Kurt Beck Ein emotionaler Ausbruch, der Spuren hinterlässt

Kurt Beck findet sich als SPD-Chef und lässt erkennen, dass Steinmeier wohl der Kanzlerkandidat sein wird. Tagebuch einer Woche.

Von Susanne Höll und Dagmar Deckstein

Fast könnte man meinen, Kurt Beck habe ein Drehbuch geschrieben für diese Sommertage, die für ihn, aber auch für seine Partei bedeutsam sind. Von Schicksalstagen zu reden wäre vielleicht übertrieben, schließlich haben die Sozialdemokraten schon viele bittere Zeiten erlebt. Aber in einer schweren Krise sind sie schon, Ruhe täte gut, damit das ohnehin ramponierte Ansehen der Partei und ihrer Akteure in der politischen Sommerpause nicht weiteren Schaden nimmt.

Kurt Beck; AP

Kurt Beck hat keine leichte Woche hinter sich.

(Foto: Foto: AP)

Nun steht Beck aber nicht unbedingt im Ruf eines Meisters der politischen Dramaturgie. Sein Wutanfall wegen der aus seiner Sicht herablassenden Berichterstattung der Medien am Mittwoch vergangener Woche jedenfalls wirkte nicht kalkuliert. Gleichwohl habe diese Eruption Beck befreit, sagen die, die ihn wirklich kennen. Am Sonntag wetterte er auf dem Berliner SPD-Landesparteitag gegen illoyale Genossen, freilich in sehr beherrschter Form.

Beide Ausbrüche zeigen alsbald Wirkung: Nun ist Montag, der 23. Juni, und Beck kann in den Zeitungen nachlesen, warum es keinen Aufstand gegen ihn geben wird.

Er geht, wie Vertraute sagen, ausgesprochen gelassen in die Gremiensitzungen - erst Präsidium und Vorstand der SPD, dann der Parteirat, am Nachmittag noch zum Vorstand der Bundestagsfraktion - und überrascht alle, die neue Eruptionen befürchteten oder erhofften.

Ruhig, konzentriert und überhaupt nicht weinerlich, wie es hinterher von allen Seiten heißt, sendet er das für ihn und die SPD erste wichtige Signal der Woche aus: Er wird zusammen mit seinem Stellvertreter Frank-Walter Steinmeier den Rahmen für das SPD-Bundestagswahlprogramm präsentieren.

Einige Linke im Vorstand maulen ein wenig. Steinmeier-Anhänger und -Kritiker kommen zu dem gleichen Schluss und sagen, Beck macht sich daran, den Boden für eine Kanzlerkandidatur Steinmeiers zu bereiten. Generalsekretär Hubertus Heil verkündet, ein wenig voreilig, wie sich zeigen wird, das Ende der internen Aufgeregtheiten und die Rückkehr der SPD zur Sacharbeit.

Aus München meldet sich einer von Becks Vorgängern zu Wort. Hans-Jochen Vogel sagt der Rheinischen Post, Parteivorsitz und Kanzlerkandidatur müssten in der SPD nicht unbedingt in einer Hand liegen: "Wir haben früher beides gehabt." Abends sitzt Beck bei einem der zahlreichen Hauptstadt-Sommerfeste ganz entspannt neben Kanzlerin Angela Merkel. Bei früheren Zusammenkünften war das auch schon mal anders.

Am Dienstag, den 24. Juni, trifft sich die SPD-Bundestagsfraktion zum letzten Mal vor der ersehnten, wenngleich politisch gefürchteten Sommerpause. Die Abgeordneten, geplagt durch die schlechten Umfragewerte, die Führungskrise und das mittlerweile tagtägliche Leid in der großen Koalition, wollen nur noch heim. Einladungen zu Parteiveranstaltungen im Wahlkreis, so erzählt einer aus dem Norden, seien derzeit rar.

Beck ist Gast in der Fraktion, ebenso die stets fröhliche Präsidentschaftskandidatin Gesine Schwan. Am Abend sind beide geladen zum Hoffest der Abgeordneten. Beck präsentiert sich in der Fraktion, wie Anhänger und Kritiker gleichermaßen sagen, souverän, einer, der ihn gemeinhin kritisch sieht, spricht vom "besten Auftritt seit zwei Jahren". Hier legt Beck die zweite Spur: Er und Steinmeier werden die Kandidatenfrage freundschaftlich lösen.

Furore macht aber sein Satz von dem Sessel, an dem er nicht klebe. Manche Journalisten verstehen das als mehr oder minder versteckte Rücktrittsdrohung und so entsteht neue Aufgeregtheit. Beim Hoffest unter den Birken teufelt Fraktionschef Peter Struck kurz über den Schwachsinn der Medien, und Beck muss im Fernsehen erklären, dass er nicht aufgeben wird.

Doch von Ingrimm bei ihm keine Spur. Er wirkt frohgemut, auch als Schwan ihm, der gerne Hände schüttelt, aber kein Bussi-Bussi-Typ ist, auf dem Hoffest um den Hals fällt, so, als hätte man sich lange nicht gesehen.

Zwei Stunden zuvor saß man miteinander in der Fraktion. Einer, den man zu den wirklichen Vertrauten des Parteivorsitzenden zählen darf, sagt an diesem Tag: "Kurt Beck ist in der Kandidatenfrage sehr viel rationaler, als man gemeinhin denkt." Beim Hoffest geht gegen 21 Uhr der Wein aus. "Das wär' dem Beck in Rheinland-Pfalz nicht passiert", meint ein Abgeordneter.