Von Moritz Koch

Lob im Ausland, Tadel in der Heimat: Selbst gemäßigte Kommentatoren kritisieren Obamas Europareise. Der Präsident sei ein Leichtsinniger - und auf dem Weg, ein neuer Jimmy Carter zu werden.

Für ein paar Tage waren der Ärger mit der Wall Street, die Nöte seines Finanzministers und die Querelen um die Ernennung seiner übrigen Kabinettsmitglieder vergessen.

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Obama während des G-20-Gipfels in London: So gutgelaunt sieht man ihn in der Heimat nicht sehr häufig. (© Foto: AFP<)

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Auf seiner Europareise konnte sich Barack Obama feiern lassen. Die Menschen jubelten ihm zu, ob in London, Baden-Baden oder Prag. Europa steigerte sich in einen Rausch. In der Türkei grüßten sie den US-Präsidenten gar mit hönigsüßer Baracklava, einer leicht abgeänderten Variante der türkischen Baklava.

Zugegeben: Obama muss auch daheim keinen Liebesentzug fürchten. Nach einer neuen Umfrage der New York Times und des Fernsehsenders CBS sind zwei Drittel der Amerikaner mit ihm zufrieden. Viele US-Bürger schauen sogar wieder optimistisch in die Zukunft, seit der charmante Demokrat seinen Amtseid abgelegt hat.

Und doch wird sich Obama auf einige Turbulenzen einstellen müssen, wenn er heute mit der Air Force One aus dem wolkenverhangenen Himmel über der Ostküste schwebt und auf amerikanischem Boden landet. Das politische Klima in Washington wird rauer. Alte Gräben brechen wieder auf, und auch gemäßigte Kommentatoren stellen den Erfolg von Obamas Europareise in Frage.

Allen voran und in immer schrilleren Lagen klagen die Republikaner. Obama gefährde Amerika, gebe nationale Sicherheitsinteressen preis, poltert Newt Gingrich, einst Sprecher der Abgeordnetenhauses und Feldmarschall der republikanischen Revolution in den neunziger Jahren. Die Unfähigkeit der US-Regierung im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen eine Verurteilung des nordkoreanischen Raketenstarts zu bewirken, sei eine "lebhafte Demonstration der Schwäche in der Außenpolitik".

Gingrich hat eine einfache Botschaft für die Amerikaner: Mit Obama sei ein Leichtsinniger ins Weißen Haus gezogen, der nun traumtänzerisch über die Weltbühne tippele, hässliche globale Realitäten nicht wahrhaben wollte und von den Geheimnissen der Staatskunst keine Ahnung habe. Kurzum: "Die Vereinigten Staaten sind einem größeren Risiko ausgesetzt, angegriffen zu werden, als unter Präsident Bush."

Die Abrechnung des republikanischen Einpeitschers gipfelt in dem Vorwurf, Obama sei ein neuer Jimmy Carter. Was in Europa als Lob aufgefasst werden könnte - schließlich ist der besagte Ex-Präsident ein Friedensnobelpreisträger -, ist in den USA ein heftiger Vorwurf, das republikanische Pendant zu einem Vergleich mit George W. Bush. Carter gilt bis weit in demokratische Kreise hinein als politischer Versager. Liberal und glücklos, ein weltfremder Idealist.

Natürlich wird Obama solche Breitseiten verkraften können, zumal der New York Times zufolge die Zustimmung für die Republikaner auf ein 25-Jahres-Tief gefallen ist. Mit ihrer Fundamentalopposition gegen Obamas Wirtschafts- und Außenpolitik steuert sich Amerikas Rechte offenbar weiter ins politische Abseits. Die Hoffnung der Demokraten, dass sich die Republikaner als Regionalpartei in den Prärien des Flyover America verlieren, könnte sich erfüllen.

Viel stärker als die Anfeindungen einer ebenso rat- wie ideenlosen Opposition dürfte dem Präsidenten daher die Kritik zusetzen, die ideologisch unverdächtige Kommentatoren üben. So schrieb Jonathan Martin von der Webseite Politico über den vermeintlichen Gipfelstürmer: Zwar hätten die Europäer, erleichtert über die Ablösung von George W. Bush, Obama freundlich empfangen. Doch die Strahlkraft des neuen Präsidenten habe die Meinungsverschiedenheiten in zentralen ökonomischen und militärischen nicht beseitigt.

Obama sei vom G-20-Gipfel in London abgereist, ohne sich die gewünschten Zusagen für weitere Konjunkturprogramme zu sichern. Und das Nato-Treffen in Straßburg habe er verlassen, ohne dass die Allierten sich bereiterklärt hätten, weitere Kampftruppen nach Afghanistan zu schicken.

Obamas in Europa gefeierte Mittlerqualitäten bei der Durchsetzung des Dänen Anders Fogh Rasmussen als Nato-Generalsekretär finden in den USA kaum Resonanz. Ähnlich wie Martin äußerte sich George Stephanopoulos vom Fernsehsender ABC. Greifbare Erfolge? Fehlanzeige: "Nur die Stimmungsmusik hätte auf diesem Trip nicht besser sein können." Auch die Vision einer nuklearwaffenfreien Welt, die der Präsident bei seiner umjubelten Rede in Prag formulierte, findet in den USA wenig Anklang.

Peter Wehner vom neokonservativen Commentary-Magazin bündelt die Kritik in der Feststellung, "es ist kein Erfolg, von den Europäern gemocht zu werden". Alles was man dafür tun müsse, sei es, ihnen nachzugeben und von Zeit zu Zeit das eigene Land zu kritisieren, am besten auf europäischem Boden. Darüber hinaus könne man wohl zu Recht annehmen, dass die Schwäche, die Obama gegenüber den europäischen Verbündeten demonstriert habe, in Hauptstädten wie Teheran und Pjöngjang nicht unbemerkt geblieben sei.

Gingrich und seine Republikaner dürften sich die Hände reiben, wenn sie solche Zeilen lesen.

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(sueddeutsche.de/gba)