Krieg und Frieden Das höhere Heil

Eine schmerzhafte, aber unausweichliche Frage zum Friedensfest: Kann es gerecht sein, Menschen zu töten? Die Debatte, wie viel Krieg wir uns zumuten müssen, hat begonnen.

Von Johan Schloemann

Weihnachten ist nicht nur, wie es gerne heißt, das Fest der Liebe, sondern auch das Fest des Friedens. "Frieden auf Erden" verkünden die Engel über Bethlehem - auch wenn diese Verheißung von der "Masse des himmlischen Heeres" kommt, wie es wörtlich im Lukas-Evangelium heißt. Verkündet wurde da die messianische Rettung der Welt; der eigentliche christliche Friede wird erst im Reich Gottes verwirklicht und ist nicht weltlich-politisch gemeint.

Der Krieg hat Deutschland erfasst. 36 Bundeswehrsoldaten sind in Afghanistan bereits ums Leben gekommen. Die Debatte hat begonnen: Wie viel Krieg muss sich diese pazifistisch gestimmte Gesellschaft zumuten?

(Foto: Foto: ddp)

Aber die irdische Friedenshoffnung lässt sich davon schwer trennen, Jesus Christus wurde ausdrücklich auch als "Friede-Fürst", als Erfüller der Vorhersage des Propheten Jesaja im Alten Testament verstanden: "auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Stuhl Davids und in seinem Königreich".

Im Orient, dem Ort der biblischen Verheißung, herrscht heute kein Frieden. Nicht in Bethlehem, nicht im Irak, erst recht nicht in Afghanistan. Das geht schon länger so, doch in diesem zu Ende gehenden Jahr ist in Deutschland der Krieg näher gerückt als je zuvor seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Gewiss, es gab die Wiederbewaffnungsdebatte, die Atomangst und die Friedensbewegung - aber ohne dass damals ein deutscher Soldat im Krieg gekämpft hätte.

Der Krieg in Deutschland ist angekommen

Selbst der heftig debattierte Krieg auf dem Balkan, wiewohl gewissermaßen der Sündenfall der abstinenten Deutschen nach dem Ende der Nachkriegsordnung, hat zur Jahrtausendwende nicht so am Selbstverständnis der Deutschen gerührt wie Afghanistan: weil er schneller gewinnbar war und nicht so viele Bodentruppen in verlustreiche Kämpfe verwickelte.

Jetzt aber, zum Friedensfest, ist der Krieg in Deutschland angekommen. Wir schauen auf einen Oberst, der seine Feinde "vernichten" will - üblicher militärischer Sprachgebrauch. Wir diskutieren über die Definition des Wortes "Krieg", welches nicht nur der ein oder andere Minister, sondern auch das jüngere Völkerrecht aus der Welt verbannen will, als wäre mit dem Begriff die Sache verschwunden. Es herrscht das allgemeine Gefühl, dass Verlogenheit durch Ehrlichkeit ersetzt werden muss.

Die Deutschen tun sich, historisch erklärbar und für viele auch ganz zu Recht, schwer mit der öffentlichen Anerkennung des Einsatzes der Soldaten sowie der Kriegstoten.

Die Bundeswehr-Statistik zählt (Stand vom 21. Dezember) seit 1992 einundzwanzig "durch Fremdeinwirkung gefallene Soldaten". Jeder Tod ist zu bedauern, aber das sind im Vergleich zu den weltweiten Opfern von Konflikten unserer Zeit sehr wenige. In Afghanistan sterben unbeteiligte Zivilisten, und besonders nach dem Bombardement von Kundus stellt sich Deutschland in ganz neuer Intensität die Frage, ob Tötungen zu einem übergeordneten, besseren Zweck, wenn er denn überhaupt erreicht wird, statthaft sind. Und ob man das als Politiker aussprechen soll.

"Krieg, in der einen oder anderen Form, entstand mit dem ersten Menschen." Bittererweise entstammt diese Aussage nicht den Schriften des Philosophen Thomas Hobbes oder eines Neokonservativen der vergangenen Bush-Ära, sondern der Rede des Friedensnobelpreisträgers Barack Obama. Im hauptsächlich beachteten ersten Teil seiner Osloer Rede mahnte der US-Präsident passend zur deutschen Debatte, zur Erreichung des Friedens seien Opfer und Gewaltanwendung nicht nur manchmal, sondern immer wieder nötig, und zwar unter der Führung Amerikas.

Sollen die Deutschen dieser Ansicht folgen, oder wäre es gut, wenn sie sich in der Folge ihrer Verbrechen im Zweiten Weltkrieg noch etwas von ihrer pazifistischen Haltung bewahrten? Das wird, das muss nach Weihnachten noch breiter Thema der öffentlichen Auseinandersetzung sein.

Im zweiten Teil seiner Oslo-Rede sprach Obama von klassischen Friedensideen der Aufklärungszeit: vom Zusammenhang des inneren und des äußeren Friedens sowie vom Nutzen des Freihandels für den Frieden. Die Vorstellung, dass rechtsstaatliche Republiken den Weltfrieden befördern, hatten Immanuel Kant und Johann Gottlieb Fichte formuliert; die ökonomische Friedenshoffnung kommt aus dem angelsächsischen Utilitarismus.

Der Einsatz für den Frieden hat vielfach religiösen Antrieb

Mit dem Versprechen, dass Friede mehr sei als Freiheit von militärischer Gewalt, bedient Obama die Idealisten und Pazifisten, anders als mit dem Säbelrasseln der Unvermeidlichkeit - und führt so zu seinem dritten Thema, das sich mit der weihnachtlichen Friedensbotschaft berührt: nämlich dem Verhältnis von Religion, Krieg und Frieden.

Religionen können kämpferisch sein oder werden - das zeigt nicht nur der militante Islam, das zeigte auch das Christentum einige Jahrhunderte nach der Geburt von Bethlehem, ausgehend von der Rechtfertigung der Gewaltanwendung durch den Kirchenvater Augustinus. Umgekehrt jedoch hat der Einsatz für den Frieden, gerne verlacht, vielfach einen religiösen Antrieb.

Über die Zumutungen des Krieges werden wir uns fortan wohl keine Illusionen mehr machen können. Die Verheißung von Bethlehem aber drückt etwas aus, was alle Kulturen verbindet: In der Sehnsucht nach Frieden steckt immer auch eine Sehnsucht nach einem höheren Heil, das über die Abwesenheit von Gewalt weit hinausgeht. Darüber spottet nur, wer selbst in ungefährdet friedlichen Verhältnissen lebt.