Libyen: Kampf gegen Gaddafi Nato bombardiert Wohnhaus in Tripolis. Versehentlich

Ein Fehler in einem Waffensystem soll schuld gewesen sein: Die Nato gibt zu, dass bei einem Luftangriff auf Tripolis ein Geschoss sein Ziel verfehlt hat und Zivilisten getötet haben könnte. Kritik am Militärbündnis kommt nicht nur von Gaddafis Regime, sondern auch von den verbündeten Rebellen.

Die Nato wirft Bomben über Libyen ab, um die Zivilbevölkerung der UN-Resolution entsprechend vor den Truppen des libyschen Machthabers Muammar al-Gaddafis zu schützen. Nun muss sie einräumen, dass sie selbst Unschuldige bei einem Luftangriff getötet haben könnte. Ein Geschoss habe in der Hauptstadt Tripolis nicht das geplante Ziel getroffen, gab die Militärallianz bekannt. Die Nato räumte ein, versehentlich ein Wohnhaus bombardiert zu haben. Der Fehler im Waffensystem könne zum Tod mehrerer Zivilisten geführt haben.

"Die Nato bedauert den Verlust unschuldiger Menschenleben", teilte General Charles Bouchard, Oberbefehlshaber des Libyen-Einsatzes, mit. Die Untersuchungen zu dem Vorfall liefen noch. Er sagte auch, dass die Nato bei ihren Angriffen in Libyen mit "enormer Sorgfalt" vorgehe, um zivile Opfer zu vermeiden.

Wie viele Menschen gestorben sind, gab die Nato nicht bekannt. Die libysche Regierung hatte dem Bündnis vorgeworfen, bei einem Luftangriff auf ein Wohngebiet neun Zivilisten getötet zu haben, darunter zwei Kinder. Der Angriff galt laut Nato eigentlich einem Raketenlager.

Westliche Journalisten wurden am Sonntag zu zerstörten Gebäuden geführt, in denen Rettungskräfte im Einsatz waren. In einem nahe gelegenen Krankenhaus wurden den Journalisten vier Tote gezeigt, die bei dem Nato-Angriff ums Leben gekommen sein sollen. "Das war ein vorsätzlicher Angriff auf zivile Gebäude", sagte der stellvertretende Außenminister Chaled Kaim, und ein Regierungssprecher sekundierte: "Dies ist ein weiterer Beweis für die Brutalität der Nato."

Der internationale Militäreinsatz in Libyen stützt sich auf ein UN-Mandat, das zum Schutz von Zivilisten den Einsatz militärischer Gewalt zulässt. In einer Erklärung der Nato hieß es, das Bündnis tue "alles, um die libysche Bevölkerung vor der Gewalt des Regimes von Gaddafi zu schützen". Die Nato plane die Einsätze "mit Präzision und mit einer hohen Genauigkeitsrate".

Seit Übernahme der Führung des Militäreinsatzes durch die Nato am 31. März seien mehr als 4400 Kampfeinsätze gegen militärische Ziele in Libyen geflogen worden. Wenige Stunden vor der Attacke auf das Wohnhaus hatte die Brüsseler Nato-Zentrale bereits einen anderen Fehler eingeräumt. Am Donnerstag hatten Nato-Flugzeuge nahe der ost-libyschen Stadt Al-Brega versehentlich Panzer und andere Militärfahrzeuge der Gaddafi-Gegner beschossen. In einer "besonders komplizierten und dynamischen Gefechtsfeldsituation" habe man sie irrtümlich für eine Fahrzeugkolonne der Gaddafi-Truppen gehalten. Nach Rebellen-Angaben waren 16 Aufständische verletzt worden.

Auch von Seiten der libyschen Rebellen kommt heftige Kritik am Vorgehen des Militärbündnisses: Sie werfen ihren Verbündeten mangelnde Unterstützung im Kampf gegen Machthaber Gaddafi vor. "Alles geht zur Neige", sagte Ali Tarhuni, der bei den Aufständischen für Finanzen und Öl zuständig ist, in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters. Die westlichen Länder begriffen dies entweder nicht oder es sei ihnen egal. Zu den versprochenen Zahlungen aus den eingefrorenen Konten Gaddafis im Ausland sagte er: "Da ist bislang nichts geschehen. Und ich meine wirklich nichts."