70 Jahre nach der Papstwahl von Pius XII.: Theologe Hans Küng weist auf Parallelen im Herrschaftsdenken des umstrittenen Papstes und des NS-Staates hin - und warnt vor seiner Heiligsprechung.
Am 2. März 1939 wird Kardinal Eugenio Pacelli zum Papst gewählt und nimmt den Namen Pius XII. an. Zuvor ist der 1876 geborene Italiener päpstlicher Gesandter in München und Berlin, zuletzt als Kardinalstaatssekretär, quasi Außenminister des Vatikans.
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Papst Pius XII., geboren als Eugenio Pacelli, auf einer undatierten Aufnahme. (© Foto: oh)
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Pius führt die Kirche während des Zweiten Welkrieges bis zu seinem Tode 1958. Er gilt als großer Kirchenpolitiker: In sein Pontifikat fällt die Internationalisierung der Kirche und der Kampf gegen den "atheistischen Kommunismus". Besondere Impulse gibt er der Marienverehrung: Einmal erscheint ihm die Madonna, 1950 verkündet er das Dogma von der Himmelfahrt Mariä. Die Moderne bleibt ihm suspekt.
Der Pontifex gilt wegen seiner Rolle während des Zweiten Weltkrieges als umstritten: Der Vorwurf, den der Dramatiker Rolf Hochhuth 1963 mit seinem Werk "Der Stellvertreter" auf die Bühne brachte, lautet: Pius habe zum Holocaust geschwiegen, obwohl er früh über den millionenfachen Mord an den Juden Europas informiert war.
Um Pius zu entlasten, hat der Vatikan inzwischen zahlreiche Dokumente veröffentlicht, die Hilfsaktionen des Pontifex und kritische Aussagen über die Nazis dokumentieren. Das Verfahren zu seiner Heilgsprechung läuft.
Hans Küng, Jahrgang 1928, ist emeritierter Professor für ökumenische Theologie in Tübingen und Präsident der Stiftung Weltethos.
Der gebürtige Schweizer stand in den sechziger Jahren mit Joseph Ratzinger, dem heutigen Papst Benedikt XVI., in engerem Kontakt. Während Ratzinger unter dem Eindruck der 68er-Bewegung immer konservativer wurde, profilierte sich Küng mit kirchenkritischen Aussagen. Nachdem er die Unfehlbarkeit des Papstes öffentlich und grundsätzlich in Frage gestellt hatte, ließ der Vatikan dem Theologen die kirchliche Lehrerlaubnis entziehen.
Küng hat sich in seinem umfangreichen Œuvre auch mit Papst Pius XII. beschäftigt: In seiner Trilogie über Christentum, Islam und Judentum.
sueddeutsche.de: Vor genau 70 Jahren wurde Eugenio Pacelli zum Papst Pius XII. gewählt. Nach dem Krieg haben Sie sieben Jahre während seines Pontifikats in Rom studiert. Haben Sie Pius persönlich oft gesehen?
Hans Küng: Ja, das erste Mal 1948 in Castel Gandolfo aus unmittelbarer Nähe. Zwei Jahre später war ich bei der Definition des Dogmas über die Aufnahme Marias in den Himmel auf dem Petersplatz dabei und natürlich auch bei anderen Anlässen. Mehr als einmal sprach ich im Petersdom in dasselbe Mikrophon wie Pius, als die Pilgerzüge im Heiligen Jahr 1950 nach Rom strömten.
sueddeutsche.de: Wie hat der Papst auf Sie gewirkt?
Küng: Ich habe ihn damals sehr bewundert. Pius XII. war eine außerordentlich eindrucksvolle Gestalt. In vielen Bereichen tat er Gutes: Erste Konzessionen an die Volkssprache in der Liturgie, eine fortschrittliche Enzyklika zur Bibelexegese. Aber es kamen mir schon in Rom erste Zweifel.
sueddeutsche.de: Was löste Ihre Bedenken aus?
Küng: Als er die Arbeiterpriester verbot und die führende Elite der französischen Theologie absetzte, Leute wie Henry de Lubac und Yves Congar, die später Kardinäle wurden, auch Teilhard de Chardin.
sueddeutsche.de: Pius XII. ist heute vor allem deshalb umstritten, weil er nicht öffentlich den Holocaust anprangerte, über den er klar im Bilde war. Haben Sie sich damals in Rom auch schon damit beschäftigt?
Küng: Nein, erst später im Jahr 1963. Das ist mir erst durch Rolf Hochhuths Drama "Der Stellvertreter - ein christliches Trauerspiel" aufgegangen.
sueddeutsche.de: Inzwischen bemüht sich die katholische Kirche, den Papst als Helfer der verfolgten Juden darzustellen. Der Heilige Stuhl hat unzählige Dokumente veröffentlicht, die Hilfsaktionen und nazi-kritische Aussagen von Pius belegen. Wie sehen Sie seine Rolle im Nachhinein?
