Krieg in Libyen Nato nimmt Gaddafis Verstecke ins Visier

Bomben auf Paläste und Kommandozentralen: Die Nato will ihre Angriffe in Libyen intensivieren und sich stärker auf die Quartiere von Machthaber Gaddafi konzentrieren. Die Tochter des Despoten spottet in einem Interview über US-Präsident Obama und Außenministerin Clinton.

Die Nato will ihre Luftangriffe auf Ziele in Libyen intensivieren. Wie die New York Times unter Berufung auf Mitarbeiter der Regierung von US-Präsident Barack Obama und Nato-Beamte berichtet, sollen bei der Bombardierung vor allem Paläste, Hauptquartiere und Kommandozentralen ins Visier genommen werden, die der libysche Diktator Muammar al-Gaddafi benutzt. Es gelte, die Möglichkeiten der libyschen Regierung zu vermindern, Zivilisten Schaden zuzufügen. Auch sollten Kommandozentralen und die Logistikkette für Militäroperationen zerstört werden.

Beamte des Weißen Hauses sagten der US-Zeitung, Obama sei über die energischere Bombardierung informiert worden. Dazu habe bereits der Angriff auf den Komplex in der Hauptstadt Tripolis gehört, in dem Gaddafi residiert.

US-Verteidigungsminister Robert Gates sagte bei einer Pressekonferenz in Washington, die militärischen Kommandozentralen Libyens seien legitime Angriffsziele. Die Angriffe zielten jedoch nicht spezifisch darauf ab, Machthaber Gaddafi zu töten. Bislang hätten die Bombardierungen vor allem der Luftabwehr Gaddafis, dessen Versorgungslagern und Bodentruppen gegolten, erklärte Gates.

Aisha al-Gaddafi verspottet Clinton

Die Tochter des libyschen Despoten, Aisha al-Gaddafi, spottete in einem Interview mit der Zeitung über US-Präsident Barack Obama und dessen Außenministerin Hillary Clinton. Obama habe "bislang nichts erreicht", sagte die 36 Jahre alte Anwältin, die sich seit Beginn des Krieges zweimal öffentlich gezeigt und die Bevölkerung aufgefordert hatte, ihren Vater zu unterstützen. An Clinton gerichtet, fragte Aisha: "Warum haben Sie das Weiße Haus nicht verlassen, als Sie herausfanden, dass Sie Ihr Mann betrügt?"

Gaddafi warb dem Bericht zufolge für internationale Gespräche, um die Gewalt in Libyen zu beenden. Die Rebellen dürften daran jedoch nicht teilnehmen, weil sie "Terroristen" seien. Ihre Familie sei durch den Krieg näher zusammengerückt. Sie bereite ihre drei Kinder jedoch auf ein Leben nach dem Tod vor: "In Kriegszeiten weiß man nie, wann eine Rakete oder eine Bombe dich trifft", sagte Aisha al-Gaddafi in dem Interview.

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon erneuerte seine Kritik an dem Regime in Tripolis. Die Gaddafi-Regierung habe ihre Legitimität und ihre Glaubwürdigkeit verloren, sagte Ban am Dienstag in New York. Sie schütze ihr Volk nicht mehr und missachte das Streben des Volkes nach politischer Veränderung. Die humanitäre Lage sei zunehmend besorgniserregend.

Misrata bleibt umkämpft

Das Gebot für die internationale Gemeinschaft sei weiter der Schutz der Zivilbevölkerung, betonte Ban. Die Entscheidung des Weltsicherheitsrates für ein Eingreifen habe viele Menschenleben gerettet. Die Vereinten Nationen würden weiter mit Hochdruck am Zustandekommen einer Waffenruhe und an einer diplomatischen Lösung arbeiten. Am Freitag werde sein Sondergesandter erneut in die Rebellenhochburg Bengasi reisen.

Um die seit zwei Monaten von Truppen Gaddafis belagerte Stadt Misrata wird weiter gekämpft. Auch der zur Versorgung der Küstenstadt dringend benötigte Hafen wurde am Dienstag von dessen Soldaten mit Raketen und Granaten unter Beschuss genommen. Nach Angaben der Aufständischen wurden die Regierungstruppen kurz darauf von Nato-Flugzeugen attackiert. In den Außenbezirken Misratas lieferten sich Rebellen und Gaddafi-Getreue vereinzelt Gefechte.

Übergriffe auf Zivilisten

Auch in weiteren westlibyschen Städten gingen Regierungstruppen gegen Aufständische vor. Nach wie vor komme es zu Übergriffen auf die Zivilbevölkerung, sagte der kanadische Kommandeur des Nato-Einsatzes, Generalleutnant Charles Bouchard, am Dienstag in Neapel. "Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht sehe, wie Gaddafis Truppen mit Gewalt gegen Männer, Frauen und Kinder vorgehen."

Die Vereinten Nationen haben ein Team nach Libyen geschickt, um Vorwürfen von Menschenrechtsverletzungen nachzugehen. Die Regierung hatte zuvor ihre Bereitschaft zur Kooperation erklärt. Die drei UN-Mitarbeiter sollen sowohl mögliche von Gaddafi-Truppen begangene Verbrechen untersuchen als auch mögliche Menschenrechtsverletzungen von Seiten der Rebellen und Nato-Streitkräfte. Das Regime in Tripolis hatte eine entsprechende Erweiterung des Mandats gefordert.

Unterdessen kann die internationale Allianz kleinere Erfolge verbuchen: Wie die staatliche libysche Nachrichtenagentur Jana berichtete, zerstörten Nato-Kriegsschiffe ein wichtiges Telefonkabel, das mehrere Küstenstädte verbindet. Anschließend seien die Telefonverbindungen zwischen Sirte, Ras Lanuf und Al-Brega unterbrochen gewesen.

Auch in der libyschen Hauptstadt Tripolis verschlechtert sich die Versorgungslage zusehends. Ein Bewohner erklärte am Dienstag, Benzin und bestimmte Nahrungsmittel würden knapp. Die Lebensmittelpreise seien in den vergangenen Tagen stark gestiegen.

Gaddafi entsandte eine Delegation nach Venezuela, um zusammen mit der Regierung des linkspopulistischen Präsidenten Hugo Chávez Chancen für eine diplomatische Lösung des Konflikts auszuloten. Chávez, ein Verbündeter Gaddafis, sagte im Radio und Fernsehen des Landes, die Delegation sei in Venezuela, um internationale Unterstützung für einen friedlichen Ausweg zu finden. Chávez nannte die Nato-Angriffe auf Libyen einen "Irrsinn".