Niedersachsens designierte Sozialministerin Aygül Özkan ist gegen Kreuze an Schulen. Die Union distanziert sich: Die Hamburger Abgeordnete soll sich überlegen, ob sie in der richtigen Partei ist. Im Blickpunkt steht auch Ministerpräsident Wulff.
Sie hat noch gar nicht richtig begonnen, schon ist sie angeeckt: Kurz bevor Aygül Özkan (CDU) als niedersächsische Sozial- und Integrationsministerin vereidigt werden soll, spricht sich die Tochter türkischer Einwanderer gegen Kreuze und Kopftücher in öffentlichen Schulen und für ergebnisoffene EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei aus.
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Christliche Symbole gehören nicht an staatliche Schulen, fordert Aygül Özkan (CDU). (© Foto: dpa)
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Christliche Symbole gehörten nicht an staatliche Schulen, sagte die 38-Jährige dem Nachrichtenmagazin Focus . "Die Schule sollte ein neutraler Ort sein." Das hatte Özkan auch zuvor schon erklärt, aber ohne Bezug auf Kruzifixe. Ein Kind müsse selbst entscheiden können, wie es sich religiös orientiere, so die CDU-Politikerin. Darum hätten auch Kopftücher "in Klassenzimmern nichts zu suchen". Die Juristin ist nicht streng gläubig und hat selbst nie ein Kopftuch getragen.
Am Dienstag soll sie als erste türkischstämmige Ministerin Deutschlands vereidigt werden. Aber ist die Christen-Union bereit für eine selbstbewusste Frau, die in einer alten Debatte bewusst Provokantes sagt?
Die Partei ist alles andere als begeistert von den selbstbewussten Äußerungen ihres Shootingstars, der erst seit 2004 CDU-Mitglied ist. Ministerpräsident Christian Wulff distanzierte sich schon am Wochenende unmissverständlich von Özkans Aussagen, am Montag erklärte er die Sache für erledigt: "Frau Özkan akzeptiert, dass in Niedersachsen in den Schulen Kreuze willkommen und gewünscht sind. Sie trägt diese Linie mit", sagte er bei der Bundeskonferenz der Integrations- und Ausländerbeauftragten in Oldenburg . "Das Missverständnis ist ausgeräumt worden." Er sei sich sicher, dass Aygül Özkan "eine grandiose Ministerin" sein wird. Wulff sagte aber auch: "Die Irritation hätte nicht sein müssen."
Dabei stellt sich die Frage, ob Wulff seine Parteifreundin, die seit 2008 in der Hamburgischen Bürgerschaft sitzt, nicht vorher zu solchen sensiblen Fragen interviewt hat.
Aygül Özkan hat einen wunden Punkt berührt, die Diskussion um ihre Äußerungen geht weiter: "Ich schätze Frau Özkan sehr, bin aber hier eindeutig anderer Meinung", stellt CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe in der Neuen Ruhr/Neuen Rhein Zeitung klar. Das Kreuz stehe auch für "die prägende Kraft des Christentums in unserer Kultur" und müsse daher nach Ansicht der CDU im öffentlichen Raum, auch in staatlichen Schulen, "selbstverständlich seinen Platz haben". Kein Kind wird dadurch bedrängt, so Gröhe.
Auch Kanzlerin Angela Merkel hat sich von Özkans Forderung distanziert. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) bezeichnet die Haltung der designierten Ministerin als völlig indiskutabel, der frühere bayerische Wissenschaftsminister Thomas Goppel (CSU) verweist die Deutsch-Türkin auf das Grundgesetz. Dieses sei nach der NS-Zeit mit ausdrücklicher Rückbesinnung auf das christliche Menschenbild verabschiedet worden, sagt Goppel.
Kruzifixe seien eine "jahrhundertealte christliche Tradition in Deutschland", schiebt die Migrationsbeauftragte Maria Böhmer (CDU) hinterher. Die Kreuze seien "Ausdruck unserer Tradition und unseres Werteverständnisses". Trotzdem findet Böhmer es "geradezu richtungsweisend", dass Niedersachsens Landeschef Wulff die türkischstämmige Ministerin in sein Kabinett berufen habe.
Nicht alle Unionsmitglieder scheinen das so zu sehen. Politiker, die Kreuze aus Schulen verbannen wollen, sollten sich überlegen, ob sie in einer christlichen Partei an der richtigen Stelle seien, schimpft der Integrationsbeauftragte der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und Parlamentarische Geschäftsführer der CSU-Landesgruppe im Bundestag, Stefan Müller.
