KZ Flossenbürg "Wir sind der Beweis gegen Fake News"

Bröselnde Baracken? Die Besucher stellen sich das ehemalige Konzentrationslager Flossenbürg in der Oberpfalz oft anders vor, sagt Jörg Skriebeleit, der Leiter der Gedenkstätte.

(Foto: imago/Westend61)

Sollen Besuche in früheren Konzentrationslagern für Schüler zur Pflicht werden? Der Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg berichtet, wie er mit gelangweilten Schülern umgeht - und warum auch gut vorbereite Klassen oft irritiert sind.

Interview von Ulrike Heidenreich

SZ: Sollte der Besuch einer KZ-Gedenkstätte für alle Schüler Pflicht werden?

Jörg Skriebeleit: Ich möchte das Wort Pflicht vermeiden. Aber eine stark in die Verantwortung nehmende Empfehlung finde ich sehr gut.

Die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli macht sich für Pflichtbesuche für Schüler und für Zuwanderer stark - als wirksames Mittel gegen Antisemitismus.

Das sind gleich drei große Schlagwörter, drei Reizwörter: Pflicht, Antisemitismus, Zuwanderer. Die Debatte, wie sie momentan geführt wird, polarisiert. Man muss die Schärfe herausnehmen. Da ist der eine Pol, der Pflichtbesuche fordert, der eine Erweckungshoffnung repräsentiert und die Gedenkstätte als sensibilisierende, kathartische Anstalt betrachtet. Und da ist der andere Pol mit dem Abwehrreflex, der von Zwangsbeglückung spricht und sagt, dass das dann wie in der DDR sei. Beide Positionen gehen von Gedenkstätten als Orte aus, die der Realität nicht entsprechen.

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Wie sieht die Realität denn aus?

Ein Gedenkstättenbesuch darf kein verlängerter Schulbesuch sein, sondern er hat eine eigene Qualität. Wir nehmen uns sehr ernst als außerschulischen Lernort. Im gymnasialen Lehrplan ist der Besuch einer KZ-Gedenkstätte sowieso verpflichtend. Wir machen gute Erfahrungen - und da lobe ich tatsächlich gerne die bayerische Bildungspolitik - mit einer ausdrücklichen, starken Empfehlung für alle anderen Schularten. Diese ist eingebettet in das Thema Nationalsozialismus, das ja überall fest im Lehrplan verankert ist.

Und das funktioniert? Alle gehen dann gerne in die Gedenkstätte?

Natürlich gibt es Gruppen, die gehen zwei Stunden durch und unterhalten sich über die Fußballergebnisse. Darum zögere ich beim Wort Verpflichtung. Der Besuch darf nicht Lernroutine werden. Es hängt auch stark von der Motivation der Lehrer ab. Mittelschulen haben außerdem einen ganz anderen Background, auch finanziell. Für die ist eine Fahrt von Nürnberg nach Flossenbürg schwerer zu ermöglichen, als es für eine Waldorfschule wäre. So eine Forderung ist leicht erhoben - aber was heißt das dann konkret? Da hängt ein großer Rattenschwanz an Konsequenzen dran.

"Das Bild, das Jugendliche im Kopf haben, stimmt nicht", sagt Jörg Skriebeleit. Im Bild der Eingang zur Gedenkstätte Buchenwald.

(Foto: Sean Gallup/Getty Images)

Bestünde nicht auch die Gefahr, dass eine Gedenkstätte zum historischen Abenteuerplatz wird?

Eher nicht. Sei es in Dachau, in Flossenbürg oder in Auschwitz - der erste Eindruck ist nämlich enttäuschend. Das sieht alles nicht mehr aus wie in einem KZ, wie man es aus dem Fernsehen kennt. Bröselnde Baracken stehen dort oder gar nichts mehr. Das Bild, das Jugendliche im Kopf haben, stimmt nicht. Mit dieser Irritation kann man wunderbar arbeiten. In Flossenbürg stehen auf einem Teil des Lagergeländes Wohnhäuser. Die Schüler aber erwarten KZ, Rampe, Stacheldraht. Sie fragen dann, wie kann man da Häuser bauen? So kann man ihnen gleich die Geschichte erzählen, dass das früher verdrängt wurde.

Wie gehen Sie mit Gruppen um, denen langweilig ist oder die stören - eben weil sie sich zum Besuch gezwungen fühlen?

