Der scheidende SPD-Chef Kurt Beck sieht sich als Opfer von Intrigen. Das stimmt augenscheinlich nur bedingt. Beck ist auch mit seinem Politikentwurf gescheitert.
Kurt Beck hat sich in den vergangenen Wochen und Monaten ein eigenes Weltbild zusammengebastelt. Es ist die Sicht eines Politikers, der in Mainz mit absoluter Mehrheit regiert. Offenbar war er es bis zu dem Tag, an dem er Vorsitzender der SPD wurde, nicht gewohnt, in der Kritik zu stehen.
Der ehemalige SPD-Chef Kurt Beck stellte sich am Mittag erstmals den Fragen zu seinem überraschenden Rücktritt. (© Foto: dpa)
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Becks Weltbild lässt sich mit einem Satz zusammenfassen: Das Opfer bin ich.
Die Intrige, die ihn jetzt zum Rücktritt veranlasste, ist schnell erzählt. Beck wollte als Kanzlerkandidaten-Macher Führungsstärke demonstrieren. Irgendjemand aber hatte anderes im Sinn. Das Gerücht kam in Umlauf, man habe Beck drängen müssen, Steinmeier als Kanzlerkandidaten auszurufen. So erzählt es zumindest Beck.
Im Grunde ist das kein wirklicher Affront gegen einen Parteichef. Immer wieder versuchen politische Akteure, die Deutungshoheit über bestimmte Ereignisse zu erlangen. Verwunderlich am konkreten Fall ist allerdings, dass gerade dieser Versuch für Beck ein Versuch zu viel gewesen sein soll. Selbst wenn, wie manche mutmaßen, Franz Müntefering die Hände mit im Spiel gehabt haben könnte.
Beck scheint zu vergessen, dass so etwas an einem starken Parteivorsitzenden abgeperlt wäre. Aber Beck war kein starker Parteivorsitzender. Als Matthias Platzeck das Amt nach wenigen Monaten zurückgab, weil er sich gesundheitlich überfordert sah, da war Beck schlicht der, den man noch fragen konnte. Er war nie Wunschkandidat. Sonst hätte nach Münteferings Abgang Beck und nicht Platzeck den Vorsitz der Partei übernommen. Mehrheitsfähig wurde Beck erst, als es keinen anderen mehr gab.
So gesehen hat Beck nicht unrecht, wenn er darauf verweist, dass niemand annehmen konnte, einen anderen Beck zu bekommen, als den, der seit 1994 in Mainz regiert. Er hat sich nicht gedrängt, er wurde gefragt. Er werde sich nicht verbiegen lassen, sagt Beck gerne, wenn er sich die Anforderungen des Berliner Politgeschäftes vor Augen führt. Das hätte man vielleicht schon früher als Warnung verstehen müssen.
Becks Konsequenz war, Berlin zu ignorieren
In der Tat, das Berliner Parkett ist glatt. Jeder Ausrutscher wird zur Kenntnis genommen und bissig kommentiert. Aber, und das ist Beck vorzuwerfen, er hat auch nie versucht, hier Tritt zu fassen. Zu häufig hat er versucht, die Geschicke der SPD aus seiner Landeshauptstadt heraus zu lenken.
Das war zum Teil nicht völlig erfolglos. Das neue Grundsatzprogramm etwa wäre ohne sein Zutun nicht schon in Hamburg beschlossen worden. Doch sein Ziel, damit endlich die immer wieder aufbrechenden Flügelkämpfe um das Erbe der Agenda 2010 zu befrieden, hat Beck nie erreicht.
Wenn er sich jetzt als Opfer von Spindoktoren sieht, dann hat das viel damit zu tun, dass er nie eigene Spindoktoren aussandte, die ihm in der Hauptstadt den Weg ebnen. Spinnen im deutsch-englischen Sinne, also Informationen gezielt zu beeinflussen, und spinnen im pfälzisch-deutschen Sinne, also von Sinnen sein, ist für ihn ein und dasselbe.
