Zeit zur Kurskorrektur: Nach 50 Jahren hat Kuba wieder neue Freunde - aber es ist Zeit, eine alte Feindschaft zu begraben.
Die Berliner Mauer war noch nicht gebaut, als vor 50 Jahren vollbärtige Kubaner Revolution machten. Mit zunächst nur einer Handvoll von Mitstreitern vertrieb Fidel Castro den rechten Diktator Fulgencio Batista und wurde bald mehr als eine Kultfigur für tropische Rebellen.
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Gelegenheit zur Kurskorrektur: 2009 wird Kuba die Weichen für eine Zeit nach Fidel stellen müssen. (© Foto: AP)
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Der Comandante und sein Nebenmann Che Guevara begeistern und spalten linke Romantiker bis heute. Seit dem 1. Januar 1959 hat jener Aufstand fast fünf Jahrzehnte US-Boykott überstanden, den Mauerfall und die Implosion des Hauptsponsors Sowjetunion, eine Söldnerinvasion und mehrere Weltkrisen. Ein halbes Jahrhundert nach dem historischen Husarenstück hat Kuba sogar wieder viele Freunde, sie heißen Venezuela, Brasilien, China, Russland. Wie kann das alles sein? Und wie geht es weiter?
Als Erklärung für das karibische Phänomen taugen vor allem zwei: Fidel Castro hier - und die USA mit ihren seither bald elf Präsidenten dort. Der Líder Maximo ist die Galionsfigur, der charismatische Stratege, unter seiner Leitung fand auf Kuba bis zuletzt alles statt. Er führte die Offensive bei Bildung und Gesundheit, die das Eiland zu einem regionalen Sonderfall machte: Alphabetisierung und Kindersterblichkeit liegen auf dem Niveau der USA, die Mordrate ist unendlich geringer.
Castro wandte sich dem Sozialismus zu, der zunächst keineswegs seine Ideologie gewesen war. Er missachtete und unterdrückte Andersdenkende, unter dem Diktat einer Einheitspartei.
90 Meilen nördlich fand Castro dafür den idealen Feind. Erst die zunehmende Ablehnung durch Washington trieb Havanna in Moskaus Arme. Vom Wettstreit der ungleichen Gegner profitierten beide. Die potentielle Gefahr durch die Großmacht stärkte Castro und machte ihn zu einem Symbol des Widerstandes gegen die USA. Für konservative Amerikaner wie George W. Bush wiederum war das kubanische Exil in Florida wahlentscheidend. Unter dem Dauer-Duell litt die kubanische Bevölkerung. Jetzt sind beide Protagonisten Patienten: Castros Kuba und Bushs USA - und für beide ist dies Gefahr und Chance zugleich.
Kuba hängt am Tropf von Caracas, Peking und Brasilia, und es probt unter Pragmatiker Raúl Castro notgedrungen ökonomische Reformen. Die Kräfte der Marktwirtschaft bringen das System schon länger ins Wanken. Die kubanische Ausbildung ist viel besser als die der meisten Länder der Region, aber die Staatsgehälter sind lächerlich. Neurochirurgen verdienen einen Bruchteil dessen, was findige Kellner und Taxifahrer an Devisen einsammeln.
Sozialismus nur noch als Etikett
Der Widerspruch treibt Hunderttausende ins Ausland und in die Schattenwirtschaft, hemmt die Produktion und nährt die Korruption. Auch wurde zentral fehlgeplant, die Landwirtschaft muss nun mühsam belebt werden. Oft ist Sozialismus nur noch ein Etikett, viele Kubaner erwarten moderne Lösungen statt alter Parolen.
Castro II. scheint eine kapitalistische Staatswirtschaft nach Art von China oder Vietnam zu favorisieren, bessere Lebensbedingungen sind den meisten Landsleuten noch wichtiger als Meinungsfreiheit. Gleichzeitig leiden die USA und das globalisierte Finanzwesen zum kubanischen Jubiläum unter einer schweren Lungenentzündung. Und auf der amerikanischen Basis in Kubas Osten schuf Bush obendrein einen Inbegriff für staatliche Willkür: das Gefangenenlager von Guantanamo.
2009 haben beide Seiten Gelegenheit zur Kurskorrektur. Barack Obama sollte als neuer Herr im Weißen Haus die Zellen von Guantanamo schleunigst schließen und auch das menschenfeindliche Kuba-Embargo endlich kippen.
Und Kuba wird die Weichen für eine Zeit nach Fidel stellen müssen. "Die Geschichte wird mich freisprechen", sagte Castro 1953 nach seinem ersten gescheiterten Revolutionsversuch. Mit einem letzten Beitrag zur Öffnung kann der KP-Vorsitzende das Urteil der Geschichte noch sehr viel günstiger gestalten.
(SZ vom 31.12.2008/cag)
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