Eha Lorits war elf Jahre alt, als in Estland der Krieg endete. Ihr Vater versteckte sich im Wald vor den Sowjets, deren Agenten Lorits' Familie misshandelten. Sie sagt: "Für mich endete der Krieg erst 1991."
Zum 65. Jahrestag des Kriegsendes in Europa lässt sueddeutsche.de vier Zeitzeugen zu Wort kommen.
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Brennpunkt Baltikum: Nach Kriegsausbruch wurden die unabhängigen Staaten Estland, Lettland und Litauen 1940 von der Sowjetunion einverleibt, 1941 kamen die Deutschen, 1944 eroberte die Rote Armee erneut die Region. Die Aufnahme zeigt einen zerstörten Straßenzug in einer estnischen Stadt 1941. (© Foto: SZ Photo)
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Eha Lorits, Jahrgang 1933, wohnt in einem Dorf in Südestland. Ihr Haus, in dem sie ihr ganzes Leben verbrachte, steht am Rande eines Waldes, für den ihr Vater einst als Förster zuständig war. Im Baltikum war der Krieg im Herbst 1944 beendet: Die Deutschen zogen ab und die Sowjetunion besetzte Estland, Lettland und Litauen ein zweites Mal. Bis 1940 waren die drei Staaten unabhängig gewesen, dann wurden sie wie im Hitler-Stalin-Pakt vereinbart von der Roten Armee okkupiert.
Als die Wehrmacht 1941 eingerückt war, hatten zahlreiche Balten die deutschen Soldaten noch als Befreier gesehen. Viele, die mit den Deutschen kooperiert hatten, flüchteten nach dem Vormarsch der Sowjets in die Wälder, weil sie eine Verhaftung fürchteten. Andere versteckten sich, um als Partisanen zu kämpfen. Historiker schätzen die Zahl der baltischen Waldbrüder auf mehr als 100.000 - auch einige tausend Frauen waren darunter. Eha Lorits' Vater versteckte sich von 1944 an - sie schildert eine schreckliche Zeit.
"Die ersten Jahre, also die Zeit bis 1947, waren am schlimmsten. Die Agenten vom Sowjetgeheimdienst NKWD kamen fast täglich in unser kleines Haus, um meine Mutter zu bedrohen und zu verhören. Sie wollten wissen, wo sich mein Vater versteckt: Er hatte von 1941 an mit der Omakaitse ("Selbstschutz", ein Freiwilligenverband, Anm. d. Red.) an der Seite der Deutschen gekämpft. Oft wurden wir ins Gemeindehaus gebracht und auch getrennt befragt - sie hofften wohl, dass ich mich verplappere. Einige Male musste ich zuschauen, wie meine Mutter verprügelt und mit Füßen getreten wurde - manchmal hörte ich auch nur ihre Schreie. Ich schwieg und habe aber nichts verraten.
An schlimme körperliche Schmerzen kann ich mich nicht erinnern, ich wurde nicht so brutal verprügelt. Aber psychisch war es die Hölle und ich musste auch einige Zeit ins Krankenhaus. Eine Situation war besonders schlimm: Nachdem die Agenten wieder einmal alles durchsucht hatten, blieb nur der Offizier zurück. Er stieß meine Mutter gegen den Ofen und bedrohte sie mit der Pistole.
Ich umklammerte die Beine des Offiziers und rief: Töte meine Mutter nicht, töte meine Mutter nicht! Ich wusste nicht, was ich sonst tun sollte. Der Offizier schob mich mit dem Fuß weg, aber er tat meiner Mutter nichts. Er führte sie aber an den Waldrand und sagte: "Los, wo ist der Bunker? Führ uns zum Bunker." Vergeblich.
Mein Vater hielt sich nicht in einem Bunker verborgen, sondern in mehreren Verstecken. In der Scheune gab es auf dem Heuboden einen Hohlraum hinter der Rückwand, in der eine Person Platz hatte. Die Landschaft hier in Südestland ist hügelig und weitläufig, man erkennt von weitem, wenn sich jemand nähert und kann sich verstecken. Wie die meisten metsavennad, wie wir Esten die Waldbrüder nennen, wurde mein Vater von Verwandten und Nachbarn unterstützt - mit Essen, Kleidung und wenn etwas kaputt ging, wurde es repariert.
