Von Henrik Bork

Missverständnisse und Meinungsverschiedenheiten lassen Gespräche über Tibet regelmäßig scheitern. Seit 2002 gab es schon ein halbes Dutzend Gesprächsrunden, inzwischen ist klar: Peking hält die Tibeter hin und spielt mit einem Scheindialog auf Zeit.

Im Streit der Tibeter mit China behaupten beide Seiten, zum "Dialog" bereit zu sein. Der Dalai Lama hat es sogar jetzt wiederholt, wo Bilder von Gewalt und Verhaftungen aus Lhasa um die Welt gehen. Auch Chinas Premier Wen Jiabao hat die Dialogbereitschaft seiner Regierung bekräftigt - allerdings attackierte der Chinese den Tibeter im selben Atemzug scharf.

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Proteste in der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu: Mehrere hundert Demonstranten protestierten gegen die Politik Chinas. (© Foto: AFP)

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Die Unruhen in Lhasa zeigten, dass der Ruf des Dalai Lama nach einem friedlichen Dialog mit Peking "nichts als Lügen" seien, sagte Wen. Die chinesische Führung hat damit die Tür zu einem echten Dialog zugeschlagen. Die Äußerungen Wen Jiabaos werden als bloße Taktik gewertet, weil "Dialogbereitschaft" im Westen gut ankommt.

So hatte etwa Bundeskanzlerin Angela Merkel nach Beginn des Volksaufstandes in Lhasa beide Seiten zum Dialog aufgerufen und damit eine schärfere Verurteilung des chinesischen Vorgehens diplomatisch vermieden.

Beide Seiten haben in der Vergangenheit versucht, einen Dialog zu führen. Im Juli 2002 konnte der Bruder des Dalai Lama, Gyalo Thondrup, auf Einladung der kommunistischen Führung Tibet besuchen. Man führte zunächst nur "Gespräche über Gespräche". Schon damals dachten beide Seiten an die Olympischen Spiele in Peking und hofften, eine Eskalation des Konfliktes verhindern zu können. Seither hat es fünf weitere Gesprächsrunden gegeben, die letzte im Juni 2007. Inzwischen ist jedoch erkennbar, dass Peking die Tibeter nur hinhält und mit einem Scheindialog auf Zeit spielt.

Hoffen auf die Reinkarnation

Die Kommunisten hoffen offenbar darauf, nach dem Tod des jetzt 72-jährigen Dalai Lama selbst eine Reinkarnation ernennen zu können. So hätte sie den nächsten Dalai quasi "von Geburt an" unter Kontrolle. Dass diese Strategie nicht funktioniert, müssten ihr eigentlich die Erfahrungen mit dem Pantschen Lama zeigen. Hier hat Peking die vom Dalai Lama ernannte Reinkarnation des zweitwichtigsten Religionsführers der Tibeter "verschwinden" lassen und im Jahr 1995 eine eigene Reinkarnation ernannt. Die Tibeter in Tibet aber erkennen den falschen Pantschen nicht an.

Der Dalai Lama setzt trotzdem weiter auf Dialog. Er ist Peking im Laufe der Jahre immer weiter entgegengekommen. So hatte der Dalai Lama sich früher geweigert, auch nur implizit zugegeben, dass Tibet ein Teil Chinas war. Doch seit vier, fünf Jahren antwortet er auf die Frage, ob Tibet ein Teil Chinas sei, stets mit einem schlichten "ja". Er fordere Autonomie, nicht Unabhängigkeit, betont er. Damit wäre eigentlich Pekings Hauptforderung erfüllt. Doch die kommunistische Führung wirft dem Dalai Lama vor, "mit gespaltener Zunge zu reden". Seine Worte und Taten seien nicht kongruent, behauptet Peking. Der Mönch und Friedensnobelpreisträger sei ein "Wolf im Schafspelz" und ein "Rädelsführer" der jüngsten Proteste in Tibet. Englands Premier Gordon Brown hatte die Propaganda Pekings über "Dialogbereitschaft" für bare Münze genommen. Sein "Vermittlungsversuch" scheiterte aber sofort kläglich an diesem Missverständnis.

Fundamentale Meinungsverschiedenheiten blockieren seit Jahren den Dialog. So ist schon das Gebiet, über dessen Autonomie gesprochen werden sollte, umstritten. Der Dalai Lama meint das historische Tibet. Dazu zählen das gesamte tibetische Plateau und die tibetischen Provinzen U-Tsang, Kham und Amdo. Die Volksrepublik China aber hat nach dem Einmarsch ihrer Armee in Tibet die viel kleinere "Autonome Provinz Tibet" abgespalten und weigert sich, über die anderen Tibetergebieten in den heutigen Provinzen Sichuan, Qinghai, Gansu und Yunnan auch nur zu reden. Deshalb ist es von höchster Brisanz, dass die aktuellen Proteste auch dort stattgefunden haben, und dies zudem besonders heftig.

Signale nach Taiwan

Ein weiter Grund für das Scheitern des Dialogs ist China Weigerung, den größten Herzenswunsch der meisten Tibeter auch nur zu erwägen. "Die Rückkehr des Dalai Lama nach China wäre ein großes Sicherheitsrisiko. Wir wären dann nicht mehr in der Lage, die Autonome Provinz Tibet zu kontrollieren", sagte ein hochrangiger chinesischer Politiker.

Frühere Forderungen, im Falle seiner Rückkehr lediglich die Kontrolle über Außen- und Sicherheitspolitik zu bekommen, hat der Dalai Lama längst aufgegeben. Er redet inzwischen nur noch von "kultureller Autonomie", und selbst da unter chinesischer Aufsicht. Für Peking aber stehen realpolitische Fragen im Vordergrund. Es fürchtet, die militärische Kontrolle über das strategisch wichtige Plateau zu verlieren. Auch wichtige Bodenschätze gibt es dort. Peking denkt außerdem an Taiwan, und welches Signal von einem echt autonomen Tibet in diese Richtung ausginge.

So verschanzt sich Peking argumentativ hinter der Forderung, der Dalai Lama müsse eine "öffentliche Erklärung abgeben, dass Tibet ein unveräußerlicher Teil Chinas" ist. Diesen Satz wiederum bringt der Dalai Lama nicht über die Lippen, möglicherweise aus Rücksicht auf die Exiltibeter. Er räumt zwar den De-facto-Status Tibets als Teil Chinas ein, bezeichnet die Tibetfrage aber als "weiterhin offen".

Die jüngsten Proteste in Lhasa und die Verhaftungswelle stärken die Verfechter einer harten Linie auf beiden Seiten. Ein Dialog scheint damit in noch weitere Ferne gerückt zu sein, falls Peking nicht mit massivem internationalen Druck dazu gezwungen würde.

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(SZ vom 22.03.2008/gba)