Ein Kommentar von Heribert Prantl

Seitdem die Regelung der Ladenöffnungszeiten den Ländern übertragen wurde, wetteifern diese um deren Lockerung - dabei steht der Schutz des Sonntags im Grundgesetz. Es ist deshalb richtig und wichtig, dass sich die Kirchen gegen die Antisonntagsgesetze erheben.

Der Sonntag hat sich in einen Adventskalender der besonderen Art verwandelt: Seitdem mit der Föderalismusreform die Regelung der Ladenöffnungszeiten den Ländern übertragen wurde, wetteifern diese darin, möglichst viele Türchen zu öffnen.

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In Berlin haben viele Geschäfte auch Sonntags geöffnet - die Kirchen haben dagegen Verfassungsbeschwerde erhoben (© Foto: ddp)

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Am weitesten geht das Land Berlin: Dort darf jetzt, vor Weihnachten, aus Geschäftsgründen auch an Sonntagen rund um die Uhr verkauft werden. Wenn aber dann schließlich alle Türen und Türchen offen sind, ist nicht, wie beim normalen Adventskalender, Weihnachten; dann ist der Sonntag in seiner bisher gewohnten Form, als Tag der Ruhe und als christlicher Urfeiertag, abgeschafft.

Daher haben die christlichen Kirchen soeben zu Recht Verfassungsbeschwerde erhoben; die Gewerkschaften haben sich ihnen applaudierend zur Seite gesellt.

Es geht bei dem Vorhaben, den Sonntag zu retten, nicht nur um Tradition; es geht nicht nur um Religion, nicht nur um den "Tag des Herrn". Es geht um einen zentralen Wert von Kultur und Gemeinschaft. Der Sonntag, der für die Kirchen ein Tag der religiösen Erhebung und für die Gewerkschaften eine soziale Einrichtung ist, dieser Sonntag ist auch ein Tag der Synchronisation der Gesellschaft.

Fixpunkt der Woche

in Sonntag ist also etwas ganz anderes, als der freie Tag für einen Einzelnen. Es gilt, den Sonntag als den gemeinsamen Ruhe-, Erholungs- oder Erbauungstag der Gesellschaft zu sichern: Wenn aus dem Sonntag ein individuell gleitender Tag wird, ist jeder Tag Werktag. Dann verschwindet der Fixpunkt der Woche.

Natürlich hat es Ausnahmen vom Gebot der Sonntagsruhe immer gegeben - das muss so sein, weil der Sonntag nun einmal für den Menschen da ist, nicht der Mensch für den Sonntag. Und natürlich ist Sonntagsarbeit in bestimmten Berufen notwendig; das stört den Grundrhythmus der Zeit nicht, den der Sonntag vorgibt.

Eine generelle Öffnung der Geschäfte macht aber aus den Ausnahmen eine Regel; es verändert sich dann das generelle Bild des Sonntags. Auf den ersten Blick mag ja die Möglichkeit zum großen Sonntagseinkauf verbraucherfreundlich sein. Das wird aber nicht lang so bleiben: Wer heute sonntags einkaufen will, wird morgen sonntags auch arbeiten müssen. Die Ökonomisierung des Sonntags hört nämlich, wenn ihr einmal die Ladentüren aufgemacht worden sind, nicht in den Warenhäusern auf.

Die Merkformel für Ladenöffnungszeiten könnte simpel sein: Werktags fast immer; Sonntags fast nie. Der Sonntag ist dadurch Sonntag, dass er anders ist als andere Tage. Wer, wie in Berlin, die Hauptkennzeichen des Andersseins abschafft, schafft den Sonntag ab. Wenn der Gesetzgeber hier die Formel ausgibt, alles gehe, dann wird die Folge sein, dass er vieles verliert.

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