Wie viele Esten glaubte Vater daran, dass die USA und Großbritannien es nicht zulassen würden, dass sich Stalin das Baltikum einverleibt. Wir hofften auf das "weiße Schiff", valge laev, am Horizont, das uns retten würde. Aber mit jedem Tag schwand die Hoffnung.
Mein Vater kehrte 1948 aus dem Wald zurück, als die Sowjets eine Amnestie zusicherten. Man konnte ihm kein Verbrechen nachweisen. Er hatte sich nur versteckt und keine Warenlieferungen überfallen oder Soldaten attackiert. Ein Jahr später, 1949, kam dann der Schock: Zehntausende Esten, vor allem Frauen und Kinder, wurden nach Sibirien deportiert - entweder weil ihre Männer als Verbrecher galten oder weil sie ihre Bauernhöfe nicht aufgeben wollten und gegen die Kollektivierung protestierten.
Meine Mutter musste mit unserem Pferd die zur Deportation Vorgesehenen zum Zug bringen, das war eine schlimme Schikane, denn Mutter durfte ja keine Solidarität zeigen. Auch Vater wurde nach Sibirien geschickt - und erst nach Stalins Tod 1953 und einer weiteren Amnestie konnte er endgültig zurückkehren. 1956 war er wieder in Vastse-Roosa."
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Ich habe mich soeben erst hier angemeldet, um auf einige der Kommentare zu diesem Artikel zu reagieren. Leider scheint das eine recht verbreitete Meinung wiederzuspiegeln.
Um es gleich vorwegzuschicken: Ich habe über Studium und Beruf viel mit Osteuropa zu tun und war auch schon des öfteren sowohl in Rußland und den nach wie vor recht sowjetisch geprägten Gebieten der östlichen Ukraine einerseits als auch im Baltikum andererseits. Dort liegt zwar mein Schwerpunkt eher auf Litauen, aber in diesem einen Punkt kann man wirklich vom "Baltikum" als einer Art Einheit sprechen.
Sicherlich ist es aus unserer Sicht, noch dazu unserer heutigen, kaum vorstellbar, wie man das NS-Regime der Sowjetunion vorziehen konnte.
Wenn man sich aber vor Augen führt, unter welchen Begleitumständen die Okkupation der drei baltischen Staaten durch die Sowjetunion 1940 vor sich ging, muß man schon unglaublich ideologisch verblendet sein, um davon zu schreiben, daß "die Befreier [...] besudel[t]" würden!
Niemand bestreitet, daß die Rote Armee die Todeslager des NS-Regimes in Polen und anderswo befreit hat. Doch der Umstand, daß Stalin Zeitgenosse eines noch skrupelloseren und wahnwitzigeren Massenmörders war, macht das Leid, das er mit seiner Politik über zig Millionen von Menschen gebracht hat, kein Bißchen kleiner. Konkret auf das Baltikum bezogen heißt das, daß nach den Erfahrungen mit nicht einmal einem Jahr Sowjetherrschaft mit Massendeportationen nach Sibirien - die Zahlen nehmen sich im Kontext des ganzen Grauens zwischen 1939 und 1945 vergleichsweise gering aus, doch betrafen sie Zehntausende, und das bei Völkern zwischen damals ca. 1 Mio (Estland) und knapp 3 Mio (Litauen)! - so ziemlich alles besser erscheinen mußte. Nicht jeder, der sich dort im Sommer 1941 über den deutschen Einmarsch freute, ist automatisch mit einem Nazi und Judenmörder gleichzusetzen. Man bedenke auch die im Vergleich zu heute deutlich schlechtere Informationslage, gerade für Menschen in der Sowjetunion. Hatten sie denn überhaupt eine Ahnung von den Deutschen des Jahres 1941? So wußten auch die Juden kaum Bescheid über die NS-Ideologie und die Vorgänge in Polen; dies erklärt auch, warum es kaum Absatzbewegungen ins Landesinnere gab, so daß fast alle den Nazis und ihren Kollaborateuren zum Opfer fielen. Denn auch diese Kollaborateure gab es, und nicht zuletzt im Baltikum. Es ist in der Tat eine bis heute extrem bedenkliche Erinnerungskultur, wenn dort Denkmäler für SS-Einheiten enthüllt werden oder m
