Russische Truppen bewegen sich nach georgischen Angaben auf die Hauptstadt Tiflis zu. Moskau dementiert jedoch, Tiflis angreifen zu wollen. US-Präsident Bush verurteilt unterdessen Russlands Militäroffensive auf das Schärfste.

Am vierten Tag des Kriegs im Kaukasus sind russische Truppen weit nach Georgien vorgestoßen. Nach georgischen Regierungsangaben sind russische Truppen sogar in Richtung Tiflis vorgedrungen. Die georgischen Streitkräfte seien auf dem Rückzug, um die Hauptstadt vor einer Einnahme zu schützen, teilte die Regierung in Tiflis mit.

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Russische Truppen rücken an der Grenze zwischen Nord- und Südossetien vor. (© Foto: Reuters)

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Georgischen Medien zufolge sagte der georgische Präsident Michail Saakaschwili, es handle sich um einen "Versuch, Georgien völlig zu erobern und zu zerstören". Die internationale Staatengemeinschaft müsse helfen. "Sie sollen diesen barbarischen Aggressor stoppen", forderte Saakaschwili. Die vorrückenden russischen Truppen haben Georgien nach Angaben Saakaschwilis praktisch in zwei Hälften getrennt.

Russland dementierte jedoch umgehend, Tiflis einnehmen zu wollen. "Pläne, nach Tiflis vorzudringen, hatten wir nie und haben wir nicht", sagte ein Vertreter des Moskauer Verteidigungsministeriums nach Angaben der Agentur Interfax. Behauptungen Saakaschwilis, die russischen Bodentruppen seien auf dem Weg in die Millionenstadt, zeugten "offensichtlich einfach von der Panik" der georgischen Führung. Saakaschwili selbst räumte am Abend ein, Tiflis sei nicht akut bedroht.

US-Präsident George W. Bush verurteilte unterdessen das Vorgehen der russischen Streitkräfte in Georgien auf das Schärfste. Die USA seien wegen der "dramatischen und brutalen" Eskalation sehr besorgt, sagte Bush kurz nach seiner Rückkehr aus Peking im Garten des Weißen Hauses. Eine solche Militäroffensive sei im 21. Jahrhundert völlig inakzeptabel. Russland müsse die territoriale Integrität Georgiens respektieren, forderte Bush.

Außerdem appellierte er an Moskau, einem sofortigen Waffenstillstand zuzustimmen. Das Vorgehen Russlands setze die Beziehungen zu den USA und zu den europäischen Staaten aufs Spiel, sagte Bush. Es gebe Hinweise darauf, dass Russland die demokratisch gewählte Regierung Georgiens aus dem Amt drängen wolle. Das bezeichnete Bush als völlig inakzeptabel.

Das tatsächliche Ausmaß des russischen Vormarsches in georgisches Kernland war am Montagabend unklar: So dementierte Moskau auch die Einnahme der Stadt Gori: "Russische Truppen haben Gori nicht eingenommen", sagte ein Militärsprecher nach Angaben von Interfax.

Zuvor hatte der georgische Nationale Sicherheitsrat erklärt, Russische Truppen hätten Gori bereits besetzt. "Wir wissen nicht mehr, wo für die russischen Invasoren die Grenze ist", teilte der Chef des Nationalen Sicherheitsrates, Alexander Lomaia, mit. Russland wolle "scheinbar die demokratisch gewählte Regierung von Georgien stürzen und das Land okkupieren", hieß es in der Mitteilung Lomaias weiter. Einwohner Goris hatten der Deutschen Presse-Agentur dpa bestätigt, dass ihre Stadt eingenommen sei.

Gori ist 66 Kilometer von Tiflis entfernt und liegt außerhalb der seit Tagen umkämpften abtrünnigen Region Südossetien. Die 50.000-Einwohner-Stadt gilt als strategisch wichtig und liegt an der größten Ost-West-Autobahn Georgiens. Zwischen der südossetischen Hauptstadt Zchinwali und Gori sind es etwa 30 Kilometer.

Russische Armee in West-Georgien einmarschiert

Am Nachmittag war die russische Armee von der abtrünnigen Region Abchasien aus nach West-Georgien einmarschiert. Die Führung in Moskau bestätigte entsprechende Angaben des georgischen Innenministeriums. Nach offiziellen Angaben aus Tiflis drangen russische Truppen in die 40 Kilometer von Abchasien entfernte Stadt Senaki vor und besetzten dort einen georgischen Militärstützpunkt. Dutzende gepanzerte Fahrzeuge seien in der Stadt, die außerhalb einer Pufferzone an der Trennlinie zwischen Abchasien und Georgien liegt.

