Eine Reportage von C. Hickmann und D. Esslinger

Erst himmelhoch jauchzend und nun doch betrübt: An einem Abend mit vielen Wendungen feiert die SPD ihre Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti - und muss dann doch den ersten Platz dem schwer geschlagenen Roland Koch überlassen.

Zum Schluss gibt es dann sogar noch Tränen, was so ziemlich die absurdeste Wendung ist, die man sich am Ende dieses langen Abends vorstellen kann. Vor Raum 510 W des hessischen Landtags, wo sich die Sozialdemokraten versammelt haben, fließen ein paar Tränen, als das vorläufige amtliche Endergebnis bekannt ist. Nun ist die SPD doch nicht stärkste Partei, obwohl sich das den ganzen Abend abgezeichnet hatte.

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Hessens SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti: "Die Partei hat gewonnen" (© Foto: ddp)

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Um 0,1 Prozentpunkte liegt sie hinter der CDU - doch für eine schwarz-gelbe Mehrheit reicht es auch nicht. In eine Große Koalition aber müsste die SPD nun als Juniorpartner gehen, weshalb sich bei manchen jetzt die Anspannung der vergangenen Wochen, Tage, Stunden Bahn bricht und vor allem diese Unsicherheit, in der sie diesen Abend verbracht haben, erst himmelhoch jauchzend und nun doch betrübt. Dabei, aber das scheinen hier gerade die Wenigsten zu realisieren, haben sie doch jetzt schon so viel mehr erreicht, als sie eigentlich erwartet hatten.

Zweieinhalb Stunden zuvor: Gerade hat jene Frau sich ihren Weg durch die Menge in Raum 510 W gebahnt, deren Vornamen sie heute hier schon so oft gebrüllt haben: Andrea Ypsilanti. Es ist ein Triumphzug gewesen, jetzt steht sie auf der Bühne, und es sind nur ein paar Augenblicke, doch in diesen wenigen Momenten spürt man, wie sehr sie vieles gekränkt haben muss. Die eigenen Parteifreunde, die ihr das alles nicht zugetraut hatten, die Medien, denen sie immer wieder hatte erklären müssen, warum sie an ihren Erfolg glaube, obwohl doch alles so lange so aussichtslos erschien.

Ringen um die Deutung

Nun steht sie oben und sagt: "Hier sind meine Freundinnen und Freunde, meine Genossinnen und Genossen, und mit denen möchte ich jetzt reden." Sie sagt es zu den Kameraleuten, den Fotografen vor ihr, und es steckt in diesen Sätzen auch die Botschaft: In diesem Raum stehen Menschen, die an mich geglaubt haben und Menschen, die das nie getan haben. Die geglaubt haben, die hatten Recht.

Dann spricht sie, immer wieder unterbrochen von Jubel und dem Stakkato jener "Koch-ist-weg!"-Rufe, die sie schon um 18 Uhr ausgestoßen haben, obwohl so wenig klar und so vieles offen war. "Wir sagen heute Abend, die Sozialdemokratie ist wieder da!", ruft Andrea Ypsilanti in die Menge, und es wird noch lauter, als es im Fraktionssitzungsaal der SPD an diesem Abend ohnehin schon immer wieder gewesen ist seit Bekanntgabe der ersten Zahlen um 18 Uhr.

Am Anfang, da hatte die SPD-Spitzenkandidatin noch in einem sehr engen Kreis gesessen und auf genauere Zahlen gewartet. Die Stimmung ist gut gewesen dort, aber nicht überschwänglich, und auch bei ihrem ersten Auftritt wirkt Ypsilanti gut gelaunt, aber nicht ausgelassen.

Doch sie hat schon am Morgen dieses entscheidenden Sonntags gewusst, dass sie in diesem Januar viel gewonnen hatte, ganz gleich, was der Abend noch bringen würde: die Anerkennung der Partei, die Aufmerksamkeit der gesamten Republik und vor allem neues Selbstbewusstsein.

Und doch geht es am Abend, als noch nichts klar ist, auch schon um jene Dinge, die über diesen Tag hinausweisen. Es geht nun innerhalb der SPD auch darum, das Ergebnis dieses Abends zu deuten, die öffentliche Meinung zu bestimmen. Die Parteiflügel verfolgen nun auch wieder ihre eigenen Ziele, nachdem sie in den vergangenen Wochen zusammengerückt waren, weil plötzlich alle auf einen Erfolg hoffen durften und somit auf die Teilhabe daran.

Nun wollen die Parteilinken um Ypsilanti dieses Ergebnis so interpretiert haben, wie sie es sich wünschen: als Auswirkung des linken Profils ihrer Spitzenkandidatin, sie diktieren das in viele Blöcke und sagen es in viele Mikrophone. Auch Ypsilanti selbst sagt dazu einen klaren Satz: Die SPD habe gezeigt, dass man mit dem Thema Gerechtigkeit Wahlen gewinnen könne - "und das gilt auch für die Bundesebene", ruft sie.

Im anderen Lager hingegen, bei den Netzwerkern und Parteirechten, fürchtet man genau diese Interpretation. Setzt sie sich an diesem Abend und in den Tagen danach durch, könnten die Linken darauf dringen, bundespolitisch noch stärker diesen Kurs zu verfolgen. Jenseits der Scheinwerfer, des Lächelns und der Erleichterung also geht es in der SPD an diesem Abend auch um die Deutungshoheit, um Machtfragen. Und das Koordinatensystem der Sozialdemokratie.

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