Protokoll: Oliver Das Gupta

Johannes Heesters war der wohl letzte lebende Prominente aus der Zeit des Dritten Reichs, Hitlers Chef-Propagandist Goebbels attestierte ihm "verdammten Charme". 2005 schilderte der betagte Schauspieler im Gespräch mit sueddeutsche.de, was er die in den letzten Tagen des Krieges erlebte - und wie er in den ersten Friedensmonaten ausgerechnet ein Engagement im sowjetisch besetzten Ungarn erhielt.

"Meine damalige Frau Wiesje und unsere beiden Töchter lebten in einem Hotel in Prag, wo ich seit 1942 regelmäßig gedreht habe. Unsere Berliner Wohnung war bei einem Bombardement zerstört worden, darum bat ich den Bürgermeister von Bad Aussee im oberösterreichischen Salzkammergut, mir ein Haus zu vermitteln.

Marte Harell und Johannes Heesters in der "Fledermaus" (© Foto: dpa)

Anzeige

Dorthin - das Anwesen lag etwas abgelegen vom Örtchen Grundlsee - habe ich meine Familie im Januar 1944 gebracht. Dann bin ich wieder zurückgefahren nach Prag, wo ich meinen letzten Film (während der Kriegszeit) gedreht habe. Das war Die Fledermaus. Danach habe ich gesagt: "Jetzt ist Schluss." Und bin nach Grundlsee, zu meiner Familie.

Als im Frühjahr ein benachbarter Bauer zum Volkssturm eingezogen wurde, habe ich seinen Hof weitergeführt. Das bedeutete: Um fünf Uhr aufstehen, den Stall ausmisten, mit der Sense mähen. Der Bauer kehrte übrigens zurück, das Kriegsende feierten wir mit einem Rehbraten und ein paar Flaschen Rotwein.

Das Haus, in dem wir lebten, war höher gelegen. Von dort aus konnte man auf den Grundlsee schauen und hatte den Weg gut im Blick, der zum Dorf führte.

Auf diesem Weg kam unmittelbar vor Kriegsende Anfang Mai ein Autobus oder großer Reisewagen mit versprengten deutschen Soldaten entlang. Sie wirkten sehr nervös, sprangen von ihrem Wagen und fragten:

"Bitte, sagen sie, wo kommen wir hin, wenn wir geradeaus fahren?"

Ich antwortete: "Ja, Freunde, das geht nicht, der Weg endet, da kann man nicht weiter fahren. Sie müssen wieder zurück."

"Wir müssen zurück? Ja, wo kommen wir denn da hin?"

"Nach Russland oder nach Amerika. Von der einen Seite kommen die Russen und von der anderen Seite die Amerikaner. Sie müssen also aufpassen."

Die Armen saßen da und wussten nicht, was sie tun sollten. Sie wussten nur, dass sie in fremde Hände kommen, vermutlich in russische. Das war eine sehr traurige Sache. Sie fuhren zurück.

Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite

  1. Sie lesen jetzt "Kinder, der Krieg ist aus!"
  2. Die Russen engagierten Heesters - und zahlten in Dollar
Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: Die Pflicht zur Kür

Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...