Die CDU-Nachwuchsorganisation Schüler-Union hat gar gefordert, Aygül Özkan nicht zur Ministerin zu machen. "Durch Aussagen wie jene von Frau Özkan verlieren die Volksparteien CDU und CSU ihre Glaubwürdigkeit und damit ihren Rückhalt in der Bevölkerung", sagt der Bundesvorsitzende Younes Ouaqasse in Bild. "Diese Frau hat ihre Kompetenzen überschritten, deshalb darf sie am Dienstag nicht zur Ministerin ernannt werden."
Unterstützung erhält Özkan ausgerechnet vom politischen Gegner. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) verteidigt Özkan, die mit ihrem Vorschlag ein Urteil des Bundesverfassungsgerichtes aufgegriffen habe. Die Union sei allerdings "noch nicht reif" für eine türkischstämmige Ministerin, meint der SPD-Vize. Özkans Berufung sei reine Symbolpolitik. Möglicherweise liege Özkan künftig im "Dauerclinch" mit der CDU, die jetzt "erschrocken" sei, "wen man sich da geholt hat".
Ist die Frau aus Hamburg, die als Regionalvertriebsleiterin beim Postdienstleister TNT Post arbeitet, nur eine Quoten-Muslima, die der Union Weltläufigkeit verleihen soll?
Auch der Trierer Sozialethiker und Dominikanerpater Wolfgang Ockenfels kritisiert Christian Wulff. "Er hätte sich vor der Ernennung Ökzans zur Ministerin gründlicher über deren Haltung informieren sollen", sagt Ockenfels der Rheinischen Post. Frau Ökzan kenne offenbar nicht einmal das CDU-Parteiprogramm.
Sicher ist, dass ihr kein leichter Start ins Ministeramt bevorsteht. Die stellvertretende Vorsitzende des Hamburger Landesverbands steht seit einigen Tagen unter Polizeischutz. Bild am Sonntag berichtete, Özkan erhalte Morddrohungen von Rechtsradikalen. In E-Mails und Foren hätten Unbekannte geschrieben, dass etwas passieren werde, wenn die Muslimin den Posten annehme, schreibt Focus. Özkan reagiert aber selbstbewusst - sie wolle sich nicht einschüchtern lassen.
Auch in ihrer Partei kann sie jetzt viel Selbstbewusstsein gebrauchen. Sie fühle sich nicht als "Quotenmigrantin", hatte Özkan vor kurzem gesagt. "Ausgenützt würde ich mich nur fühlen, wenn ich meine politischen Forderungen nicht auch wirklich leben würde."
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(dpa/AP/liv/ehr/jja)
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Die CDU besteht mit Macht darauf, dass in Niedersachsen das Schulgesetz nicht geändert und somit die Kruzifixe nicht entfernt werden. Dieses Verhalten widerspricht massiv der christlichen Nächstenliebe, welche - neben der Gottesliebe - als das wichtigste Gebot für jeden gilt, der als Christ anerkannt sein will.
Denn konkret bedeutet sie laut Bibel:
"Liebe deinen Nächsten; denn was dir unlieb ist, tue ihm nicht!" (Lev. 19,18).
Sicher wäre es allen in der CDU sogar höchst "unlieb", wenn in allen öffentlichen Schulen statt Kruzifixen z.B. Koranverse oder Buddha-Statuen angebracht werden. Solange also die CDU bei ihrer eklatant unchristlichen Haltung bleibt und auf - zudem eindeutig menschenrechtswidriger - Bevorzugung ihrer Weltanschauungssymbole besteht, hat sie sicher kein Recht, sich christlich zu nennen!
Übrigens: Von Frau Özkan ist bekannt, dass sie gerade wegen der christlichen Nächstenliebe in die CDU eingetreten ist - und muss sich nun völlig getäuscht und enttäuscht fühlen.
@KeineSchere_imKopf "Optimismus vermag ich in Ihrem Statement nicht zu erkennen; der würde sich bspw. darin zeigen, der Herrschaftslosigkeit eine Chance einzuräumen."
Mein Optimismus ist durchaus im herrschenden System fundiert und man muss nicht jedem Unsinn eine Chance geben, vor allem, wenn bekannt ist, wohin er führt!
Herrschaftslosigkeit funktioniert (beweisbar!) nicht, weil es auf der Erde Knappheit an bestimmten begehrten Dingen gibt. Um diese zu verteilen allein bedarf es eines Rechtssystems, das auch solche ökonomischen Fragen zu regeln vermag.
Man muss eben auch Rücksicht auf diejenigen nehmen, mit denen man zusammen lebt.
Dass alle immer alles bekommen, ist eine angenehme Träumerei, aber auch nicht mehr.
