Gerhard Schröder wirbt für seine Biografie und zeigt der Kanzlerin, wie man sich selbst am besten vermarktet.
Wie muss man sich das wohl vorstellen, diesen Augenblick vor etwa vier Wochen? Der Augenblick, in dem ein Kanzler die Memoiren seiner siebenjährigen Amtszeit abschließt und aus seiner Sicht Rechenschaft ablegt vor dem Volk ein Jahr nach seinem Rückzug. Saß Gerhard Schröder da, drückte er die letzte Taste seiner Schreibmaschine, hieb der Kugelkopf der ,,Elektrischen'' das letzte Mal aufs Papier? Saugte Schröder an einer Zigarre, nachdem er das letzte Manuskriptblatt auf den Stapel Blätter neben der Maschine legte, bevor der Kurier kam und die letzten Bögen umgehend aufs Postamt auf der Nordseeinsel Amrum brachte, dort, wo Schröder am besten denken und dichten kann?
Merkel und Schröder im November 2005. (© Foto: ddp)
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Genauso war es wohl eher nicht. Denn nichts ist Zufall, wenn an diesem Montag über die Vorabdrucke von Bild und Spiegel die mediale Maschinerie für die Buch gewordene Selbsterklärung Gerhard Schröders anläuft. Nichts ist sinnlich oder sentimental an diesem Vorgang, der in den letzten Tagen beinahe zu einem Zerwürfnis zwischen den beiden deutschen ,,Massenblättern'', wie Harald Schmidt ätzte, führte, die sich für den zeitgleichen Doppelschlag einen Nichtangriffspakt vertraglich versprochen hatten. Und dann kam doch alles anders als zunächst vorgesehen. Hier geht es eben um ein knallhartes Geschäft, an dem viele teilhaben wollen, der Verlag, die Medien. Und es geht um die Deutungshoheit der Kanzlerjahre. ,,Schröder revisited''- und zwar von sich selbst.
Der siebte Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland hat aus seiner Skepsis längeren Schriftstücken gegenüber nie einen Hehl gemacht. Überbordende Akten ließ er sich gerne vortragen. Er war ein Sekundenmann beim Lesen, kein Marathonmann. Stunden um Stunden hat er nun mit seinem alten Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye zusammengesessen und geredet. Zweimal die Woche. Heye sagt, sie hätten versucht, sich aus den Reflexen der Erinnerung zu befreien und zu hinterfragen - mit Abstand zu hinterfragen.
Warum war es, wie es war. Dabei, sagt Heye, seien sie beide zu dem Ergebnis gekommen, dass man nicht vorbereitet war auf das, was 1998 im Kanzleramt mit Wucht auf die rot-grünen Regenten zukam. Programmatisch nicht, aber auch mental nicht, weil der sedierende Ton Kohls und der rheinischen Republik auch die Hirne der Sozialdemokraten vernebelt habe. In nichts habe sich dieser Irrtum so verdichtet wie in dem Wahlspruch, man wolle nicht alles anders, sondern vieles besser machen. Dann kam der Umzug nach Berlin, und mit einem Mal lüfteten sich die Schleier um Helmut Kohl und zutage trat die oft nicht so erfreuliche Realität.
Aus den Tiefen der Wälder
Und jetzt also Gerhard Schröders ,,Entscheidungen''. Ein Buch von 544 Seiten, geschrieben in einem sehr persönlichen Tonfall und mit einer Startauflage von 160000 Exemplaren. Das Wörtchen ,,ich'' dürfte das am meisten benutzte sein. Für die Goldschürfer in Berlin bergen die Vorabdrucke in Bild und Spiegel schon Interessantes. Man erfährt, dass Gerhard Schröder zu Zeiten des Kosovo-Kriegs entgegen seinem Naturell nachts nicht ruhig schlafen konnte, dass er oft hochschreckte und auf das ,,magische Dreieck'' starrte, ,,das entsteht, wenn der große Zeiger auf die Zwölf und der kleine auf die Drei des Zifferblattes zeigen''. Die Frage, ob SPD-Chef Franz Müntefering oder er den Neuwahlcoup des Jahres 2005 erfunden habe, beantwortet Schröder lapidar, fast nebenbei: ,,Das war die Lage. So sah ich sie , und das war der Grund, warum ich Franz Müntefering mit der Idee der Neuwahlen konfrontierte.'' Der Leser lernt, dass die Streichliste der Koalitionsverhandlungen 2002 (der Kern der späteren Agenda 2010 im darauf folgenden Jahr 2003) unselig durchgewunken wurde. ,,Ihr'', schreibt Schröder, ,,fehlte jede Symbolkraft, die plausibel gemacht hätte, dass es der Regierung um soziale Gerechtigkeit ging. Diese Vermittlung ist uns nicht gelungen.''
