Krim-Besetzung Putin dreht das Rad zurück

Wladimir Putin bei einem Wirtschaftstreffen in Sotschi am 12. März

Ist Europa schuld an der Krim-Krise? Die These ist beliebt: Russland sei eingekreist, gedemütigt vom Westen. Wer sich das zu eigen macht, der verkennt: Die EU ist gewachsen, weil sie attraktiv ist. An Sensibilität hat es ihr nicht gemangelt. Aber Russland war schon mal weiter.

Ein Kommentar von Stefan Kornelius

Die Krise um die Ukraine hat einen seltsamen Überbietungswettbewerb in Sachen Realismus ausgelöst. Hätte man es also wissen müssen, dass die Assoziierungsgespräche mit der Ukraine (immerhin seit 2009) in diesem Desaster münden? Geht die EU naiv mit ihren Nachbarn um? Gebietet der Realismus nicht den Respekt vor Einflusszonen?

Ein merkwürdiges Weltbild entfaltet sich bei all jenen Fürsprechern Putins, die Europa die Verantwortung für die Eskalation zuschieben. Die These ist beliebt: Die Besetzung der Krim sei das, fast schon folgerichtige, Manöver einer eingekreisten Großmacht, die seit 1989 verschiedene Phasen der Demütigung durchlaufen musste. Genug sei nun genug.

Wer sich diese Version und damit Putins Weltbild zu eigen macht, ignoriert bemerkenswerte Jahre der Weltgeschichte, für die die Europäische Union 2012 nicht ganz zu Unrecht den Friedensnobelpreis bekommen hat. Dieser Preis belohnte ein System, das ein friedliches Zusammenleben von Völkern durch Recht und wachsenden Wohlstand ermöglicht. Dieses System ist so attraktiv, dass sich ihm seit 1989 gleich 17 Staaten angeschlossen haben und viele andere auf eine Mitgliedschaft warten. Bei allen Problemen der EU: Ihre Kernbotschaft ist zutiefst attraktiv.

Nicht die EU hat um neue Mitglieder gebeten, es waren 17 Staaten, die aus eigenem Antrieb und unter großen Opfern ein attraktiveres politisches System gewählt haben. Wenn man sich also Putins Realismus beugt, dann ignoriert man die Dynamik dieser europäischen Idee. Nebenbei: Das gilt auch für die Nato, die ebenfalls keine Landnahme betrieb, sondern die Bewerber vor dem Tor stehen hatte.

Putin hat das Rad zurückgedreht

Freilich: Offenbar sind viele bereit, für einen höheren Realismus Russland gegenüber die Werte der westlichen Institutionen zu opfern. Selbst ein Ur-Europäer wie Helmut Kohl teilt sibyllinisch mit, dass es wohl an Sensibilität gegenüber Putin gemangelt habe. In Polen sieht man das anders. Dort hat Ministerpräsident Donald Tusk Deutschland im Verdacht, aus energiepolitischen Motiven die Auseinandersetzung mit dem russischen Präsidenten zu scheuen. Appeasement aus Wirtschaftsinteressen.

Wer also hat recht? An Sensibilität jedenfalls hat es nicht gemangelt. Die im Westen so beliebte Flagellanten-Frage - wer hat Russland auf dem Gewissen? - lässt sich guten Gewissens beantworten: Man war schon mal weiter, mit Gorbatschow, Jelzin, selbst mit dem frühen Putin. Gemeinsame Projekte, Räte, Modernisierungsinitiativen, selbst eine gemeinsamen Raketenabwehr - wer zählt noch die beschriebenen Dokumente.

Putin aber hat das Rad zurückgedreht. Die Zehntausenden, die in Moskau in Weiß gekleidet für mehr Demokratie demonstrierten, werden es bezeugen. Dem Präsidenten wurde gleichwohl immer viel Verständnis entgegengebracht. Möglicherweise aber überfordert es selbst Realisten, wenn nun in Europa die Grenzen wieder verschoben werden sollen.