Von Kai Strittmatter

Nach dem blutigen PKK-Angriff auf einen türkischen Grenzposten verlangt die Armee freie Hand. Die Reformer sind besorgt, dass Bürger- und Menschenrechte eingeschränkt werden.

Der Kampf gegen den PKK-Terror hat in der Türkei wieder einmal alle anderen Themen von der Tagesordnung verdrängt. Nach dem Anschlag vom Freitag, der 40 Soldaten und Kämpfern der Kurdischen Arpeiterpartei PKK das Leben gekostet hat, gilt es als sicher, dass das Parlament in Ankara an diesem Mittwoch das Mandat verlängert, welches der türkischen Armee Operationen jenseits der Grenze im Nordirak erlaubt. Am Donnerstag dann wollen Regierung und Armeeführung ein neues Antiterrorpaket beraten.

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Der türkische Premierminister Erdogan hat versprochen, eine politische Lösung für das Terrorproblem zu suchen. (© Foto: AP)

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Premier Tayyip Erdogan versprach am Dienstag, die Türkei werde auf den Terror nicht allein militärisch antworten, sondern sich auch um wirtschaftliche, soziale und politische Probleme der Kurden kümmern. Menschenrechtler und Kurdenpolitiker befürchten angesichts der aufgeheizten Stimmung dennoch, dass die Regierung die Befugnisse von Militär und Gendarmerie auf Kosten der Bürgerrechte ausweitet. Kritiker warnen zudem vor Militärschlägen, welche die Beziehungen zum Irak sowie zu EU und USA verschlechtern würden.

Frustriert von der erneuten Gewalt

Befürchtungen, dass erst in den vergangenen Jahren gewonnene Bürgerrechte wieder beschnitten werden, erhielten Nahrung durch eine Äußerung von Innenminister Besir Atalay. Er möchte der Armee wieder mehr Macht geben: "Die Gesetze, die die Türkei im Zuge der EU-Anpassung umgesetzt hat, binden ihr zu sehr die Hände", zitiert ihn die Zeitung Aksam. Wie die liberale Zeitung Radikal meldete, will die Armee bei dem Gipfel Befugnisse verlangen, die "de facto den Ausnahmezustand" wiederherstellen.

Der Ausnahmezustand galt in vielen Gebieten des kurdisch besiedelten Südostens bis zum Jahre 2002. Dabei verletzten die Sicherheitskräfte oft die Menschenrechte. Armee und Gendarmerie verlangen laut Presseberichten das Recht auf Razzien und Verfolgungen von Verdächtigen auch dann, wenn dafür die Polizei zuständig ist. Außerdem wollen sie Verdächtige verhören ohne dass deren Anwalt zugegen ist. Der Vizechef der regierenden AKP, Nihat Ergün, sagte, man werde keinen Kompromiss bei den Menschenrechten machen; noch ist aber unklar, wie weit die Regierung der Armee entgegenkommen wird.

Vertreter der kurdischen Zivilgesellschaft äußerten sich frustriert über die jüngsten Ereignisse. "Jedes Mal, wenn wir beginnen, über eine neue Verfassung zu sprechen, über neue Schritte zu mehr Demokratie, erleben wir neue Wellen der Gewalt", sagte Sah Ismail Bedirhanoglu von der Vereinigung südostanatolischer Geschäftsleute der Zeitung Today's Zaman.

Sezgin Tantikulu, der Vorsitzende der Anwaltskammer im kurdischen Diyarbakir warnte angesichts mehrerer Lynchversuche von Türken an Kurden in der West- und Südtürkei vor zunehmenden Spannungen zwischen den beiden Volksgruppen. Er kritisierte die PKK, die auf ein Scheitern demokratischer Politik hoffe, ebenso wie die Regierung: "Vom Staat kommt kein Zeichen, dass in ihrer Kurdenpolitik ein positiver Wandel ansteht." Viele einfache Kurden sympathisierten deshalb heimlich mit der PKK.

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