Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern Der AfD-Wähler ist männlich und ungebildet? So einfach ist es nicht

Die AfD verdankt ihren Erfolg vor allem dem Thema Flüchtlingspolitik. Damit mobilisiert sie frühere Nichtwähler - und punktet bei allen Bevölkerungsschichten.

Von Paul Munzinger und Katharina Brunner

Es ist eine Wahl, die nur Verlierer hervorgebracht hat - mit einer Ausnahme: der AfD. Auf mehr als 21 Prozent kommen die Rechtspopulisten in Mecklenburg-Vorpommern. Zum zweiten Mal ziehen sie aus dem Stand mit mehr als 20 Prozent in ein Landesparlament ein; wie in Sachsen-Anhalt im März stellen sie auf Anhieb die zweitstärkste Fraktion.

Die Verlierer-Parade stellt sich, rein zahlenmäßig, in folgender Reihenfolge auf: Die Linke hat am meisten verloren, mehr als fünf Prozentpunkte. Jeder dritte Wähler ist ihr davongelaufen. Hoch sind auch die Verluste der SPD, die aber mit dem Schlimmsten rechnen musste und sich deshalb trotz eines Minus von 5 Prozentpunkten als Wahlsiegerin fühlen darf. Die Grünen: 3,9 Prozentpunkte weniger, Einzug in den Landtag verpasst. NPD: Stimmenanteil halbiert, Einzug in den Landtag verpasst.

Und die CDU? Hat "nur" 4 Prozentpunkte verloren - doch was die gefühlte Temperatur angeht, hat keine Partei einen derartigen Kälteschock erlitten. Die Union ist nur noch drittstärkste Partei in Mecklenburg-Vorpommern, der politischen Heimat von Kanzlerin Angela Merkel, erstmals überhaupt landet sie hinter der AfD. Spitzenkandidat Lorenz Caffier hat am Abend noch einmal auf die "positiven landespolitischen Entwicklungen" hingewiesen, auf die die CDU als Teil der großen Koalition zurückblicken könne, die aber bei der Wahl schlicht niemanden interessiert hätten. Das wichtigste Thema sei die Flüchtlingspolitik gewesen, klagte Caffier durchaus resigniert - "auch wenn die Flüchtlinge als politische Frage hier keine Rolle spielen".

Bei allen Parteien gewildert

Die AfD hat bei allen Parteien gewildert. Das zeigen die Daten, die die Forschungsgruppe Wahlen im Auftrag des ZDF erhoben hat. 17 Prozent der AfD-Wähler hatten vor fünf Jahren ihr Kreuz bei der SPD gemacht, 16 Prozent bei der NPD, 15 Prozent bei der CDU, jeweils drei Prozent bei Grünen und FDP.

Bei Männern liegt die AfD gemeinsam mit der SPD ganz vorn (26 Prozent), aber auch bei Frauen kommt sie auf 17 Prozent. Bei den 30- bis 59-Jährigen kommt sie auf ein Viertel der Stimmen, aber auch die Jüngeren und die Älteren (jeweils 17 Prozent) haben der Partei deutlich zweistellige Ergebnisse beschert. Am stärksten ist die Partei bei Arbeitern, aber auch Selbstständige, Beamte und Angestellte stimmen für sie. Wähler der AfD haben am häufigsten eine mittlere Reife (27 Prozent), aber auch Hauptschulabschluss, Abitur oder Hochschulabschluss (14 Prozent).

Die AfD mag ihren Erfolg vor allem weniger gebildeten Männern mittleren Alters verdanken - doch wer ihn darauf reduziert, macht es sich zu leicht. Die AfD hat stabile Ergebnisse bei Männern und Frauen, bei Gebildeten und weniger Gebildeten, bei Jung und Alt, bei Ex-SPD-Wählern und früheren NPD-Unterstützern geholt. Sie hat sich in Mecklenburg-Vorpommern auf Anhieb zur Catch-All-Partei entwickelt, zu einer Partei, die für alle etwas zu bieten hat. Die Zahlen legen aber auch nahe, dass das, was sie zu bieten hat, fast immer das Gleiche ist: eine Möglichkeit, Protest gegen die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin auszudrücken.

Als das drängendste Problem des Landes gaben die Wähler das Thema Arbeitsplätze an (37 Prozent) - neun Prozent der Einwohner von Mecklenburg-Vorpommern sind ohne Job, einer der höchsten Werte in Deutschland. Die Themen Flüchtlinge und Integration folgen erst auf Rang zwei (28 Prozent). Doch es sind die Themen, die der AfD am meisten Zulauf verschaffen. 82 Prozent der AfD-Wähler gaben an, die Flüchtlingspolitik sei für ihre Wahlentscheidung wichtig gewesen - insgesamt war es jeder zweite.

Und nur im Bereich Flüchtlingspolitik billigten die Befragten der Partei überhaupt nennenswerte Kompetenz zu: 17 Prozent gaben an, die AfD löse die Probleme in der Flüchtlingspolitik am besten. Alle anderen Themenfelder - Arbeitsplätze (drei Prozent), Bildungspolitik (vier Prozent), soziale Gerechtigkeit (sechs Prozent) - hätten die AfD kaum über die Fünf-Prozent-Hürde gebracht. Dem Selbstbild der AfD, die sich vehement gegen die Einstufung als Ein-Themen-Partei wehrt, entsprechen diese Zahlen nicht.

Jeder zweite einstige Nichtwähler stimmte nun für die AfD

Der AfD ist jenseits thematischer Schwerpunkte aber vor allem etwas gelungen, was sie bereits bei den drei Landtagswahlen im März geschafft hatte: Sie hat zahlreiche Nichtwähler mobilisiert. Mehr als jeder dritte AfD-Wähler von heute war 2011 noch zu Hause geblieben. Die Wahlbeteiligung stieg im ganzen Bundesland um neun Prozentpunkte auf 60,5 Prozent. Was im bundesweiten Vergleich immer noch ein unterdurchschnittlicher Wert ist, bedeutet für Mecklenburg-Vorpommern die höchste Wahlbeteiligung seit der Landtagswahl 2002. Und jeder zweite der laut Infratest Dimap 112 000 einstigen Nichtwähler machte sein Kreuz bei der AfD.

Im März, als die AfD-Wahlerfolge in Sachsen-Anhalt, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg mit einer in allen Bundesländern gestiegenen Wahlbeteiligung einhergingen, sprach die Partei von einem "großen Tag für die Demokratie". Allerdings lohnt sich ein Blick auf die Motivation ihrer Wähler: Mehr als die Hälfte gab an, die Partei aufgrund ihrer politischen Forderungen gewählt zu haben. Immerhin 42 Prozent aber sprachen von einem Denkzettel für andere Parteien.

Methode Angstmacherei

Die AfD schürt gerne Ängste und hat damit Erfolg. In Mecklenburg-Vorpommern wird sie sogar zweitstärkste Kraft. Ihre Wähler erwarten von ihr jedoch wenig. Kommentar von Heribert Prantl mehr ...