Landflucht Leben in der Geisterstadt

In vielen Innenstädten stehen Ladenflächen leer (Archivbild aus Erding).

(Foto: Bauersachs)

Bekommt die Sparkassenfiliale bald einen Platz im Heimatmuseum, neben dem Tante-Emma-Laden? In Deutschlands Provinz sterben Läden und Geschäfte, die Innenstädte veröden.

Von Joachim Käppner

Über Amorbach hat der Philosoph Theodor W. Adorno gesagt, das Klosterstädtchen im Odenwald sei "der einzige Ort auf diesem fragwürdigen Planeten, in dem ich mich im Grunde noch zuhause fühle". Vor den Nazis war er geflohen, und als er zurück aus dem Exil kam, nahm er im "Hotel Post" Quartier. Amorbach erschien ihm als Insel, vielleicht weil das "Anmutig-Liebliche, Helle, Frohe und Heitere" das Wesen der Barockstadt bestimmte, wie es in einem alten Heimatbuch hieß. Die Kirchtürme, Gassen und Fachwerkhäuser sind noch immer schön, aber nicht wenige Läden und Geschäfte stehen leer. Das "Hotel Post" ist verlassen, das andere gute Haus am Platze ebenso. Das Hallenbad ist dicht. In der Region verschwinden immer mehr Sparkassen, Tendenz steigend.

Es ist eine schleichende Verödung wie in so vielen Unterzentren jenseits der Boomgegenden: Kaufhäuser und kleine Läden schließen, die Postfiliale ebenso, Wirtshäuser machen dicht. Der Deutsche Städtetag beklagt die "drohende Verödung der Innenstädte". Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Deutschland (HDE), schätzt, dass innerhalb der nächsten fünf Jahre "bis zu 50 000 Handelsstandorte in Deutschland wegfallen werden", von jetzt 450 000 Läden, Geschäften, Filialen - und das, obwohl der Einzelhandel dank der guten Wirtschaftslage gerade blüht.

Der Tante-Emma-Laden ist bereits ein Fall für das Heimatmuseum, wo er gern nachgebaut wird, samt Waage, Brausetütchen und Gläsern voller Erdbeerbonbons. Bald könnte daneben eine Sparkassen-Filiale stehen, Abteilung: So waren die Siebzigerjahre, die Bank des kleinen Mannes mit Kundenschalter und Überweisungsformular. Zuletzt hatte der Sparkassen- und Giroverband eine weitere Ausdünnung des Filialnetzes angekündigt und die Konzentration auf "Beratungs-Know-how", so Verbandspräsident Georg Fahrenschon. Niedrigzinsen und Online-Banking belasten das Gewerbe. Bayerns Sparkassen wollen bis zu 220 ihrer 2200 Geschäftsstellen schließen. Und das ist nur der Anfang. Oliver Mihm, Vorstandschef der Finanzmarkt-Beratungsfirma Investors Marketing, geht davon aus, dass in den kommenden Jahren bis zu 35 Prozent aller deutschen Bankfilialen zumachen oder zu Selbstbedienungs-Standorten werden.

Credit: SZ-Grafik; Quelle: Investors Marketing AG

Den Vorwurf vieler Kommunen an die Sparkassen, sie zögen sich, obwohl öffentliche Geldhäuser, aus der Fläche und damit aus der Verantwortung zurück, will Mihm aber nicht gelten lassen: "Wenn ein Bürgermeister glaubt, zur Belebung seiner City brauche er möglichst viele Bankfilialen, hat er nicht verstanden, wie Handel funktioniert." Entscheidend sei doch, dass immer mehr Kunden Bankgeschäfte daheim am Computer erledigen: "Und eine Sparkasse, in die niemand hineingeht, macht eine Stadt nicht attraktiver."

Probleme sind auch hausgemacht

Dennoch betrachten viele Städte in der Provinz das Filialsterben als weiteren Sargnagel. US-Szenarien, wo manche inner cities nur noch für Straßenräuber ein lohnendes Ziel bieten, sind zwar noch um einiges entfernt. Aber die Warnzeichen sind da. Mit Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) hat der Handelsverband daher 2015 eine "Dialogplattform" gegründet, wie sich die Verödung verhindern lässt, und mit dem Städte- und Gemeindebund soeben eine "Allianz für die Innenstadt". Erste Erkenntnis der Beratungen: "Ein neues Stadterlebnis lässt sich schaffen", so HDE-Hauptgeschäftsführer Gehm, "doch nur mit großen, gemeinsamen Anstrengungen." Es sei noch nicht zu spät, sagt auch Ricarda Pätzold vom Deutschen Institut für Urbanistik, "aber wenn man jetzt nicht anfangen würde, wäre der Bedeutungsverlust vieler kleiner Städte kaum aufzuhalten".

Zwar wird kein Dialogforum verhindern, dass die Leute online einkaufen und immer mobiler werden. Aber viele Probleme der Kommunen seien "auch hausgemacht und Ergebnis von Kirchturmpolitik", so Pätzold - etwa die Flächenausweisung für Discounter, um dem Nachbarort zuvorzukommen. Die Folge für die kleinen Geschäfte in der Stadt: Leerstand, blinde Fenster, Tristesse. Viele Städte nutzen nicht mal die erlaubten vier verkaufsoffenen Sonntage im Jahr. Öffnungszeiten erinnern an die Ära Adenauer. Ein Wust von Vorschriften blockiert noch den letzten Metzger, der umbauen will; die Wlan-Versorgung ist schlechter als in Bangladesch. All dies lässt sich ändern.

Dann, glaubt Bankenberater Mihm, wird die Sparkasse ebenfalls eine Zukunft haben: "Es wird sie auch in 50 Jahren noch geben, weil das Netz die direkte Beratung von Mensch zu Mensch nicht ersetzen kann." Auch Amorbach will die Stadt neu beleben und als Erstes die leeren Hotels zu einem Stadthotel vereinen, damit Reisegruppen im Ort bleiben können. Vielleicht wird im neuen Hotel an Adorno erinnert, der hier darüber nachsann, was es bedeutet, zu Hause zu sein.

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