Kurdenführer Abdullah Öcalan Mächtigster Häftling der Türkei

Seit fünf Jahren darf Abdullah Öcalan auf der Gefängnis-Insel Imralı Besucher empfangen.

(Foto: Mustafa Abadan/AP)

Seit 15 Jahren sitzt Abdullah Öcalan auf einer Insel vor Istanbul in Haft. Doch noch immer gilt der PKK-Chef als einer der vier einflussreichsten Männer des Landes. Der Kampf gegen den IS in Syrien verschafft ihm neue Aufmerksamkeit.

Von Christiane Schlötzer, Istanbul

Knapp 40 Seemeilen vor Istanbul liegt eine Insel im Marmarameer, um die alle Schiffe einen weiten Bogen machen. Das Eiland trägt den Namen Imralı. Es ist ein Gefängnis. Gefängnisinsel: Das erinnert an historische Verbannungsorte und Häftlingsburgen wie Alcatraz. Zehn Jahre gab es auf Imralı nur einen einzigen Gefangenen: Abdullah Öcalan. Erst seit fünf Jahren hat der Gründer der marxistischen Kurdenguerilla PKK Gesellschaft: fünf Genossen, die ihre Haft mit ihm verbüßen. Seit Anfang 2013 kann Öcalan, 66, fernsehen. Zwölf Sender sind auf seinem Flachbild-TV fest eingestellt. Es hat sich jüngst überhaupt einiges geändert für den prominentesten Häftling der Türkei.

Die Insel İmralı liegt im Marmarameer. Im dortigen Gefängnis war Abdullah Öcalan von 1999 bis November 2009 der einzige Insasse.

(Foto: picture-alliance / dpa)

Besucher gehen in dem Insel-Gefängnis nun ein und aus: Verwandte, Anwälte, Geheimdienstler, dazu Parlamentarier der legalen Kurdenpartei HDP. Sie werden mit einem kleinen Boot zur Insel gefahren. Die Oppositionspolitiker pendeln gar auf Wunsch von Präsident Recep Tayyip Erdoğan zwischen Ankara und Imralı. Sie sollen dabei helfen, Frieden zu machen zwischen dem Staat und der PKK. Ziel ist die Entwaffnung der Partiya Karkerên Kurdistan, der Arbeiterpartei Kurdistans, die Öcalan mit damals noch wenigen Mitstreitern 1978 gegründet hat.

Schon das Wort "Kurdistan" machte die PKK illegal, sie ist es bis heute. In der Türkei lebten "ausschließlich Türken", schrieb damals ein Istanbuler Staatsanwalt in seine Anklage gegen den prominenten Soziologen Ismail Beşikçi, der als Türke über die Unterdrückung der Kurden klagte.

Trotz Isolation ist Öcalan seit 15 Jahren präsent

Die Verleugnungspolitik hat die Türkei hinter sich gelassen. Im Südosten sind Hunderte Bürgermeister der legalen Kurdenpartei tätig. In ihren Rathäusern werden Bürger auf Kurdisch beraten- undenkbar vor ein paar Jahren. Aber staatliche Schulen unterrichten weiter auf Türkisch, Kurdisch ist allenfalls Wahlfach. Viele Kurden wollen mehr, bislang vergeblich: Kurdisch als "muttersprachlichen Unterricht", von Anfang an.

Der Mann auf Imralı verlangt das auch. Öcalan ist präsent, trotz Isolation, daran hat sich in 15 Jahren nichts geändert. Kurdische Webseiten schmücken sich mit Bildern eines jugendlichen, ewig lächelnden PKK-Chefs, der Schnauzbart so schwarz wie in Vor-Internetzeiten. Sie üben sich in seitenlanger Exegese der Worte des "Vorsitzenden", jenes Mannes, der 1999 wegen Hochverrats, Mord und Bildung einer terroristischen Vereinigung zum Tod verurteilt wurde. Das Todesurteil unterschrieb Premier Bülent Ecevit, ein Sozialdemokrat. 2002 wurde die Todesstrafe abgeschafft und das Urteil in lebenslange Haft umgewandelt. Mit der Wahl des Haftortes aber hat Ecevit bewirkt, dass Öcalan nie ein normaler Gefangener sein würde.

Häftling Nummer eins demonstriert seine Macht

Im November 2012 schien es, als würde Erdoğan, damals Premier, es bedauern, dass Öcalan noch lebt. Die Mehrheit der Türken, so Erdoğan, wünsche sich die Todesstrafe zurück, um Öcalan zu exekutieren. Ein kurdischer Politiker warnte daraufhin: "Vorsicht, vor über 200 Jahren hat Robespierre die Guillotine aufgestellt und endete schließlich selbst unter ihr."

Damals setzte gerade ein Hungerstreik von Hunderten kurdischen Häftlingen die Regierung heftig unter Druck. Das "Todesfasten" endete, als Öcalan es befahl. Damit hatte der Häftling Nummer eins wieder einmal Macht demonstriert. Bald darauf wurde bekannt, dass der Geheimdienst auf Imralı "Friedensgespräche" mit Öcalan führt - in Erdoğans Auftrag. Die türkischen Nationalisten tobten, sie tun es bis heute. Der Mann auf der Insel ist als Reizfigur ebenso brauchbar wie als Mythos.

