Künftiger Präsident des Zentralrats der Juden Nachdenklicher Typ mit Blick für das Gute

Hundebesitzer, Vater, Arzt - und bald oberster Repräsentant des jüdischen Lebens in Deutschland: Josef Schuster

(Foto: dpa)

Ins Scheinwerferlicht drängt es ihn nicht, das Notwendige wird Josef Schuster trotzdem sagen. Der Arzt aus Würzburg will Dieter Graumann nachfolgen und Chef des Zentralrats der Juden werden.

Von Matthias Drobinski

Man erwischt ihn draußen am Handy, der Herbsttag ist schön, der Hund muss raus. Ab Ende November dürfte das für Josef Schuster schwieriger werden. Er wird mit der Polizei überlegen, welche Route ungefährlich ist; zwei gut trainierte Männer werden dann Herrchen und Hund unauffällig folgen. Wer Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland werden will, muss wissen, dass er einen Teil des Privatlebens für das Ehrenamt aufgibt. Der oberste Repräsentant des jüdischen Lebens gilt als so gefährdet wie die Bundeskanzlerin. Er hoffe, dass er die Balance hinkriegen werde zwischen Sicherheit und Freiheit, sagt er.

Man muss überhaupt gut balancieren können in diesem Amt. Ein Zentralratspräsident muss Mahner sein gegen Antisemitismus, ohne immer nur besorgt und empört zu erscheinen. Er muss solidarisch sein mit Israel und aushalten, dass es vielen Juden zu wenig ist, die nichtjüdische Mehrheit die Solidarität jedoch als Kritiklosigkeit empfindet. Er muss die jüdischen Gemeinden zusammenhalten, in denen die Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion nicht mehr nur schweigende Mehrheit sein wollen.

Schuster hat genug Zeit gehabt, sich Mühe und Freude des Amtes aus der Nähe anzusehen. Er ist seit 15 Jahren im Zentralrat und war zuletzt Vize des Präsidenten Dieter Graumann, der nun überraschend nicht mehr antritt.

Geboren in Haifa, zurückgekehrt nach Würzburg

Geboren wurde Schuster 1954 in Haifa, seine Eltern und die Eltern des Vaters hatten es geschafft, vor den Nazis zu fliehen, die Eltern der Mutter waren in Auschwitz ermordet. Den Großvater aber zog es zurück nach Deutschland, die Familie hatte in Bad Brückenau enteigneten Besitz zurückbekommen - und hatte nicht die Familie mehr als 400 Jahre dort gelebt, sich allen Anfeindungen zum Trotz Ansehen und Wohlstand erarbeitet? So zogen sie alle nach Würzburg, weil es dort wieder eine jüdische Gemeinde gab; für die Mutter war es ein schwerer Schritt.

Für Josef, den Sohn, war es der Beginn einer großen Beständigkeit. Er ging zur Schule in Würzburg und studierte dort Medizin, baute seine Praxis auf, heiratete, bekam zwei Kinder, wurde Vorsitzender der jüdischen Gemeinde und später der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern.

Nachdenklicher Typ

Wie Graumann gehört er zu jener Generation, die nicht mehr direkt den Judenmord erlebte, deren Leben aber geprägt wurde von den Erfahrungen der Überlebenden und von der Frage, was wohl die Nachbarn in der NS-Zeit gemacht haben. Als er den Führerschein machte, kam der Fahrlehrer zum Vater: Er wolle gleich sagen, dass er bei der SS gewesen sei - und wie leid ihm das tue.

Schuster gilt als nachdenklicher Typ, der nicht dringend ins Scheinwerferlicht muss. Das Notwendige werde er sagen, sagt er dazu. Und dass er nicht immer nur besorgt und empört sein, sondern auch übers Gute reden wolle. Das hat Graumann auch gesagt, als er Zentralratspräsident wurde - vor der Beschneidungsdebatte, vor dem Gaza-Krieg.