Küng: Aufs Ganze gesehen, bleiben trotz allem die Bedenken bestehen, dass Pius in der Frage des Judentums und des Holocaust versagt hat, weil er nicht die Kraft aufbrachte zu einem prophetischen Zeugnis. Er hat vor allen zu allen deutschen Verbrechen geschwiegen, wiewohl er seit 1942 vor allem über den Berner Nuntius sowie über italienische Militärpfarrer bestens Bescheid wusste. Selbst von seiner deutschen Vertrauten, Schwester Pasqualina, wurde er in der Causa Holocaust bestürmt - vergebens. Pius hat sich geweigert, den größten Massenmord in der Geschichte öffentlich zu kritisieren. Gegen dieses Faktum kann man nicht einfach irgendwelche Dokumente anführen.
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Documenta-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev
Vor wenigen Tagen hat der Papst auch mal was vernünftiges gemacht. Nur in Einklang und in Abstimmung mit der Serbischen-Orthodoxen Kirche, wird der Vatican den Kosovo entsprechend behandeln und anerkennen, bzw. im MOment sowieso nicht. Es hätte nur noch mehr Benzin in ziemlich üble Dinge des Vatican im 2 WK geschüttet.
Im Bezug auf die Behauptung, "dass wenigstens diese grösste deutsche Tageszeitung der journalistischen Pflicht zur möglichst vollständigen, sachgerechten Aufklärung ihrer Leserschaft (...) nachkommt" muss ich widersprechen: Objektiv gesehen ist Küng ein eigenwilliger Theologe, der in manchen Punkten mit seiner Kritik an der Institution Kirche auch richtig liegen mag, aber als metikulös recherchierender und analysierender Historiker hat er sich meines Wissens noch nicht gezeigt, und tut das auch in diesem Interview nicht. Allein hinter der Aussage, Pius XII habe das Wort "Jude" nicht in den Mund genommen, müsste doch wohl eine vollständige Durchforstung von dessen sämtlichen öffentlichen Reden stehen; bei allem Respekt vermute ich nicht, dass Küng sich diese Mühe gemacht hat.
Die Privatmeinung eines Mannes, der eine Venedetta gegen Papst und Kirche führt, als Beitrag zur sachgerechten Aufklärung zu apostrophieren halte ich wirklich für verfehlt.
Ich habe gegen den Inhalt des Interwiews und gegen Küngs Äußerungen nur eingewandt, dass es leicht ist, von anderen Mut zu verlangen, in diesem Falle von Pius XII. Es hat nicht jeder den Mut zum Martyrium und es ist auch niemand berechtigt, die Mitglieder seiner Gemeinschaft durch seine Äußerungen in Not und Lebensgefahr zu bringen, was Katholiken in Deutschland, aber auch in den anderen von Hitler besetzten Ländern sicher noch mehr gedroht hätte, als es ohnehin schon der Fall war.
Ansonsten gebe ich Rolf Schmid durchaus recht. Aber wozu diese wirklich falsche und bösartige Überschrift? Hast Du dies überlesen - im Artikel selbst und in meiner Zuschrift?
Nit möööglich !!!
Ich widerspreche Ihrer -stark überzogegenen- Kritik an der SZ-Überschrift über einem höchst wichtigen und bemerkenswerten Interview mit einem der prominentesten katholischen Sachkenner und weltwei angesehenen kath. Teologen!
DAMIT, d.h. mit diesem Interview, hat die SZ -wieder einmal- beispielhaft bewiesen, dass wenigstens diese grösste deutsche Tageszeitung der journalistischen Pflicht zur möglichst vollständigen, sachgerechten Aufklärung ihrer Leserschaft auch bei einem eher umstrittenen Thema nachkommt!
Rolf Schmid
Was denkt sich die Süddeutsche bei der Formulierung der Titel und Überschriften für ihre Artikel !
Das übertrifft jede bösartige Polemik von Linken und Rechten. Die Überschrift suggeriert, Küng halte Pius XII für schlechter, als Hitler. Wie kann eine seriöse Zeitung nur so böswillig und infam sein !!.
Wenn man das Interview liest, stellt sich heraus, dass Pius XII den Stalin und die Kommunisten für schlimmer gahalten habe, als Hitler. Das ist aber etwas ganz anderes. Dies ist aber kein Versehen der S Z, sondern wohl Absicht. Pfui Deibel aber auch !!
Im übrigen habe ich von einem klugen Mann gehört, dass man Mut und prophetisches Wort nur von sich selbst verlangen kann, nicht von anderen. Immerhin war das deutsche Militär in Italien und in Rom und hat dort unliebsam von sich reden gemacht. Da hätte ich gerne gesehen, wie sich ein Redakteur Ihrer geschätzten Zeitung damals öffentlich geäußert hätte. Auch Küng hat heute gut reden.
Ralf Mattes
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