Kulturkampf Wie Russland und China ihre Weltsicht verbreiten

Russland und China investieren viel in Kultur und Medien. Sie wollen in der Welt für sich werben und nebenbei auch die eigene Weltsicht durchsetzen.

(Foto: imago/ITAR-TASS)
  • Russland und China versuchen, über moderne Medien eine neue Geschichtsschreibung und eine Meinungsführerschaft durchzusetzen.
  • Auch Krisen und Kriege werden anders dargestellt. Das zeigt eine Studie, die am Dienstag in Berlin vorgestellt wird.
  • Die Europäer dagegen investieren viel Geld in die Kulturförderung und die Sprachausbildung.
Von Stefan Braun, Berlin

Das Video ist sehr einfach gestrickt. Jeder kann es sehen; es läuft auf YouTube. Und es erklärt allen russischsprachigen Zuschauern, was die Ukraine, was die Balten, was die Menschen aus Zentralasien alles verloren haben, seit die Russen nicht mehr da sind. Es ist im dogmatischen Ton gehalten und lässt keine Zweifel aufkommen. Es ist ein Film, der einem einzigen Interesse dient: Er soll Russland, die alte Sowjetunion, die Vergangenheit in Osteuropa in einem anderen Licht erscheinen lassen. Nichts da mit Zusammenbruch der Sowjetunion, nichts da mit bösen Russen; andere sind für das Ende des Ostblocks verantwortlich gewesen. Russland dagegen ist das Gute. Es war gut und es wird gut bleiben.

Man kann das als billige Propaganda abtun, man mag es für banal halten. Aber aus Sicht des Auswärtigen Amtes sind diese Filmchen, vor allem verbreitet über das Internet und die sozialen Medien, längst zu einem sehr wichtigen Thema geworden. Es geht darum, dass zahlreiche Staaten in immer stärkerem Maße versuchen, über die eigenen Kultur- und Sprachinstitute im Ausland ihre Sicht auf die Welt unter die Leute zu bringen. "Es handelt sich um einen Wettbewerb der verschiedenen Erzählungen", sagt Andreas Görgen, der Leiter der Kulturabteilung im Auswärtigen Amt. "Es geht um den Konflikt unterschiedlicher Narrative."

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Die Europäer hinken hinterher

Was ein wenig theoretisch klingt, lässt sich konkreter fassen: Immer stärker versuchen vor allem die Führungen in Russland und in China, ihre Version von der Welt zu erzählen. Und die kann in Afrika oder der arabischen Welt eine ganz andere sein als die europäische. Da werden Ursprung und Verlauf von Krisen und Kriegen auch mal ganz anders dargestellt. Es ist ein Wettbewerb ausgebrochen um die richtige Weltsicht. Und die Europäer, auch die Deutschen, wollen "noch nicht wahrhaben, dass der weiche Faktor Kultur und Medien eine knallharte Währung geworden sind", sagt Helmut Anheier, Präsident der Berliner Hertie School of Governance.

Anheier hat im Auftrag des Auswärtigen Amtes eine Studie erstellt, in der es genau darum geht: Wie hat sich auf dem Feld der Kultur, der Wissenschaft, der Medien die Kulturarbeit wichtiger Staaten verändert. Bis heute ist eine präzise Vergleichbarkeit nicht ganz einfach. Schaut man sich an, was beispielsweise die Briten und die Deutschen, oder was die Chinesen und die Russen in die sogenannte auswärtige Kultur- und Medienpolitik stecken, dann gibt es da sehr unterschiedliche Zahlen. Die Europäer investieren kontinuierlich und stabil viel Geld in die Kulturförderung und die Sprachausbildung. Andere wie China und Russland haben dagegen ihr Hauptaugenmerk auf die Medien gelegt, in fremden Sprachen und mit einem Fokus auf Twitter, Facebook, Instagram und Co.

Wirklich prägend und entscheidend ist deshalb vor allem eine Entwicklung, die seit ein paar Jahren immer plastischer zutage tritt: Während die Europäer ziemlich konstant, man kann auch sagen verlässlich agieren, haben Peking und Moskau massiv zugelegt. Anheier schreibt in seiner Studie, Deutschland befinde sich schon lange nicht mehr nur wirtschaftlich in einem Wettbewerb mit anderen Staaten. Seit dem Ende des Kalten Krieges hätten immer mehr Staaten mit einer "strategischen Ausrichtung ihrer Kulturpolitik zur vorteilhaften Positionierung im internationalen Wettbewerb" begonnen. Länder wie Russland und China "investieren massiv in den Ausbau ihrer Kulturinstitute und Auslandsmedien".

China und Russland versuchen, eine neue Geschichtsschreibung durchzusetzen

Besonders drastisch, das zeigt die Studie, die am Dienstag in Berlin vorgestellt wird, lässt sich das im Fall Chinas in Afrika und im Fall Russlands in der arabischen Welt beobachten. Beide Staaten versuchen, über moderne Medien eine neue Geschichtsschreibung und eine Meinungsführerschaft durchzusetzen. Ein schlichtes Beispiel: Die Zahl der kleinen Videos, Filme, Radiobeiträge und Texte, mit denen russische Medien in arabischer Sprache in die arabische Welt hinein zu wirken versuchen, sind in den vergangenen Jahren dramatisch gestiegen. Die Folgen lassen sich bis jetzt kaum messen. Aber ohne Einfluss wird das auf keinen Fall sein, davon gehen die Autoren der Studie fest aus, genauso wie die Experten im Auswärtigen Amt. Dort heißt es: "Andere gehen aggressiv voran. Wir müssen deshalb vor allem im Bereich der Kommunikation und der Medien neu denken."

Was das erfordert? Görgen, der Leiter der Kulturabteilung, spricht sich dafür aus, den digitalen Raum so zu behandeln, wie man bisher mit großen geografischen Räumen umgegangen ist: Man schafft Personal, Strukturen, eine Infrastruktur, um auf den "neuen Kontinent digitale Welt" angemessen zu reagieren. Weil vermutlich aber auch das nicht reicht, um in der Cyber-Schlacht um die Meinungsführerschaft zu bestehen, plädiert er darüber hinaus dafür, dass die Europäer anders als bisher auch auf diesem Feld viel stärker kooperieren. Ansonsten sei "diese Art des Wettbewerbs nicht zu gewinnen", so Görgen. Das bedeutet: Er kann sich vorstellen, künftig in Drittstaaten auch gemeinsame Institute mit Frankreich zu gründen. So könne man "gemeinsame Fenster in die Welt" schaffen. Gegen die Fenster, die andere längst aufgemacht haben.

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