Kriegsbeginn vor 70 Jahren Täter und Opfer

Im Osten Europas ist die Geschichte noch immer eine Macht - und gleichzeitig Tagespolitik, so wie der Streit um Pipelines oder abtrünnige Provinzen.

Ein Kommentar von Sonja Zekri

Im Mai 1944, kurz vor der Landung der amerikanischen und britischen Alliierten in der Normandie, kursierte in Moskau ein bitterer Witz. "Was ist ein Altgläubiger?" - "Jemand, der noch an die Eröffnung einer zweiten Front glaubt."

Dabei hatte die Sowjetunion, die seit Jahren an der ersten Front kämpfte, das Schlimmste da schon hinter sich. Am 1. September vor 70 Jahren überfiel Deutschland Polen, 1941 die Sowjetunion, und nichts, was die Nazis im Westen anrichteten, ähnelte dem Vernichtungsfeldzug im Osten auch nur entfernt.

Während die deutschen Besatzer polnische Lehrer erschossen und ukrainische Museen plünderten, planten sie ein gigantisches Kolonialreich, in dem slawische Heloten deutschen Herrenmenschen dienen sollten. 25 Millionen Menschen verlor die Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg, 70.000 Städte, Siedlungen, Dörfer wurden zerstört.

Unglaubliche Zerstörung

Allein in Weißrussland starb ein Viertel der Bevölkerung. Nach den Juden waren die sowjetischen Kriegsgefangenen die größte Opfergruppe. An der Ostfront fielen in zwei Monaten des Jahres 1943 so viele sowjetische Soldaten wie amerikanische und britische Truppenangehörige im gesamten Krieg.

Die Zahlen wären niedriger ausgefallen, wären zum braunen Terror nicht der rote gekommen, die Deportation ganzer Völker, die politische Paranoia, die Denunziationen. Allein in Stalingrad, heißt es, seien 13.000 sowjetische Soldaten wegen Feigheit erschossen worden. Jeder fünfte sowjetische Kriegsheimkehrer starb oder endete im Lager.

Mehr noch: Kein Ereignis hat den Kommunismus so beflügelt wie der Weltkrieg, der Stalin legitimierte und der dem Sozialismus den Weg bereitete. In Polen oder der Tschechoslowakei wurden die gerade noch kolonisierten Sowjetvölker selbst zu Unterdrückern. Die Niederlage der NS-Herrschaft brachte keinen Triumph der Freiheit.

Schuld ist noch ungeklärt

Auch eine Gesellschaft, die offener, selbstsicherer und weniger gegenwartsverliebt wäre als die russische von heute, hätte mit einem eindeutigen Verhältnis zu dieser unübersichtlichen Vergangenheit ihre Schwierigkeiten. Das ist keine Entschuldigung für die politisch opportune Monumentalisierung des Großen Vaterländischen Krieges. Die dient in jüngster Zeit vor allem dem Lob eines starken Staates und der Kritik am ewig moralisch unzuverlässigen Westen.

Neuerdings sucht das russische Staatsfernsehens die Kriegsschuld sogar in Polen. Und seit Jahren verbreitet sich eine sentimentale Ignoranz, die im Stalinismus nur noch eine gulagfreie Wohlfühldiktatur erkennt. Aber wenn Moskau klagt, dass der Westen den sowjetischen Beitrag zur Überwindung des Nazi-Regimes nie ausreichend gewürdigt hat, dann ist das berechtigt.

Während des Kalten Krieges hatte das Schweigen wenig mit der Abscheu über die Repression jenseits des Eisernen Vorhangs zu tun und viel mit der strategischen Missachtung des ideologischen Gegners.

Aber auch nach dem Kollaps des Kommunismus fand kaum jemand klare Worte. Zum 70. Jahrestag des Kriegsbeginns am Dienstag in Danzig schickte Barack Obama - erstaunlich instinktlos - gerade mal seinen Nationalen Sicherheitsberater.

Dabei ging es in der Tat an diesem Tag nicht um Amerika, nicht einmal um Deutschland. Die jüngsten Streitigkeiten um Kriegsbeginn und Kriegsschuld lassen den einstigen Auslöser der Katastrophe ohnehin bemerkenswert unberührt.

Deutschland wurde nach einer moralischen Bankrotterklärung mit großem Aufwand wieder in den Kreis der zivilisierten Völker zurückgeführt und mit Wohlstand belohnt. So leicht haben die einstigen Opfer im Osten nicht in die Gegenwart gefunden.

In Osteuropa ist die Geschichte lebendig

Zwar hat der russische Premier Wladimir Putin in Danzig versöhnliche Worte gefunden und bereits am Montag den Molotow-Ribbentrop-Pakt verurteilt.

Sollte es wirklich eine gemeinsame russisch-polnische Historiker-Kommission geben, um das sowjetische Massaker an Zehntausenden polnischen Soldaten in Katyn zu untersuchen, sollten in Moskau und Warschau die Archive geöffnet werden, es wären die richtigen Schritte.

Im Osten Europas aber ist die Geschichte virulent wie kaum anderswo. Polen begreift die Erwähnung der Vertriebenen oft als Relativierungsversuch der deutschen Schuld. In Estland marschieren Veteranen der Waffen-SS, dafür streitet Tallinn mit Moskau über die Verbrechen der sowjetischen Besatzungsmacht. In Russland oder der Ukraine gipfelt das Ringen um die historische Deutungshoheit in Versuchen, "falsche" Darstellungen juristisch zu ahnden. Als ließen sich alte Sprengsätze so entschärfen.

Geschichte ist in dieser Weltgegend Tagespolitik, so wie der Streit um Pipelines oder abtrünnige Provinzen. Die erzwungenen Loyalitäten sind fort, die neuen Allianzen noch wenig erprobt. Da soll der Rückgriff auf die Vergangenheit gemeinsame Werte schaffen - gegen gemeinsame Gegner.

Und doch: Die Konflikte um die entsetzliche, hochkomplexe und gerade deshalb so europäische Geschichte dieser Region, in der die Helden der einen für die anderen Verräter sind, sind überwindbar. Als Richtschnur könnte die Aussöhnung zwischen Deutschland und Frankreich dienen. Sie gelang schon nach 100 Jahren Feindschaft.

Der Überfall

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