Schröder bestätigt, dass er die Opposition mit Passagen der Agenda 2010 im Bundestag überrumpelt habe, indem er diese Textteile nicht vorher den Oppositionsspitzen zukommen ließ, was Usus ist. Über den US-Präsidenten Bush schreibt er: ,,Wenn jemand eine politische Handlung direkt aus dem Gebet, also der Zwiesprache mit Gott, ableitet, dann kann das in einer Demokratie zu Schwierigkeiten führen.'' Er bezeichnet Paul Kirchhof, den Steuerfachmann in Merkels Schattenkabinett, als ,,Geschenk des Himmels'' im Wahlkampf. Und er offenbart seine Gefühle: ,,Die Kür ist für mich der Wahlkampf, die direkte Begegnung mit dem Wähler, das Werben, das Kämpfen um Stimmen. Politische Beschlüsse fassen, das können auch Technokraten; es besser wissen, das können auch Journalisten'', stichelt Schröder: ,,Aber Wahlkämpfe führen, das können und müssen eben nur Politiker.''
Schröder, der Selbstdarsteller. Man muss sich da in den kommenden Tagen und Wochen auf einiges gefasst machen. Es ist ein unglaublicher Schröder-Hype, der nun Deutschland durchziehen wird. Nur durch absolute Medien-Abstinenz würde man Gerhard Schröder entgehen können. Die wankende Kanzlerin ist im Stimmungsloch, da erscheint noch einmal der Kanzler mit Kante, gibt eine Pressekonferenz wie früher so oft neben der Bronzestatue von Willy Brandt in der Berliner SPD-Zentrale.
Insgeheim achtet die amtierende Kanzlerin Gerhard Schröder, sie hat ihm inzwischen öffentlich bescheinigt, dass er sich um Deutschland verdient gemacht hat. Für seinen Machtinstinkt, seinen unbändigen Willen und sein Charisma bewundert sie ihn vielleicht sogar ein bisschen. Und nun kommt der alte Grizzly aus den Tiefen der Wälder zurück, zeigt sich auf der Lichtung und haut um sich: Es fehle an Führung, sagt Schröder in flankierenden Interviews zur aktuellen Politik in Deutschland. Jeder weiß, wer und was gemeint ist.
Schon der Titel des Buches wirkt wie eine Provokation. ,,Entscheidungen'' - ist es nicht das, was man sich von Angela Merkel oft erwartet und nicht bekommt? Die Kanzlerin jedenfalls musste vom Parteitag der Jungen Union aus am Samstag gleich reagieren auf die Provokation des Vorgängers. In der ,,Berliner Blase'' heizt sich die Luft schon seit einigen Tagen merklich auf, auch deswegen, weil die lauen Lüfte langweilen, die seit Merkels Einzug ins Kanzleramt von dort wehen.
Donnerstag also wird Jean-Claude Juncker, der immer und ewige Regierungschef des Kleinstaates Luxemburg, Schröder bei der SPD huldigen. Der Gehuldigte wird darauf ein paar Worte erwidern und hoffen, dass die Berliner Korrespondenten noch einmal Kanzler-Pressekonferenz mit ihm spielen werden: plänkeln, frotzeln, provozieren. Wie früher. Dann wird Schröder die Glastüre neben Willy Brandt durchschreiten und in das sogenannte Kulturkaufhaus von Peter Dussmann gehen, einem ebenfalls von Statur kleinen Mann, der von unten kommend sein Vermögen mit Putzkolonnen gemacht hat und es so zu einem regelmäßigen Mitflieger bei Gerhard Schröder als Kanzler in ferne Regionen der Welt gebracht hatte. Drei Tage später wird das Buch in die Buchhandlungen kommen und Schröder wird durch das Land tingeln, vier Wochen lang wird er signieren, parlieren und brillieren. Es ist alles aufs Feinste orchestriert.
Schröders Tour ist durchkomponiert wie die berühmte Forty-Licks-Tour der Rolling Stones, die es hinterher als opulente 4-DVD-Kassette zu kaufen gab. Schröder, ein Mick Jagger des politischen Betriebes, das passt auch deshalb, weil er sich selbst als einen der letzten ,,Live-Rock-'n'-Roller'' betrachtet, als den sein im Buch zu großen Ehren kommender Vizekanzler Joschka Fischer sich selbst einmal in aller Bescheidenheit bezeichnet hatte.
Der Höhepunkt wird am Donnerstag die Veranstaltung im Willy-Brandt-Haus sein. Schröder neben der Brandt-Statue. Es wird ein Tag werden wie früher, eine Art Wiederauferstehung für ein paar Stunden. Die zuständigen Organisatoren der SPD-Parteizentrale fiebern diesem Moment schon entgegen. Sie haben sich den Film noch mal herausgeholt, den sie vor einem Jahr beim Abschiedsparteitag in Karlsruhe über Schröder gezeigt haben. Ein Gänsehautstreifen. Sie freuen sich darauf, ihn gerade in der Schwächephase Merkels zeigen zu könne: Es war nicht alles so schlecht unter Schröder und Rot-Grün. Und wieder einmal zu spüren, wie sich das anfühlt - einen Kanzler zu haben. Und sei es nur für einen Tag.
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(SZ vom 23.10.2006)
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