Auch bei Europas Nuklearmächten Frankreich und Großbritannien wächst der innenpolitische Druck auf Regierungen, die traditionell wenig zurückhaltend sind beim Einsatz des Militärs für ihre Interessen. Französische Einheiten haben in den letzten Jahrzehnten regelmäßig in Afrika interveniert. Britische Truppen sind ihren amerikanischen Kameraden selbst in den völkerrechtlich hoch umstrittenen Angriffskrieg gegen den Irak 2003 gefolgt.

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Doch inzwischen sind am Hindukusch mehr britische Soldaten gefallen als am Golf. In dieser Stimmungslage werden Forderungen laut, selbst mit gewalttätigen Islamisten Gespräche aufzunehmen. Und Frankreich erlebt seit dem Tod von zehn jungen Soldaten in einem Hinterhalt der Taliban am 18. August 2008 hitzige Debatten zwischen Regierung und Opposition über Ziele und Zeitpläne des Einsatzes am Hindukusch. Die Nationalversammlung hat eine "Informations- und Evaluierungskommission" eingesetzt, um die Strategie der Nato und Frankreichs Rolle zu untersuchen und Handlungsalternativen zu entwickeln.

Das bedeutet aber nicht, dass die Europäer an sich unheroisch geworden sind. Eine essentielle Herausforderung ihrer Sicherheit könnte die europäischen Gesellschaften zu erneutem Heroismus zwingen. Auch nach dem Ersten Weltkrieg zeigte sich der Westen kriegsmüde und kämpfte im Zweiten Weltkrieg nach anfänglichen Niederlagen, die nicht zuletzt auf der eigenen Kriegsmüdigkeit beruhten, erfolgreich seine totalitären Gegner nieder.

Der oftmals vorgebrachte Einwand, in einer Zeit neuartiger terroristischer Bedrohungen durch die Proliferation von Massenvernichtungswaffen versage jede Abschreckungs- und Defensivpolitik, mag zwar analytisch auf den ersten Blick zutreffen. Er hilft aber bei der Suche nach einem von demokratischen Gesellschaften auch dauerhaft tragbaren Vorgehen nur bedingt weiter.

Heroische Gelassenheit

Im Anti-Terror-Kampf vergangener Jahrzehnte haben Europas Demokratien demonstriert, welche Form von Heroismus die Stärke des Westens gegenüber Terrorismus ist: heroische Gelassenheit. Es ist der Mut, eigene Opfer in der Heimat hinzunehmen. Ein solcher Heroismus spiegelte sich in der Haltung der britischen Bevölkerung gegenüber dem Terror der IRA, dem Verhalten der Spanier gegenüber der ETA und der Reaktion der Bundesbürger auf die Anschläge der RAF. Der terroristische Hass lief sich daheim im wahren Sinne des Wortes tot.

Mit heroischer Gelassenheit werden die westlichen Demokratien auch den heutigen Anti-Terror-Kampf bestehen: Spanien hat mit dem Prozess gegen die Täter von Madrid 2004 eine eindrucksvolle Lehrstunde von Rechtsstaatlichkeit gegeben. Angesichts der Londoner Selbstmordattentate 2005 vermied Tony Blair die Sprache des Krieges oder der Vergeltung. Stattdessen sprach er ruhig und gefasst von Polizeiarbeit und Großbritanniens Entschlossenheit, seine Werte und seine Lebensart zu verteidigen. Damit bot der britische Premierminister ein zukunftsweisendes Modell an, wie demokratische Regierungen auch auf den islamistischen Terrorismus heroisch gelassen reagieren können.

Der Autor ist Referent in der Staatskanzlei des Landes Nordrhein-Westfalen und lehrt am Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie der Universität Bonn. Der Beitrag gibt seine persönliche Meinung wieder.

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(SZ vom 11.11.2009/mati)