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Ausgerechnet der Krieg in Srien verhilft der PKK zu neuer Aufmerksamkeit

Dass sich Öcalan zu Höherem berufen fühlt ("Ohne mich kann es kein Volk geben.") hat er ziemlich oft betont. Für den Autor Namo Aziz hat er 1999 kurz vor seiner Festnahme Erhellendes notiert. Demnach war der Teenager Abdullah vom Militär fasziniert und wollte unbedingt auf ein Armeegymnasium. Da wurde der ehrgeizige Dorfjunge aber nicht genommen. Andernfalls, so meinte er im Rückblick, "hätte mich vielleicht das System geschluckt".

Aziz traf Öcalan in Rom, nach dessen Flucht aus der Bekaa-Ebene in Libanon, wo Syrien das Sagen hatte. Die PKK trainierte dort ihre Leute für den Guerillakampf in der Türkei, bis Ankara Damaskus mit Krieg drohte und Diktator Baschar al-Assad, lange ein Beschützer der PKK, Öcalan vertrieb. Die Flucht endete wie in einem Agentenfilm in Afrika: in den Armen des türkischen Geheimdienstes.

Wie Ironie des Schicksals wirkt es daher, dass ausgerechnet der Krieg in Syrien der PKK zu neuer, weltweiter Aufmerksamkeit verhilft. Die im syrischen Kobanê kämpfenden Kurden der PYD sind eng mit der PKK verbunden. Sympathien mit den bedrängten Kobanê-Kurden bringt dies in der türkischen Gesellschaft eher nicht. Dafür ist das Misstrauen gegen die PKK zu groß, und auch die Furcht vor dem Wankelmut Öcalans, der in der Vergangenheit mal Krieg, mal Frieden befahl.

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Die dunkle Vergangenheit belastet den "Lösungsprozess"

Für viele Kurden aber ist Öcalan bis heute ein Fixpunkt, und der Kobanê-Konflikt erinnert auch daran. Er schafft zudem neue Spannungen. Regierung und Kurdenpolitiker beschuldigen sich nun fast täglich gegenseitig, den "Lösungsprozess", wie die Friedenssuche offiziell heißt, zu behindern. Beide Seiten betonen aber auch, dass sie dies eigentlich gar nicht wollten. Der Grund dafür: Die Mehrheit der Kurden und der Türken möchte keinesfalls zurück in die pechschwarzen 1990er-Jahre.

Erst jüngst erinnerten Tausende in der İstiklal, Istanbuls großer Einkaufsmeile, mit einem Sit-in an diese dunkle Zeit. Die Demonstranten unterstützten alte Kurdinnen mit weißen Kopftüchern, die "Samstagsmütter". Die Frauen protestierten schon zum 500. Mal dagegen, dass sie nicht wissen, wo ihre Söhne, Enkel und Ehemänner geblieben sind, die vor 20 Jahren im Südosten verschwanden.

Sie wurden von Geheimdienstleuten und Gendarmen abgeholt, gefoltert, getötet. Die Leichen wurden irgendwo verscharrt. Bis heute verlangen die Kurdinnen Gerechtigkeit und Gräber für ihre Toten. Der Staat handelte damals nach dem alten Motto: "Um den Fisch zu fangen, musst du das Meer austrocknen." Der Fisch, das war Öcalan mit seiner Guerilla, der den Konflikt verschärfte. Das Meer, das waren die verarmten Dörfer und die Slums der Großstädte, wo der PKK die Sympathien zuflogen.

Das Meer ist nicht trockenzulegen

Es dauerte viele Jahre, mit 30 000 Toten, bis Politik und Militär verstanden, dass das Meer nicht trockenzulegen ist, dass die Kurden nicht aufhören würden, ihre Rechte einzufordern. Die PKK und ihre zivilen Ableger machen seither gern einen Alleinvertretungsanspruch für alles Kurdische geltend. Aber es gibt auch konservative Kurden, die Erdoğan wählen. Und Linke erinnern sich daran, dass die PKK auch Kurden tötete, unter ihnen Abtrünnige aus den eigenen Reihen.

Der bekannte Journalist Cüneyt Ülsever zählt trotz alledem den Imralı-Häftling zu "den vier Männern, die die Zukunft der Türkei bestimmen". Zwei der vier sind für Ülsever, wenig überraschend, Erdoğan und Premier Ahmet Davutoğlu. Dann ein Mann, der häufig wie ein Rivale Öcalans auftritt: Murat Karayılan. Der kommandiert die PKK in ihrem Hauptquartier im nordirakischen Kandil-Gebirge. Für Ülsever ist auch Karayılan ein Gefangener, schließlich habe dieser "seit 1979 kein Kaufhaus, kein Kino, kein Restaurant betreten". Von Karayılan heißt es, er halte wenig vom Frieden mit Ankara.

Erdoğan ist, will er Erfolg mit seiner Kurden-Politik haben, auf Öcalans Kooperation angewiesen. Dafür werden dessen Freunde womöglich einen hohen Preis verlangen: ein Ende der Inselhaft.