahren wählten, so Zastrow, "uns im Grunde nur wir selbst und unsere Familien", faktisch ein Prozent. Diesmal könnte es laut Umfragen für die Rückkehr in den Landtag reichen.

Was die rechtsextreme NPD angeht, zweifelt fast schon niemand mehr. Allzu viele Wähler haben zuletzt ihre Absicht bekundet, sie zu wählen. Schwer berechenbar erscheint, ob den Rechten die Appelle, sie nicht zu wählen, überhaupt schaden.

Dresdner Künstler und die Spitzen der Kirchen haben sich deutlich zu Wort gemeldet. Nicht nur mit Pathos, auch mit Witz warnen großflächige Plakate: "Nazis nehmen uns die Arbeitsplätze weg."

Tatsächlich haben amerikanische Unternehmen im Land ihr Unbehagen signalisiert. Milbradt mahnt: Wenn die NPD in den Landtag komme, brauche er nicht mehr nach Amerika zu reisen, um Investoren anzuwerben.

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(SZ vom 18.9.2004)