Kunst Vielfalt bildet

Museen hängen Bilder ab, die nach heutigen Maßstäben anstößig wirken. Damit vergreift sich die Gegenwart an der Geschichte.

Von Wolfgang Ullrich

Es gehört zu den Anekdoten über Museen, dass dort jemand vor einem Altarbild niederkniet und betet. Der Gläubige wird in diesen Geschichten ermahnt oder des Hauses verwiesen, denn offenbar hat er nicht verstanden, dass Werke in einem Museum historische Dokumente sind. Demselben Missverständnis sitzt auf, wer fordert, Bilder abzuhängen, weil sie den Erwartungen an die Darstellung von Sexualität, speziell der von Frauen, nicht mehr entsprechen. Gemälde der Klassischen Moderne geraten wegen minderjähriger nackter Mädchen unter Beschuss. Und das Manchester Art Museum entfernte nun ein Bild des Präraffaeliten John William Waterhouse von 1896, da es unbekleidete Frauenkörper auf eine "Viktorianische Fantasie" reduziere. Statt das Werk deshalb erst recht zum Repräsentanten der Geschichte zu erklären, in der sich Mentalitäten geändert haben, setzt man jetzige Moralstandards absolut. Übersehen wird dabei, wie gut sich die Werte von heute gerade durch historische Gegenbilder schärfen und rechtfertigen ließen.

In einem anderen Bereich haben Museen bewiesen, wie gut sie mit moralisch-politischen Problemen umgehen können: Viele Häuser zeigen mittlerweile auch Werke aus der NS-Zeit. Kein Mensch käme auf die Idee, den Museen deshalb rechtsradikale Sympathien zu unterstellen. Nein, hier wird anerkannt, wie wichtig es ist, auch das aus der Geschichte zu zeigen, womit man sich heute nicht mehr identifizieren will. Historische Kontraste schaden nicht, Vielfalt wirkt klärend. Statt zu überlegen, was abzuhängen ist, sollten Museumskuratoren also lieber in ihre Depots gehen und noch mehr Werke suchen, die Unterschiede zur Gegenwart sichtbar machen.

Wolfgang Ullrich ist Bildwissenschaftler und Buchautor in Leipzig.