Kulturkampf in Israel Peres fordert Protest gegen religiöse Fanatiker

Eine Spuckattacke auf ein Schulmädchen lässt die Spannungen zwischen ultra-orthodoxen Juden und dem Staat Israel eskalieren. Präsident Peres schaltet sich ein - und appelliert an die Nation, den Fundamentalisten Einhalt zu gebieten.

Israels Präsident Schimon Peres hat seine Landsleute aufgerufen, religiöse Fanatiker in die Schranken zu weisen. Hintergrund ist der eskalierende Streit um die von ultra-orthodoxen Juden geforderte Geschlechtertrennung in der Öffentlichkeit. In der Stadt Beit Schemesch westlich von Jerusalem war es am Montag zu gewalttätigen Protesten ultra-orthodoxer Juden gekommen. Peres forderte die Bürger am Dienstag zu einer Gegendemonstration auf.

"Heute ist ein Test für die Nation, nicht nur für die Polizei. Wir alle, Religiöse, Säkulare und Traditionalisten müssen wie ein einzelner Mann den Charakter des Staates verteidigen gegen eine Minderheit, die unseren nationalen Zusammenhalt bricht", sagte das Staatsoberhaupt vor Journalisten. "Dieses Engagement ist jedermanns Pflicht." Nach Medienberichten ist für diesen Dienstagabend eine Kundgebung in Beit Schemesch geplant, bis zu 10.000 Menschen werden erwartet.

"Wir kämpfen für das Herz der Nation und um den Kern des Staates", sagte der betagte Staatschef bei seiner Stellungnahme. Bei der von Bürgerrechts-Gruppen angekündigten Kundgebung gehe es darum, deutlich zu machen, dass sich die Mehrheit der israelischen Gesellschaft nicht ihre "heiligsten Werte" von einer kleinen Minderheit rauben lasse, sagte Friedensnobelpreisträger Peres. Niemand habe das Recht, einen anderen Menschen zu bedrohen.

"Sie sind nicht die Herren des Landes", betonte Peres mit Blick auf die von einem Fernsehteam aufgedeckte Geschichte eines Mädchens, die in der vergangenen Woche im gesamten Land für Empörung gesorgt hatte. Es wurde auf dem Schulweg von den Frömmlern beleidigt und bespuckt, weil es nach Meinung der Fundamentalisten unschicklich gekleidet war.

Eierwürfe auf Kamerateam, "Nazi"-Beschimpfungen für Polizisten

Zuvor hatte die Stadtverwaltung zum dritten Mal in dieser Woche ein von religiösen Fanatikern angebrachtes Schild abgenommen. Darauf wurden Männer und Frauen aufgefordert, auf den nach Geschlechtern getrennten Bürgersteigen zu gehen. Die Fanatiker bewarfen die Polizisten mit Steinen und verletzten einen Beamten am Kopf. Andere beschimpften die Polizisten als "Nazis".

Bei anderen Vorfällen wurden Kamerateams von den Frömmlern angegriffen - sie hatten es gewagt, das umstrittene Schild zu filmen. Die Spannungen zwischen Ultraorthodoxen, die rund zehn Prozent der kanpp acht Millionen Einwohner Israels ausmachen, und der jüdischen Mehrheitsgesellschaft nehmen seit Wochen zu. So gibt es in einigen Buslinien in Jerusalem auf Druck der Ultraorthodoxen getrennte Sitzplätze für Männer und Frauen.

Lesen Sie mehr über den Kulturkampf in Jerusalem in der Reportage "Vandalismus im Namen des Herrn" von SZ-Korrespondent Peter Münch (21.12.2011).