Krise in Griechenland Die Mär vom Bruder im Kreml

Griechenlands Premier Alexis Tsipras wird kaum auf besondere Hilfe aus dem Kreml hoffen dürfen - und vermutlich ist ihm das klar.

(Foto: Bloomberg)

Griechenlands Premier Alexis Tsipras reist nach Moskau - und deutsche Politiker überschlagen sich vor Empörung. Doch dass es in Russland kaum etwas zu holen gibt, weiß wohl auch der Athener.

Kommentar von Christiane Schlötzer

Wenn Griechenlands Premier Alexis Tsipras am 8. April Moskau besuchen wird, dürfte Russlands Regierung eine richtige Show abziehen. Moskaus Botschafter in Athen kündigte jetzt schon mal an, die erste offizielle Russland-Reise des griechischen Linkspolitikers werde ein "Großereignis" für die Beziehungen beider Länder werden. Moskau umschmeichelt die vom finanziellen Untergang bedrohten Griechen - und in Berlin und Brüssel zeigen sich Unionspolitiker empört über die Anbandelei.

Moskau will Zwietracht säen - im eigenen Interesse

Die Aufregung dürfte Tsipras sogar behagen, bestärkt sie die Regierenden in Athen doch in der Überzeugung, sie hätten beim Pokern mit der EU um Schuldenschnitte und ungeliebte Reformschritte geopolitisch doch ein Ass im Ärmel. Nach dem Motto: Helft ihr uns nicht, dann haben wir andere mächtige Freunde - und die EU wird das spüren. Wer möchte, dass sich Tsipras und Co. wie politische Halbstarke fühlen, der soll daher ruhig weiter wettern gegen die griechische "Koketterie", ausgerechnet jetzt sich auch in Moskau nach Krisenhelfern umzusehen.

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Die russischen Interessen sind klar, und Moskau macht nicht mal ein Hehl daraus: Man würde gerne zusätzliche Zwietracht in der EU säen, um die Sanktionsfront im Ukraine-Konflikt aufzuweichen. Athen soll als Hebel dienen. Bislang war der Kreml dabei allerdings noch nicht sehr erfolgreich. Der griechische Außenminister Nikos Kotzias, dessen Regierung die Lage im umkämpften Mariupol gut kennt, weil sie dort noch ein Konsulat unterhält, hat zuletzt der Verlängerung der Sanktionen gegen Moskau zugestimmt.

Athen täte sich keinen Gefallen, die europäischen Bande zu lösen

Dies hat damit zu tun, dass sich die Außenpolitik eines EU-Landes nicht einfach über Nacht ändert, wenn dort die Regierung wechselt. Auch die Athener Regierung aus Links- und Rechtspopulisten hat wie ihre Vorgänger keine Absicht, die Mitgliedschaft in der Nato (seit 1952) und in der EU (seit 1981) aufzukündigen, zumal sie sehr gut weiß, dass es für beides keinen Ersatz gibt - schon gar nicht in Moskau.

Griechenland wurde von Gazprom beispielsweise nie mit besonders niedrigen Preisen verwöhnt, im Gegenteil. Auch deshalb ist Energieminister Panajotis Lafazanis am Montag nach Moskau gefahren. Vom EU-Land Zypern, das 2011 einen Milliarden-Kredit aus Moskau bekam, hat man in Athen zudem gelernt, dass Russland als Finanzpartner eher knausrig ist und weit härtere Bedingungen stellt als die EU und der IWF. Bislang hat Tsipras daher auch nicht in Moskau um Geld gebeten.

Bleibt Russland als Investor. Russische Interessenten haben beispielsweise ein Auge auf den strategisch wichtigen Hafen von Thessaloniki geworfen. Dass der chinesische Staatskonzern Cosco seit 2009 in Piräus investieren darf, hat Moskaus Ehrgeiz angestachelt. Die Syriza-Regierung muss nun Staatseigentum privatisieren, auch wenn ihr das ideologisch gar nicht passt. Was sie sich dabei aber gar nicht leisten kann, vor allem im eigenen Land: aus politischen Gründen irgendeinen Bieter zu bevorzugen, woher der auch kommen mag.

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