Kriminalität im Internet Kinderpornos - immer mehr werden erwischt

Vom Arbeitslosen bis zum Kriminalkommissar: Kinderpornos werden online in allen Schichten angesehen - inzwischen sogar von Minderjährigen.

Von Oliver Das Gupta

Schwere Tage für Jürgen Banzer: Einen Tag nach der Wahl in Hessen wurden anonyme Vorwürfe gegen den hessischen Justiz- und Kultusminister laut, er habe mit Kinderpornographie zu tun.

Für Banzer, der seine Unschuld beteuert, dürften die Unterstellungen fatal sein. Einige glauben womöglich, es bleibe etwas haften, egal, wie die Sache ausgeht.

Einerseits hat das damit zu tun, dass vor zwei Jahren ein Gerichtspräsident aus Kassel glimpflich davonkam, nachdem man mehr als 1000 Kinderporno-Fotos auf seinem Computer gefunden hatte: Gericht und Staatsanwaltschaft beließen es bei einem Strafbefehlsverfahren.

Das bedeutete in dieser Causa: Keine öffentliche Verhandlung, neun Monate auf Bewährung und eine Geldstrafe. Obendrein ließ das von Banzer geleitete Justizministerium eine weitere Verwendung des geständigen Richters prüfen - auf einigen Internet-Foren stieß dieses Vorgehen auf Kritik. War hier die Justiz bei einem eigenen Mann zu lax? Laxer als in anderen Fällen?

Pornos und auch Bilder von Kindersex sind immer häufiger in der gesellschaftlichen Elite zu finden. Immer öfter fliegen Ringe von Pädo-Kriminellen auf, immer häufiger werden auch angesehene Persönlichkeiten ertappt.

Polizisten, Arbeitslose und der Herr Landrat

Die Öffentlichkeit bekommt erstaunt mit, dass Kinderpornos in jedem Milieu gefunden werden: Da ist der Kraftfahrer aus dem Rheinland, der über Jahre hinweg mit Polaroid-Fotos seine Kindsvergewaltigungen dokumentiert; da ist der Kriminaloberkommissar aus Berlin, der einschlägige Videos aus Thailand mitbrachte; oder es surfte ein christdemokratischer Landrat auf Kinderporno-Seiten und lud sich Bilder herunter - drei exemplarische Fälle aus den letzen Monaten.

"Sie kommen aus allen Schichten", bestätigt Oberstaatsanwalt Peter Vogt aus Halle (Saale) im Gespräch mit sueddeutsche.de. "Ich habe Polizeibeamte und Priester, Arbeitslose und sogar einen Staatsanwalt meiner eigenen Behörde erwischt." Das Alter der Nutzer von Kinderpornos liege zumeist zwischen 25 und 55 Jahren, inzwischen gebe es sogar solche, die unter 13 sind. Gestellt habe er in all den Jahren nur Männer, erzählt der Ermittler - und eine einzige Frau.

Vogt und seine Kollegen von der Zentralstelle gegen Kinderpornographie bei der Staatsanwaltschaft Halle kämpfen gegen ein wachsendes Problem: In den vergangenen zwölf Jahren hat sich die Zahl der Ermittlungsverfahren verzehnfacht. 2007 verzeichnete das Bundeskriminalamt eine Zahl von 8832 Verfahren gegen mutmaßliche Käufer und Verkäufer des schrecklichen Schunds; für 2008 liegen noch keine Zahlen vor, sagte ein BKA-Sprecher zu sueddeutsche.de.

Florierendes Geschäft mit dem Kinderleid

Bislang sehen die ertappten Täter vergleichweise milden Strafen entgegen. Seit April 2004 wird der Besitz von Kinderpornos mit zwei Jahren Gefängnis oder Geldstrafe geahndet, ein Strafmaß wie für Sachbeschädigung.

Ermittler Peter Vogt macht die Zurückhaltung hörbar wütend. Er weist darauf hin, dass ein Ladendieb theoretisch bis zu fünf Jahre ins Gefängnis muss. "Die Tafel Schokolade scheint uns wichtiger zu sein als das Wohl unserer Kinder."

Getauscht werden die Kinderpornos über Newsgroups, deren geschätzte Zahl die gewaltigen Ausmaße des Problems deutlich macht: Weltweit gibt es etwa 150.000. Experten beziffern die pädophilen Webseiten mit zwölf Millionen. Die ekelhaften Bilder und Filme stammen oft aus dem asiatischen Raum - und aus Russland.

Dort floriert das Geschäft mit dem Kinderleid besonders: 70 bis 80 US-Dollar pro Monat kostet der Zugang zu den Dokumenten des Missbrauchs, bezahlt wird per Kreditkarte. Wie viele Millionen die russische Mafia mit der kommerzialisierten Kinderpornographie verdient, ist nicht bekannt.

Webseiten sperren, wie das Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) gefordert und EU-Ratspräsident Silvio Berlusconi angeregt hat, hält sicherlich neugierige Internet-User ab - nicht aber den harten Kern gewiefter Pädo-Krimineller.

Wie groß der Handlungsbedarf ist, wird an einem Beispiel deutlich, das Oberstaatsanwalt Vogt erzählt. Seine Behörde hat eine der kommerziellen Kinderporno-Webseiten eine Woche lang beobachtet. 49.000 Mal habe man auf sie zugegriffen, 4000 bis 5000 User seien aus Deutschland gewesen. "Wir konnten sie nicht namhaft machen", sagt Vogt. "Die Internetprovider hatten die Verbindungsdaten nicht mehr gespeichert."

Dieses widerwärtige Schmuddelproblem bleibt der Republik erhalten - und könnte im Wahljahr eine große Rolle spielen.