In einer Erklärung des russischen Verteidigungsministeriums hieß es, man wolle so neuerlichen Artilleriebeschuss auf Südossetien ebenso verhindern wie georgische Truppenbewegungen.

Am Abend berichteten dann die russischen Nachrichtenagenturen RIA Nowosti und Interfax unter Berufung auf das russische Verteidigungsministerium, die russischen Truppen hätten sich aus Senaki wieder zurückgezogen. Die Truppen hätten dort die Gefahr eines Beschusses von Südossetien "ausgelöscht", so Interfax unter Berufung auf das Verteidigungsministerium in Moskau.

Die georgische Regierung bestätigte den Abzug der russischen Truppen aus Senaki. Die russischen Truppen hätten die dortige Militärbasis zerstört und seien dann abgezogen, so ein Sprecher des georgischen Innenministeriums.

Nur wenige Stunden vor der Einnahme Senakis hatten die russischen Streitkräfte noch erklärt, Moskau hege keinerlei Absicht, mit seinen Truppen weiter nach Georgien vorzurücken. Die Truppen in Südossetien und Abchasien blieben zum Schutz der dortigen russischen Bevölkerung jedoch in Stellung. Beide Regionen haben sich 1992 von Georgien losgesagt und werden von Russland unterstützt, international jedoch nicht anerkannt.

Russland fordert wegen des Kriegs in Südossetien unterdessen eine Sondersitzung des Nato-Russland-Rats, wie sein Botschafter bei dem Bündnis erklärte. Die Gruppe der sieben führenden Industrienationen (G7) rief Russland zu einem sofortigen Waffenstillstand mit Georgien auf. In Washington hieß es, die sieben Außenminister seien in einer Telefonkonferenz übereingekommen, die internationalen Bemühungen um ein Ende des Krieges um die abtrünnige Region zu unterstützen. Russland müsse die territoriale Integrität Georgiens respektieren.

Russland warf Georgien vor, seine Zusage eines Waffenstillstands vom Sonntag gebrochen und die südossetische Hauptstadt Zchinwali erneut beschossen zu haben. Generalmajor Marat Kulachmetow, der Kommandeur der in Südossetien stationierten russischen Friedenstruppen, erklärte, die georgischen Streitkräfte hätten russische Stellungen über Nacht mit schwerer Artillerie beschossen und auch Kampfflugzeuge eingesetzt.

"Wir bombadieren keine Öl-Pipelines"

Russland wies unterdessen georgische Vorwürfe zurück, im Krieg um Südossetien Öl-Pipelines in Georgien, darunter die wichtigste Leitung nach Ceyhan in der Türkei, angegriffen zu haben. "Wir bombardieren keine Öl-Pipelines", sagte der stellvertretende Generalstabschef Anatoli Nogowizyn. Die russische Luftwaffe greife in Georgien nur militärische Ziele an.

Nach russischen Angaben sind seit Beginn der Kämpfe am Freitag schon mehr als 2000 Menschen getötet worden. Bei den meisten Opfern soll es sich um Südossetier mit russischem Pass handeln. Eine unabhängige Bestätigung dieser Angaben liegt nicht vor.

Iwanow lehnt EU-Engagement ab

Der russische Außenminister Sergej Iwanow hat das Engagement der EU beim Aushandeln eines Waffenstillstands im Kaukasus ablehnend beurteilt. Ein Abkommen über einen Waffenstillstand müsse von Tiflis direkt mit den abtrünnigen Regionen ausgehandelt werden, sagte Iwanow dem US-Fernsehsender CNN. "Wir brauchen eine von Georgien auf der einen sowie von Südossetien und Abchasien auf der anderen Seite unterzeichnete Vereinbarung, dass sie in der Zukunft niemals wieder Gewalt anwenden werden."

Der französische Außenminister und EU-Ratsvorsitzende Bernard Kouchner und sein finnischer Amtskollege Alexander Stubb bemühen sich derzeit in der Region zwischen Moskau und Tiflis zu vermitteln. Georgiens Präsident Michail Saakaschwili willigte am Sonntag nach georgischen Angaben in den von der EU vorgeschlagenen Fünf-Punkte-Plan ein. Kouchner und Stubb wollten am Dienstag in Moskau Regierungschef Dmitrij Medwedjew treffen.

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(dpa/AP/Reuters/AFP/ihe/segi)