Der Sonntag ist oft als ein Protest gegen die Kommerzialisierung der gesamten Lebenswelt beschrieben worden; eine generelle Öffnung der Geschäfte an diesem Tag schaltet diesen Protest aus. Es gibt aber einen Zusammenhang von Arbeit und Muße, von Produktion und Besinnung, von Rentabilität und Menschlichkeit. Der Sonntag als geschäftigkeitsfreier Tag stand bisher für diesen Zusammenhang.

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Seine Beseitigung wäre ein gefährlicher Erfahrungsverlust. Die Sonntage sind, so wie die kirchlichen Feiertage, Spuren des Heiligen in der Moderne. Es mag sein, dass das nicht mehr sehr viele Menschen spüren. Das macht nichts; sie sind trotzdem da.

Jeder muss selber wissen, wie Regeneration für ihn ausschaut. Für die meisten Deutschen ist der Sonntag nicht mehr der Tag des Gottesdienstes. Aus einem Tag, der den Christen als Tag der Erhebung über den Alltag gilt, ist überwiegend ein Tag der Erholung vom Alltag geworden. Das diskreditiert den Sonntag nicht; das macht aber auch die Forderung der Kirchen, den Sonntag als potentiellen "Freiraum für Gott" gesetzlich zu erhalten, nicht unberechtigt.

Schutz des Sonntags im Grundgesetz

Dieser Schutz des Sonntags und seiner religiösen Feiern steht im Grundgesetz, er gehört zur freundlichen Trennung von Kirche und Staat: "Der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt", heißt es da.

Es ist deshalb richtig und wichtig, dass sich die Kirchen gegen die Antisonntagsgesetze erheben. Das ist kein Akt eines christlichen Fundamentalismus, sondern des Gemeinsinns.

Es gibt eine schöne chassidische Erzählung, wie man mit dem Sabbat, mit dem Sonntag, richtig umgeht. Zwei Juden debattieren darüber, wer ihr größter Rabbi sei. Der eine sagt: "Ganz klar: meiner. Er geht in ein Dorf, legt einem Kranken die Hand auf, und der wird gesund. Wir brauchen nicht zu streiten."

"Doch, sagt der andere, mein Rabbi ist der größte, hör zu: Fuhr unser Zug von Lodz nach Lublin, mitten im Winter, die Gleise waren verweht, der Zug kam nicht weiter; die Männer fluchten, schaufelten herum, die Frauen froren, die Kinder weinten. Endlich waren die Gleise frei - aber der Sabbat war angebrochen, wo kein Rad sich drehen und kein Zug fahren darf. Was tat mein Rabbi? Ein Wunder: Er sprach den Sabbatsegen über alle. Und jetzt vernimmt: Links vom Gleis stand der Sabbat, rechts vom Gleis stand der Sabbat - und mitten durch fuhr unser Zug."

Die Lehre heute: Es ist gut, vom Sonntag so viel wie möglich stehen zu lassen.

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(SZ vom 19.11.2007/aho/sma)