Krieg in der Ukraine Angst vor einem Chaos ohne Ende

Angst im Blick: Ein ukrainischer Soldat sichert während eines Artillerieangriffs die Evakuierung von Bürgern der Stadt Debalzewe in der Ostukraine.

(Foto: AP)
  • Die Menschen auf Kiews Straßen schimpfen über die Armeeführung im Kampf gegen die prorussischen Separatisten im Osten des Landes.
  • Präsident Petro Poroschenko hat den Kurs vorgegeben: Zumindest die derzeitige Frontlinie müsse gehalten werden.
  • Würde Kiew den Donbass kampflos aufgeben, bedeute dies womöglich das Ende der Regierung - und der relativen Stabilität.
  • Gleichzeitig sorgt sich Kiew darum, dass mehr Terrorakte jenseits der Separatistengebiete verübt werden.
Von Cathrin Kahlweit, Kiew

Man kann in Kiew dieser Tage viel Kritisches hören über die neuen Politiker, die das Land regieren und einen Krieg führen, der die Ukraine zu zerreißen droht: Während auf den Straßen für die Armee gesammelt werde, kauften sich die Abgeordneten die neuesten Mercedes-Modelle.

Obwohl alle Welt von strenger Korruptionsbekämpfung rede, verschwinde im Verteidigungsministerium immer noch ein Teil des Geldes in dunklen Kanälen. Kriegsverbrechen, die von der ukrainischen Armee begangen würden, kläre die Regierung nicht mit dem nötigen Nachdruck auf. Die Strategie der Armeeführung im Osten sei falsch, weil sie die bei Debalzewo praktisch eingekesselten Soldaten nicht abziehe und so eine militärische Katastrophe in Kauf nehme.

So schimpfen die Menschen. Aber niemand, nicht in den Ministerien, nicht in den Redaktionsstuben, nicht auf den Straßen, geht so weit zu sagen, dass dieser Kampf falsch sei. Oder der Preis zu hoch. Es gehe, heißt es unisono, nicht nur um die territoriale Souveränität des Landes. Sondern um das Überleben eines Staates.

Poroschenko: Zumindest die Frontlinie halten

Präsident Petro Poroschenko hat den Kurs vorgegeben: Wenn der Donbass schon nicht zurückerobert werden könne, weil die Armee dafür allein zu schwach sei, dann müsse zumindest die derzeitige Frontlinie gehalten werden, koste es, was es wolle. Der Preis müsse hoch bleiben für Putin und seine irregulären Truppen, heißt es im Verteidigungsministerium, im Kreml verstehe man nur die Sprache der Stärke.

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Würde Kiew den Donbass kampflos aufgeben, bedeute dies womöglich das Ende der Regierung - und der relativen Stabilität. Vasil Filiptschuk, Chef des Zentrums für Strategische und Internationalen Studien in Kiew, sagt das sehr drastisch: "Noch ein paar Katastrophen, weitere Niederlagen, dann wäre Minsk II die Folge. Und dann würden die Bedingungen, die man Kiew diktiert, anders aussehen als im ersten Vertrag."

Also ist man entschlossen, die Stellungen zu halten, trotz der vielen Opfer. Kaum jemand setzt allerdings darauf, dass Washington, wie zuletzt diskutiert, bald schon schwere Waffen liefert - auch wenn das ganz oben auf der Wunschliste von Armee und Regierung steht. Warum nur, fragt empört der Militärexperte und Regierungsberater Sergej Egurez, "können wir denn nicht zumindest in Europa gepanzerte Wagen und Transportfahrzeuge kaufen?" Viele Teile, die die Ukraine früher in Russland zugekauft habe, fehlten jetzt, aber im Westen wiederum fehle offenbar der politische Wille, der Ukraine Ersatz- oder Bauteile zu verkaufen.

Egurez setzt auf die Debatte der kommenden Wochen: "Wenn die Separatisten weiter jede Vereinbarung unterlaufen, dann wird man auch im Westen verstehen, dass wir Gefahr laufen, unterzugehen." Dass die ukrainische Armee aus eigener Kraft standhalten kann, das behaupten gleichwohl viele hochrangige Gesprächspartner im Verteidigungsministerium, im Außenministerium, beim Nationalen Sicherheitsrat - aller Kritik, allen Zweifeln im Detail zum Trotz. Es fehle zwar an allen Ecken und Enden an moderner Aufklärungs- und Kommunikationstechnik, an Radarstationen und Drohnen, aber immerhin: Die Panzerproduktion sei angelaufen, altes, marodes Material weitgehend repariert.