Krieg in der Ukraine Die Supermarkt-Armee

Schlecht ausgerüstet: Soldaten der ukrainischen Armee - hier bei einem Einsatz im ostukrainischen Luhansk - sind auf die Unterstützung der Bevölkerung angewiesen.

(Foto: dpa)

Wochenlang warten sie im Feld auf lebensrettende Medikamente oder auch nur auf neue Schuhe: Weil der Staat seine Streitkräfte nicht ausreichend versorgt, greifen die Menschen in der Ukraine zur Selbsthilfe und sammeln Geld für die Ausrüstung ihrer Soldaten.

Von Cathrin Kahlweit, Charkiw

Ihor Saizew hat für seinen Nachbarn eine Schutzweste gekauft. Kein übliches Präsent unter Hausbewohnern, sollte man meinen, aber in der Ukraine schenken sich Menschen neuerdings nicht nur Blumen oder Pralinen, sondern gern auch mal ein Nachtsichtgerät oder eine Uniform. Denn die Armee führt Krieg, aber die Armee ist schlecht ausgerüstet und hat oft nicht einmal Geld für Nahrungsmittel oder Wasser.

Ihor ist Unternehmer in Kiew, aber er hat Geldsorgen. Er verkauft Glückwunschkarten und Geschenkpapier, doch der Umsatz ist eingebrochen. Die Käufer von der Krim fehlten ganz, sagt er, und im Donbass kaufe derzeit auch niemand Geburtstagskarten. "Die Leute haben bei ihrem Versuch, zu überleben, weiß Gott andere Sorgen." Aber: Sein Nachbar muss an die Front, zur "Antiterror-Operation" in der Ostukraine.

Und weil die Ukrainer wissen, dass es dort an fast allem fehlt, werden viele Soldaten privat ausgestattet, von Verwandten, Freunden. Überall im Land sammeln außerdem Freiwilligen-Organisationen für die Soldaten, Geld oder Sachspenden, alles wird genommen. Und viel wird gegeben. Der Kommersant, eine der einflussreichsten Wochenzeitungen im Land, hat gerade erst eine Titelgeschichte dazu gemacht. Darauf zu sehen ist ein umgedrehter Militärhelm, vollgestopft mit Geldscheinen. Die Schlagzeile: "Warum Freiwillige die Soldaten besser versorgen als der Staat."

Um sich keine Korruption vorwerfen zu lassen, wird alles ausgeschrieben

Das Problem, schreibt Kommersant, sei nur zum Teil zurückzuführen auf die großen Lücken im Staatshaushalt. Vielmehr wolle das ukrainische Verteidigungsministerium alles korrekt machen, sich keine Korruption vorwerfen lassen, und deshalb schreibe es alle größeren Aufträge aus. Das könne dauern - und so warteten die Soldaten im Feld manchmal Wochen auf lebensrettende Medikamente oder auch nur auf neue Schuhe.

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Zumal der gute Wille offenbar nicht ausreicht, um die nach wie vor endemische Korruption zu stoppen: Jedenfalls gewann etwa eine Ausschreibung für dringend benötigte Schutzwesten die Firma des mächtigen Oligarchen und Gouverneurs von Dnjepropetrowsk, Igor Kolomojskij, die das Stück für 18 000 Griwna (etwas mehr als 1000 Euro) anbot; eine Konkurrenzfirma hätte es für 8000 Griwna pro Weste gemacht. Bei der kaufen nun die Freiwilligen ein und schaffen das Material an die Front.

Mindestens zehn Millionen Euro haben sie nach Schätzung von Experten bei ihren ukrainischen Landsleuten eingesammelt. Die sarkastische Bemerkung von Russlands Präsident Wladimir Putin zu Beginn des kriegerischen Konflikts auf der Krim, dort seien keine russischen Soldaten im Einsatz, schließlich könne man Uniformen ja auch im Supermarkt kaufen, bekommt angesichts dieser Dimensionen eine ganz neue Bedeutung.

Die Unterstützer kaufen tatsächlich zum Teil in Supermärkten ein, was die Soldaten brauchen, aber auch auf dem internationalen Markt. Manche Bataillone, so sagen Fachleute, bekämen gut die Hälfte ihrer Güter - Uniformen, Schuhe, Helme, Nahrungsmittel, Westen, Tabletten zur Wasserreinigung, Medikamente - nicht von den Beschaffungsämtern der Armee, sondern von den Organisationen, die sich überall im Land gebildet haben.