Beim Lesen des Beitrages kam mir der Gedanke: Armes Mädchen, viel Leid erfahren, nichts hinzugelernt. Es ist geschichtlich bewiesen, daß die deutschen Faschisten bei ihrem Raubzug in den baltischen Ländern die allergrößte Unterstützung und den geringsten Widerstand hatten. So standen 1944 110 000 Letten unter Waffen in 2 SS-Divisionen, 6 Grenzschutzregimentern, mehreren Polizeiregimentern, Selbstschutzeinheiten usw. Das waren sechs mal mehr, als die Stärke der lettischen Vorkriegsarmee. Aus diesen Helfern der Faschisten rekrutierten sich die "Waldbrüder". In Estland war dies nicht anders. Ich habe vor 1990 in Litauen in einem Museum Bilder und Dokumente der Gräultaten der Waldbrüder gesehen und konnte mit Menschen sprechen, die deren Taten überlebten. Heute würde man solche Waldbrüder als Terorristen bezeichnen.
Es ist beschämend, daß die SZ den 65. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus nutzt, um die Befreier zu besudeln.
Sehr guter, fundierter Beitrag. und der SZ sein gesagt: everything goes! Nur keine falsche Bescheidenheit, da geht noch viel, viel mehr.
"...eine Amnestie zusicherten. Man konnte ihm kein Verbrechen nachweisen."
Kein Verbrechen - keine Strafe. Die Alternative:
"...Warenlieferungen überfallen oder Soldaten attackiert" - und wie in jedem zivilisierten Land: Strafe. Was ist daran unmenschlich, barbarisch, aufhebenswert? Aber was hatte zu Versteckspiel und Suche geführt?
"Er hatte von 1941 an mit der Omakaitse ("Selbstschutz", ein Freiwilligenverband, Anm. d. Red.) an der Seite der Deutschen gekämpft."
Was hat man denn in Italien und Frankreich, in Belgien und Holland, in Dänemark und Norwegen mit denjenigen gemacht, die "an der Seite der Deutschen gekämpft" hatten? Wurden die gestreichelt, geehrt und belobigt? Sie wurden, falls man ihrer habhaft wurde, teils sogar als Verräter kurzerhand erschosen. In der SU gab es also eine Amnestie.
Und das, obwohl gerade die baltische Verbände zumindest teils verantwortlich waren für brutalste Juden- und Kommunistenverfolgungen, Massenerschießungen und KZs wie Salaspils. es ist eine Zumutung, solchen Kollaboratuers-Schmonzes im gleichen Zusammenhang lesen zu müssen wie die Geschichte des herrn Cling oder die des deutschen Deserteurs.
Kommt beim nächsten Jahrestag noch ein Beitrag zum "schlimmen Schicksal" des herrn Heß in Spandau? Muss man damit rechnen?
Fuer viele Menschen mit linker Einstellung war Hitler boese und das liebe Vaeterchen Stalin der gute Onkel Jo. Auch der damalige US Praesident viel auf die Schmeicheleien Stalins herein. Das musste die Welt teuer bezahlen,beide Diktatoren waren schlecht,ohne Ausnahme. Nur der eine zaehlte zu den Siegern und nur das war wichtig. Es gibt sogar Polnische Filme aus den 50-60 ger Jahren ( gedreht in der Regierungszeit von Praesident Gomulka ) die den Kampf gegen diese sogenannten Partisanen zeigten. Nur viele Glaeubige der roten Biebel,wie Frau Wagenknecht und Freunde haben das vergessen. Fast wie 1933,und danach,davon wusste ich nichts.Fazit, im Westen nichts neues.
Paging