Störaktionen erleben wir sehr selten. Es gibt Situationen, da schaut die Gruppe ins Krematorium und einer macht sich darüber lustig. Das ist nicht unbedingt eine Störung, vielleicht eher eine Übersprungshandlung. Wenn dann aber ein Schüler sagt, das hier sei alles Lüge, es sei niemand verbrannt worden und die Amerikaner hätten das Krematorium gebaut, dann gehen wir in die fachliche Auseinandersetzung, zeigen Belege, Quellen, Zahlen. Wenn die Antihaltung zu stark ist, zwingen wir niemanden, eine Führung mitzumachen.

Und wenn Sie eine Gruppe mit Schülern vor sich haben, die aus ihrer antisemitischen Einstellung keinen Hehl macht?

Wir schmeißen niemanden raus. Es gibt einige, die sagen: Ich will mit Juden nix zu tun haben, Juden sind auch Täter. Da können wir leicht andocken. Ich sage es mal ganz platt: Wir sind der Beweis gegen Fake News. Hier sind tatsächlich jüdische Menschen ermordet worden. Hier sind Menschen umgebracht oder eingesperrt worden, weil sie homosexuell waren. Schwieriger ist es mit Stereotypen und Haltungen. Wir fragen dann zurück: Du willst nicht neben Juden oder Schwulen wohnen? Würdest du aktiv etwas gegen Juden oder Homosexuelle unternehmen? Ist es o.k., sie ins Gefängnis zu stecken? Und dann zeigen wir hier in der Gedenkstätte am historischen Beispiel, was ihre Haltungen real für Konsequenzen hatten.

Jörg Skriebeleit, 49, leitet seit 1999 die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg in der Oberpfalz in Bayern. Der Kulturwissenschaftler ist Mitglied der Arbeitsgemeinschaft der KZ-Gedenkstätten in Deutschland.

(Foto: Staatskanzlei)

Wie reagieren diese Schüler darauf?

Das Spannende ist, dass dann Debatten in der Gruppe entstehen. In hundert Prozent der Fälle wenden sich Teile der Gruppe von Störern oder Provozierern ab. Und Integrationsklassen mit Zuwanderern diskutieren über Haltungen, die sie mitbringen, und über Werte, die sie hier in Deutschland erfahren. Das ist nicht nur spannend, sondern sehr konstruktiv. Wir haben aber keine Illusionen: Ein zweistündiger Besuch verändert nicht die Einstellung, aber er speist Informationen ein.

Dafür muss man aber erst mal eine Schwelle überwinden.

Klar, die Orte sind schwierig. Jeder, der hier herkommt, hat ein Bild. Ich muss. Ich habe keine Lust. Oh, ist das schlimm. Man muss diese Schwellen senken. Man muss mehr kommunizieren, sich auseinandersetzen mit anderen Meinungen. Das ist nicht relativierend der Geschichte gegenüber und schon gar nicht minimierend den Opfern gegenüber. Ganz im Gegenteil. Regelmäßig erleben wir, dass Schülern erst mal richtig fad ist. Nach dem Motto: Ooch, schon wieder Holocaust. Wenn man dann den ersten Firnis abkratzt, sieht es anders aus. Das Thema Nationalsozialismus beschäftigt die Menschen immer noch stark. Es ist so monströs und unbegreiflich.

Verändern Sie die Methoden, mit denen Sie über den Holocaust aufklären?

Wir als Gedenkstätten müssen immer wieder kritisch reflektieren, wo wir heute stehen. Längst nicht mehr in den 1960er-Jahren, als das Thema in den Lehrplänen nicht vorkam, aber auch nicht mehr in den 1990er-Jahren. Die Täter sind inzwischen steinalt oder tot. Auch die abgenutzte "Nie wieder"-Formel und die Erwartungs- und Erweckungshaltung schreckt Leute eher ab. Die Taten, die KZ, der organisierte Massenmord sind etwas, das berührt.

Gibt es einen Schülerbesuch, der Ihnen besonders in Erinnerung ist?

Das war eine Gymnasialklasse, die gut vorbereitet, aber auch recht unmotiviert war. Nach dem Motto: Nicht schon wieder, wir wissen doch schon alles. Nach drei Stunden Besuchszeit haben sie den Busfahrer gebeten, länger zu bleiben. Sie hatten das Gefühl, sie müssten ein sichtbares Zeichen hinterlassen. Sie haben spontan einen Kranz organisiert und ihn niedergelegt.

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