Kuba Ruhe bewahren - der US-Präsident kommt

Dass Raúl Castro seinen Gast Barack Obama nicht am Flughafen abgeholt hat, ist kein Affront. Es ist vielmehr Ausdruck des politischen Drahtseilakts, den die kubanische Regierung derzeit vollführen muss.

Analyse von Benedikt Peters

Der Besuch Barack Obamas begann mit einer Irritation, zumindest mit einer Irritation in der internationalen Presse. Als die Air Force One am Sonntagnachmittag auf dem Flughafen in Havanna landet, steht auf dem Rollfeld nicht Kubas Präsident Raúl Castro, um die Hand des ersten Amtskollegen aus den USA zu schütteln, der das Land nach 88 Jahren besucht. Die Empfangsdelegation ist zwar hochrangig besetzt. Außenminister Bruno Rodríguez Parrilla ist gekommen und auch seine Top-Diplomatin Josefina Vidal, die für die kubanische Seite die historische Annäherung an die USA aushandelte. Trotzdem: Der Staatschef fehlt, und das wirkt für manche Medien wie ein Misston.

"Obama wird in Kuba nur vom Außenminister empfangen", titelt zum Beispiel die Welt. Eine unvorhergesehene diplomatische Unverfrorenheit der Kubaner? Nein. Denn seit Langem war der Empfang Obamas genau so geplant. Zu einem Treffen mit Staatsschef Raúl Castro soll es erst am Montag kommen.

Bemerkenswert ist es dennoch. Schließlich holt Castro politisch nahestehende lateinamerikanische Präsidenten, etwa Evo Morales aus Bolivien oder Nicolás Maduro aus Venezuela, in der Regel persönlich am Flughafen ab, ebenso wie Papst Franziskus, der im August 2015 Kuba besuchte. Sie alle bekamen auch schon Privataudienzen bei Raúl Castros Bruder Fidel, dem 89-jährigen Oberhaupt der Revolution. Auch dies ist für den US-Präsidenten nicht vorgesehen.

Maximaler Drahtseilakt

Wer das aber als Affront abtut, muss die westliche Brille absetzen. In westlichen Ländern stellt der Besuch eines US-Präsidenten in der Regel eine große Ehre dar - und die Politiker des besuchten Landes drängeln sich am roten Teppich, um die Hand des amerikanischen Gastes zu schütteln.

Handschlag mit dem Klassenfeind

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Der Besuch des US-Präsidenten auf Kuba dagegen steht historisch in einem völlig anderen, einem ambivalenten Licht. Für das Regime in Havanna ist er der maximale politische Drahtseilakt. Viele Kubaner verbinden Hoffnungen mit dem Besuch Obamas: Sie möchten, dass das Wirtschaftsembargo fällt, dass die Lebensbedingungen auf der Insel besser werden, dass sie zu ihren Verwandten aus der kubanischen Exilgemeinde in den USA reisen können. Es gibt aber auch die anderen, nicht wenigen Kubaner, die die USA nach wie vor für Imperialisten halten, die für Kuba eine große Gefahr sind.

Zu oft haben die Nachbarn aus dem Norden Kuba geschadet - nach dem Unabhängigkeitskrieg von 1898, als sie 1961 mit der "Invasion der Schweinebucht" scheiterten oder als sie in den 1990er Jahren mit dem sogenannten "Helms Burton Act" - einer von Bill Clinton unterzeichneten Verschärfung des Wirtschaftsembargos - versuchten, das Regime endgültig in die Knie zu zwingen.

Die kubanische Regierung hat sich über Jahrzehnte bei der Bevölkerung damit zu legitimieren versucht, dass sie, der David in der Karibik, in der Lage ist, die nationale Unabhängigkeit vor allen Übergriffen des großen Goliaths im Norden zu schützen. Dieses Narrativ nährt sie in Fernsehfilmen, in Museen und Schulbüchern. Und es wäre dahin, wenn der oberste David nun höchstpersönlich den obersten Goliath am Flughafen abholt.

Die kubanische Führung will die Annäherung an Washington in erster Linie aus wirtschaftlichen, nicht aus politischen Gründen. Daher versucht sie, keine zu großen Zugeständnisse zu machen. Und sie ist bemüht, den Besuch Obamas, bei aller medialer Aufmerksamkeit, nicht zu groß werden zu lassen.

Die Titelseiten der Staatsmedien spiegeln das wider. In ihrer letzten Ausgabe vor dem Staatsbesuch widmet die Granma, die meistgelesene Zeitung, zwei große Artikel mit Fotos dem Besuch Nicolás Maduros. Der venezolanische Präsident kommt alle paar Monate zu Gesprächen mit dem sozialistischen Bruderstaat vorbeigeflogen.

Der Besuch Obamas hingegen ist eine dürre Meldung von sieben Zeilen.

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