Zeitzeugin über Beginn des Zweiten Weltkriegs "Wir wussten, was auf uns zukommt"

Engagierte sich nach dem Krieg in der Evangelischen Kirche und in der Kommunalpolitik: Lieselotte Bach

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Lieselotte Bach ist "Arbeitsmaid", als der Zweite Weltkrieg beginnt. Sie und ihre Kameradinnen glauben der Nazi-Propaganda - und brechen bei der Nachricht vom Angriff auf Polen trotzdem in Tränen aus. Der Krieg sollte Bach drastisch treffen.

Von Oliver Das Gupta, Wangen bei Starnberg
75 Jahre Zweiter Weltkrieg

Am 1. September 1939 überfällt die Wehrmacht Polen. Nazideutschland hat den Zweiten Weltkrieg begonnen, der Europa zerstören und mehr als 55 Millionen Menschen das Leben kosten wird. Was hat dieser Krieg angerichtet, wie wirkt er bis heute nach? In der SZ erinnern sich Zeitzeugen an den Krieg.

Im Ersten Teil der Serie erzählt die heute 94 Jahre alte Lieselotte Bach, wie sie den Beginn des Weltenbrandes am 1. September 1939 erlebte.

Lieselotte Bach kam im Mai 1920 als Lieselotte Venator zur Welt. Ihre Familie hat Wurzeln in Jena und Eupen-Malmedy im heutigen Belgien. Das Mädchen wuchs im Dorf Wangen auf, es liegt nahe Starnberg in Oberbayern. 1939 wurde die Abiturientin zum Reichsarbeitsdienst (RAD) eingezogen, als "Arbeitsmaid" beorderte man sie im April nach Kempten.

Dort unterhielt die NS-Organisation RAD am Stadtrand einen Bauernhof, auf dem Bach und etwa 60 andere junge Frauen im nationalsozialistischen Sinne leben mussten. Ihre Tagesabläufe waren präzise vorgeplant: Fahnenappell, Singen von Nazi-Liedern, Sport, Nachmittagsruhe, Sanitätskurs und vor allem Arbeit. Die "Maiden" wurden in der Landwirtschaft eingesetzt, mussten in Männerlagern aufräumen und in Allgäuer Haushalten helfen.

Als Hitler und Stalin gemeinsame Sache machten

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Lieselotte Bach, die nun 94 Jahre alt ist, erinnert sich gut an den Sommer vor 75 Jahren. Sie hat auch ihr Tagebuch und ein Fotoalbum aus dieser Zeit gefunden. Manche politischen Dinge wie ihre Verwunderung über den Hitler-Stalin-Pakt (hier mehr dazu) habe sie allerdings damals nicht notiert, sagt Bach heute. "Denn man musste ja vorsichtig sein."

Der Spätsommer entfaltete 1939 noch einmal seine Kraft im Allgäu. "Heiß" oder "sonnig" stellt Bach den meisten Tagebucheintragungen in jenen Wochen voran, so auch am 1. September. Kurz bevor die 19-Jährige aufstand, hat das deutsche Kriegsschiff Schleswig-Holstein in Danzig die ersten Schüsse des Zweiten Weltkriegs abfeuert und die Luftwaffe die polnische Stadt Wieluń in Schutt und Asche gelegt.

Lieselotte Bach und die anderen "Arbeitsmaiden" beim Fahnenappell vor ihrem RAD-Bauernhof bei Kempten

(Foto: Oliver Das Gupta (Reproduktion))

Tagebucheintrag vom 1. September 1939

"Sonnig. Ich stehe um fünf Uhr auf. Die Wehrmacht rückt in Polen ein. Also ist Kriegszustand. Um acht kommt die Nachricht, dass Danzig sich zum Reich gehörig betrachtet. Um zehn hören wir die Reichstagssitzung mit dem Appell des Führers. Nachmittags erringen unsere Flieger die Luftherrschaft über Polen. Wir arbeiten den ganzen Tag."

Der von Bach erwähnte "Appell" war Adolf Hitlers berüchtigte Rede, in der er die Lüge verbreitete, ein polnisches Kommando habe den deutschen Sender Gleiwitz überfallen. Nun, seit 5.45 Uhr, werde "zurückgeschossen", schreit Hitler damals und Millionen Deutsche hören wie die Abiturientin Lieselotte an den Volksempfängern zu. Aus Bachs knappen Notizen geht nicht hervor, wie niedergeschlagen die Stimmung unter den jungen Frauen damals war. Lieselotte Bach sagt heute:

"Wir haben alle geweint, als der Krieg begann. Wir ahnten, was auf uns zukommt. Zwar waren wir alle nach dem Ersten Weltkrieg geboren. Aber unsere Eltern hatten uns erzählt, wie groß das Leid und die Not damals waren. Bei uns gab es 1939 keine Euphorie wie 1914. Manchmal erinnert mich die Stimmung damals an die heutige Lage in der Ukraine.

Wie vor Danzig der Zweite Weltkrieg begann

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Schon in den Monaten vor dem Kriegsausbruch 1939 haben wir das Gefühl gehabt, dass Krieg kommt. Mitte Mai 1939 hatten wir Gasmasken bekommen und wurden über chemische Kampfstoffe aufgeklärt. Am Tag des Kriegsbeginns ordneten unsere 'Führerinnen' an, den ganzen Tag Radio zu hören. So erfuhren wir, was los war.

Der Krieg war zwar zunächst weit weg in Polen, aber für uns 'Arbeitsmaiden' änderten sich einige Dinge. Wir mussten unsere Sportanzüge neben die Betten legen. Und die Gasmasken obenauf.

Meine Mutter rief dann bald an, auch weil meine Großmutter gestorben war. Meine Eltern waren vom Feldzug in Polen überhaupt nicht begeistert. Der Vater hatte den gesamten Ersten Weltkrieg an der Westfront zugebracht."