Beck ist kein Opfer. Beck ist mit seinem Politikentwurf gescheitert. Er umschreibt den Entwurf mit Begriffen wie Kollegialität und Vertrauen. In Berlin werden Leute als naiv bezeichnet, die sich allein darauf verlassen.
Das spricht nicht gerade für den Berliner Politikbetrieb. Aber es lässt sich auch nicht ändern. Becks Konsequenz war, Berlin zu ignorieren. Das aber geht nicht. Ohne die Bühne der Hauptstadt fehlt ihm der Einfluss auf die Bundestagsfraktion, auf das Willy-Brandt-Haus, auf die Medien.
Nicht mal in der Parteizentrale hatte Beck eine Hausmacht. Generalsekretär Hubertus Heil wurde noch von Platzeck installiert. Pressesprecher Lars Kühn hat so lange für Franz Müntefering gearbeitet, dass man ihn sich ohne Münte im Grunde kaum vorstellen konnte.
Beck kehrt jetzt nach Mainz zurück. Dort ist er der richtige Mann am richtigen Platz. In Berlin war er der falsche Mann am falschen Platz. Gut für ihn und die SPD, dass das pfälzische Weltbild nun wieder im Lot ist.
(sueddeutsche.de/vb)
@ derdiedas: Ich gebe Ihnen da recht. Es scheint Leute zu geben, denen dieses Spiel pass macht, oder deren einzige Fähigkeit in der Beherrschung dieses Spiels besteht. Ergo müssen wir dagegen kämpfen.
Weiterhin: Wenn Beck davon spricht, dass die Falschinformationen aus der 2. Reihe kamen, muss man sich die feine Argumentation genau ansehen. Denn, es gibt Personen in der SPD, die in hohen Ämtern waren und es nicht mehr sind, jedenfalls bis vergangenen Sonntag.
Alles klar???
Ja, sozial zu jenen in der Gesellschaft zu sein, denen es am besten geht und die im Überfluß leben und in Profiten schwimmen, damit läßt es sich in der SPD relativ sicher leben. Das Problem ist nur, dass es "sozialistische" Parteien für die Reichsten, die Absahner, Profitweltmeister und Großverdiener auf Kosten der normalen Bevölkerung schon gibt. Da ist die CDU der Platzhirsch und die CSU jener Hirsch, der mit der CDU ständig um die Führungsposition kämpft, und die FDP und Grünen tun ja auch für jene, die es am wenigsten von allen in Deutschland bräuchten, schon seit langer Zeit ihr Bestes. Da bleibt für die SPD kaum mehr Platz, außer auf dem Stockerl für Wahlverlierer.
pasquino: @humorlos: Zum Parteivorsitzenen braucht´s ein bißchen mehr.
"....übrigens, Münte hat seinen Abschluss als Industriekaufmann".
und ist bereits als ein ehemals gescheiterter Pateivorsitzender nicht gerade die beste Empfehlung. Macht aber nichts. Bei Erfolglosigkeit ist er eh gleich wieder weg. Die Fluktuation auf diesem Posten soll bei der SPD sehr hoch sein......
Im Unterschied zu Beck wollte Münte nie Bundeskanzler werden. Beck auf diesem Posten wäre ein bildungspolitischer Anachronimus. "Mutti, ich wil nicht soviel lernen, schau den Beck an, der ist mit seinem Volksschulabschluß sogar Bundeskanzlerkanditat geworden...."
Kinder, plagt euch nicht so viel, genießt Euere Kindheit und Euere Jugend .....
Intrigen, Spinn in Berlin
´ist nicht zu ändern` schreibt der Kommentator - wenn wir so weit schon sind, dass wir das verlogene Spiel als unveränderlich hinnehmen, haben wir aufgegeben und düsen den gesellschaftlichen Abgrund hinunter.
Beck stellt sich als Opfer dar, aber tatsächlich versucht er mit einer kräftigen Intrige seinen Wettbewerbern in der Partei und damit auch der Partei selbst zu schaden. Die Suche nach den "Schuldigen" wird solange weitergehen, bis Beck schließlich doch noch "zugibt", dass Steinmeier ihn stürzte. Raffiniert.
Paging