Lageso Bärendienst

Nach dem erfundenen Tod eines Flüchtlings räumt das Bündnis "Moabit hilft" Fehler ein. Der betroffene Mitarbeiter soll extrem erschöpft gewesen sein.

Von Jens Schneider

Auch an diesem Vormittag stehen auf dem Platz in Moabit Flüchtlinge in einer langen Schlange vor den Zelten, in denen sie weiter warten können. Das Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales, berüchtigt geworden unter dem Kürzel Lageso, ist seit Monaten überfordert mit der Aufgabe, Flüchtlinge zu versorgen, die Geld für Essen brauchen oder Unterkunft. Der Verein "Moabit hilft" nutzt ein kleines Haus auf dem Gelände, um von hier aus die Wartenden zu unterstützen. Im Flur drängen sich Hilfesuchende, sie wollen Rat, halten bittend den Helfern amtliche Papiere hin, die sie überfordern. Hat einer eine Antwort bekommen, stehen zwei neue da. So geht das seit Monaten. Diana Henniges winkt ab, verweist an Kollegen. Sie muss wieder ans Handy, um zu erklären, was auch sie nicht erklären kann.

"Es ist absurd, so mit dem Schicksal von Menschen zu spielen", sagt die Sprecherin der Initiative über das Geschehene - über die Aufregung vom Mittwoch, als stundenlang die Nachricht vom Tod eines Flüchtlings verbreitet wurde. Ein 24 Jahre alter Flüchtling aus Syrien sei gestorben, nachdem er mehrere Tage am Lageso vergeblich auf Hilfe gewartet hatte, dies schrieb einer der ehrenamtlichen Helfer. Auf Facebook konnte man ein dramatisches Protokoll der letzten Minuten des Flüchtlings in einem Rettungswagen lesen.

"Moabit hilft" verbreitete die Meldung und setzte eine Traueranzeige ins Netz: "Du kamst aus Syrien. Du hast so viel überlebt. Du hast das Lageso nicht überlebt", stand da. "Du bist letzte Nacht verstorben. Wir weinen." Vor dem Amt entzündeten die Helfer Kerzen. "Wir haben da Mist gebaut", sagt Henniges. "Wir haben das ungeprüft übernommen." Die Behörden suchten den ganzen Tag nach dem Toten. Am Abend gestand der Urheber der Nachricht gegenüber Polizisten die Lüge ein.

"Wir haben ihm geglaubt. Er genoss bei uns einen großen Vertrauensvorschuss. Er hat so vielen Flüchtlingen geholfen und große Feinfühligkeit bewiesen", erklärt Henniges. Sie nennt ihn den Hauptschuldigen, aber räumt ein: "Wir haben einen Fehler gemacht, dafür können wir uns nur entschuldigen." Henniges setzt hinterher, dass sie alle Ehrenamtler seien. "Wir sind kein mittelständisches Unternehmen, das Fußleisten herstellt. Wir haben keine professionellen Strukturen." Sie müssten aus diesem Fall lernen.

Rund hundert Ehrenamtler bilden laut Henniges den Kern der Helfer, die seit Monaten durch ihren Einsatz dafür sorgten, dass Flüchtlinge Essen bekamen und ein wenig Orientierung im Chaos des zeitweise von Tausenden belagerten Amtes fanden. Sie selbst verbringe hier 60 Stunden in der Woche, ebenfalls ehrenamtlich, sie ist Historikerin. Viele Helfer nahmen Flüchtlinge privat auf, begleiteten sie zu Behörden, rieben sich auf, so wie jener 39-Jährige, der dem Verein nicht angehört, aber seit den Anfängen dabei war - und nun die Falschmeldung erfand. Henniges hat gehört, dass er ungeheuer erschöpft gewesen sei. Der Mann habe körperlich und psychisch seine Grenzen erreicht, auch Alkohol sei wohl im Spiel gewesen. Aber das erklärt für sie nichts. "Ich bringe kein Verständnis dafür auf. Er hat uns einen Bärendienst erwiesen", sagt Henniges.

Kurz nachdem die falsche Meldung die Runde gemacht hatte, standen Kerzen vor dem Lageso, wurden Trauerbekundungen aufgehängt.

(Foto: Tobias Schwarz/AFP)

Der Facebook-Eintrag über den angeblichen Toten wurde ungeprüft weiterverbreitet

"Moabit hilft" ist auch dafür bekannt, dass seine Sprecher in drastischen Worten Unzulänglichkeiten der Senatspolitik ansprechen. Sie wollen mehr tun als nur Hilfsgüter verteilen. Die Schärfe der Worte spiegelte oft wider, wie sehr die intensive Begegnung mit der Not der Geflüchteten nahegeht. Als der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) im Herbst die Ehrenamtlichen zu einer Dankesfeier ins Rote Rathaus lud, nannten sie das "geschmacklos und bigott" und blieben fern, weil der Senat nicht alles tue, um die Menschen bestmöglich aufzunehmen.

Die Gruppe kam im vergangenen Sommer zufällig vor dem Lageso zusammen. Wer da war, packte an oder rang mit den Behörden um Verbesserungen für die wartenden Flüchtlinge. Zwischendrin gab es Streit, einige zogen sich zurück. Acht Leute bilden heute, so Henniges, das "Administrations-Team". Feste Strukturen gebe es eigentlich nicht. Vieles werde per Chat abgestimmt, so sei es auch Mittwoch gewesen, als der Facebook-Eintrag über den angeblichen Toten bekannt wurde, und das Führungsteam die Nachricht verbreitete.

Berlins Innensenator und CDU-Chef Frank Henkel nannte diese Geschichte "eine der miesesten und perfidesten Aktionen, die ich jemals erlebt habe". Ihm fehle für "dieses schändliche Verhalten" jedes Verständnis. Henkel meinte zudem, dass auch die Sprecherin von "Moabit hilft" Verantwortung trage: "Wer solche Gerüchte streut und ungeprüft weiterverbreitet, legt es bewusst darauf an, die Stimmung in unserer Stadt zu vergiften." Henkel wollte rechtliche Konsequenzen "für den Urheber des Lügengebildes" geprüft wissen. Ein Polizeisprecher sagte am Donnerstag aber, dass es die nicht geben werde - es liege keine Straftat vor: "Er hat keinerlei Tatbestände erfüllt."

Zurückhaltender reagierte Henkels Parteifreund Mario Czaja, der als Sozialsenator wegen der Missstände immer wieder angegriffen wurde. Er warnte vor allgemeinen Verurteilungen. Am Mittwoch hatten Oppositionspolitiker vorsorglich seinen Rücktritt für den Fall gefordert, dass die Geschichte sich bestätigen sollte.

Henniges sagt, dass der Innensenator für sie keine Rolle spiele. "Er hat bisher auch kein Interesse an unserer Arbeit gezeigt." Mit der von Czaja geführten Sozialverwaltung gebe es einen ständigen Dialog, der Verein könne, wenn es dringend sei, auch per SMS die Staatssekretäre erreichen. Die Arbeit werde weitergehen, müsse aber wohl anders organisiert werden. "Moabit hilft" müsse sich professionalisieren, sagt die junge Vorsitzende, "und zukünftig müssen wir mehr aufpassen, wem wir vertrauen können."