Nach welcher Logik das Kopftuch einer Lehrerin (eine persönliche Entscheidung) als unzulässige Zurschaustellung von Religiosität, hingegen das Kruzifix womöglich noch mit dem Abbild des Gekreuzigten in Klassenräumen (ein staatlicher Akt) als bloßes sozio-kulturelles Symbol deutscher Werte und Tradition zu verstehen ist, erschließt sich nicht auf den ersten Blick. Vielleicht braucht man für das Verständnis den Blick namhafter Christdemokraten, die im Zeichen des Kreuzes zwar nicht immer Wahlsiege davontragen, dafür aber die Quelle unserer Wertegemeinschaft erkennen, Integration fördern und Toleranz sichern wollen.
Dass die Geschichte des Christentums nun gerade keine Geschichte der Toleranz ist, dass das Ausschließlichkeitsgebot des christlich-jüdischen Gottes (1. Gebot), die Androhung ewiger Verdammnis als Strafe und das Frauenbild der Kirchenväter keinesfalls mit unserer Verfassung vereinbar sind kümmert den nur vordergründig bibelfesten Christdemokraten wenig. Warum die beiden großen Kirchen von denen die eine sich als die einzig Wahre ansieht vom Staat mit etwa 14 Milliarden Euro jährlich subventioniert und per Staatskirchenverträgen gegenüber anderen Glaubens- und Weltanschauungsgemeinschaften privilegiert werden, obschon das Grundgesetz eine Staatskirche verneint und den Staat zur Neutralität aufruft, wird wohl Geheimnis bleiben. Wer meint, den Wettbewerb der Ideen derart verzerren zu müssen, den sollte man angesichts der Absicht, Kreuze in öffentlichen Schulen hängen zu lassen, an zwei weitere christliche Gebote erinnern: Du sollst kein falsches Zeugnis reden und du sollst dir kein Abbild machen von deinem Herrn.
"Sind Schulen (gemeint: Klassenräume) mit einem Kruzifix oder mit einem Kreuz nicht neutral?"
Nein, sind sie nicht! Ebenso gut könnte nämlich ein Parteisymbol an der Wand hängen. Würden Sie es als "neutral" ansehen, wenn - nur als Beispiel - überall in einer Schule ein blau-gelbes FDP-Logo prangt, oder gar ein Kwuido-Konterfei? Sicher nicht!
"Spielt bei den Pädagogen ein Kruzifix/Kreuz eine übergeordnete - wie auch immer geartete - Rolle?"
Kann ich nicht für jeden Pädagogen beantworten. Ist aber auch egal, denn
- wenn nicht, wozu dann das (in diesem Fall überflüssige) Kreuz oder diese widerliche (im Übrigen wäre etwas qualitativ Vergleichbares z.B. in jedem Computerspiel längst vom geiferndem Innenminister + Familienministerin lauthals mit "Verbieten" als "Teufelswerk" angeprangert worden) Gefolterten-Darstellung?
- wenn ja, dann dürften selbst Sie es als problematisch ansehen, jeder vernünftige Mensch würde das jedenfalls.
In jedem Fall also gehört so etwas nicht in Räume einer zur Neutralität (!) verpflichteten Schule (in der somit implizit Kreuze wie auch irgendwelche anders gearteten "Maskottchen" von Weltanschauungen ohnehin schon verboten SIND).
Und nur damit Sie mir nicht damit kommen: Das hat überhaupt nichts mit Angriffen auf die christlichen Kirchen zu tun! Es soll nur Chancengleichheit sicherstellen und eine NEUTRALE, UNBEEINFLUSSTE Ausbildung von noch formbaren jungen Menschen sicherstellen. Die, wenn sie es denn wollen, ja zum christlichen Religionsunterricht gehen können... in DEM Raum ist dann selbst ein Kreuz genehm. Aber NUR da.
Sind Schulen (gemeint: Klassenräume) mit einem Kruzifix oder mit einem Kreuz nicht neutral? Wird in allen deutschen Schulen mit Kruzifix/Kreuz un-neutral pädagogisch vorgegangen? Spielt bei den Pädagogen ein Kruzifix/Kreuz eine übergeordnete - wie auch immer geartete - Rolle? Diese Fragen wird in Deutschland keiner bejahen wollen, auch nicht die Muslime. Sie tuen es im Übrigen auch nicht! Aygül Özkan, obwohl in Deutschland ausgebildete Juristin, obwohl schon Jahre Mitglied in der Christlichen Demokratischen Union (ja, das C in CDU heißt "Christlich") wird eine dieser Personen sein, die Peter von Zech in seinem Roman SONNE UND SCHATTEN beschrieben hat: Sie täte gut daran, nicht gleich überhastig denen aus dem Munde zu reden, denen sie verpflichtet ist.
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