Israels Ex-Botschafter Avi Primor erklärt die Mechanismen, die zur Eskalation im Gaza-Streifen geführt haben. Am Ende werde verhandelt, Sprüche von "Krieg bis zum bitteren Ende" seien "ein bisschen Propaganda".
Avi (Avraham) Primor kam 1935 in Tel Aviv zur Welt, die Frankfurter Familie seiner Mutter wurde während der Nazi-Zeit ermordet.
Vertrat Israel als Botschafter in Bonn und Berlin: Avi Primor (© Foto: oh)
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Primor trat 1961 in den diplomatischen Dienst ein. Nach mehreren Botschafter-Posten vertrat er zwischen 1993 und 1999 Israel in Deutschland. Danach schied Primor aus dem diplomatischen Dienst und wurde Vizepräsident der Universität Tel Aviv. Seit 2005 ist er an der Privatuniversität in Herzliya und außerdem als Publizist tätig.
sueddeutsche.de: Herr Primor, der Konflikt mit der radikalislamischen Hamas eskaliert. Wie reagiert die israelische Gesellschaft auf die gegenwärtige Lage?
Avi Primor: Die Mehrheit der Israelis hat sich eine solche Situation nicht gewünscht. Die meisten lehnen auch eine Besetzung des Gaza-Streifens ab. Man würde sich sicherlich freuen, wenn es keine Hamas-Regierung gäbe, aber setzt nicht auf einen gewaltsamen Wechsel.
sueddeutsche.de: Dennoch stehen die Zeichen auf Krieg: Droht nun im Gaza-Streifen ein Waffengang wie im Südlibanon 2006?
Primor: Ich glaube nicht, dass die beiden Konflikte miteinander vergleichbar sind.
sueddeutsche.de: Worin bestehen die entscheidenden Unterschiede?
Primor: Hinter der Hisbollah steht der libanesische Staat, der sich - willig oder widerwillig - mit der Schiiten-Miliz solidarisch erklärte. Außerdem wurde die Hisbollah von Syrien und Iran unterstützt. Die Hamas im Gaza-Streifen erhält solche Hilfe von seinen unmittelbaren Nachbarn nicht.
sueddeutsche.de: Die Militärschläge Israels werden in den muslimisch geprägten Staaten harsch kritisiert. Schafft man so am Ende neue Bundesgenossen für die Hamas?
Primor: Substanziell wird es keine Hilfe für Hamas geben: Weder die Saudis unterstützen sie, noch hält das Regime in Kairo zu ihr. Das Gegenteil ist der Fall: Die Hamas ist eine Art palästinensische Al-Qaida-Bewegung. Sie gefährdet mit ihren Verbindungen zu den fundamentalistischen Muslimbrüdern auch die ägyptische Regierung. Die Grenze zu Ägypten ist darum verschlossen und das nicht nur, weil Israel das wünscht. Die Hamas ist umzingelt und belagert.
sueddeutsche.de: Israel schnürte schon vor der aktuellen Eskalation die Versorgung des Gaza-Streifens immer wieder ab. Das führte nicht nur zu großer Not für die Zivilbevölkerung, sondern nährte auch den Hass auf Israel - fruchtbarer Boden für die Hamas.
Primor: Deshalb öffnet Israel selbst jetzt, während der Militäroperationen, die Grenze für Nahrungsmittel, Medikamente und andere Produkte. Aber etwas anderes passiert interessanterweise immer wieder: Die Hamas lässt die Grenzübergänge beschießen, ebenso das Elektrizitätswerk in Aschkelon, das den Gaza-Streifen mit Strom versorgt. Was bedeutet das? Dass die Hamas Interesse daran hat, dass die Bevölkerung im Gaza-Streifen in Not gerät.
sueddeutsche.de: Die palästinensische Bevölkerung wird nun vor allem die Angriffe Israels vor Augen haben, bei denen jeden Tag mehr Zivilisten sterben.
Primor: Da mögen Sie recht haben. Manche Israelis glauben, man müsse die Gaza-Bevölkerung derartig unter Druck setzen, damit sie irgendwann einsieht: Solange wir eine Hamas-Regierung haben, geht es uns schlecht, also stürzen wir sie. Ich meine, dass das Gegenteil der Fall ist: Selbst wenn die Bevölkerung die Regierung eigentlich nicht mehr unterstützt, steht sie hinter ihr, sobald der Feind angreift. Das ist überall auf der Welt so und das war zu jeder Zeit so. Dafür gibt es unzählige Beispiele.
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Russland unter Putin
Sie schrieben:"Es wird somit sehr auf Präsident Obama ankommen, wie er mit den Israelis umgeht. Ich bin sehr gespannt, ob er, mit Verlaub, die Israelis etwas enger an die Kandare nehmen wird, denn in Punkto Menschenrechten liegt auch in Israel einiges im Argen."
Gestern schrie jeder am amerikanischen Fernsehen nach Obama. Ja, was sagt denn Obama dazu?NICHTS - außer, er sei ja noch nicht Präsident, sondern dies sei GWB, und deshalb enthalte er sich der Meinung. Politisch sehr geschickt, die heiße Kartoffel so weiterzureichen. Manche Fernsehjournalisten haben ihm das aber etwas übelgenommen und etwas höhnisch bemerkt, auch wenn er erst "president elect" sei, äußere er sich doch auch jetzt schon zu jedem anderen Thema, weshalb nicht auch zu diesem, sehr brennenden Thema...
Mit Hillary Clinton als Außenministerin und angesichts des Beraterteams von Obama fürchte ich, daß sich nicht viel ändern wird unter Obama.
Deshalb meine Frage an die Chefredaktion der SZ:
Wann werden wir auch in der SZ Beiträge von Israeli lesen können, die das, was zur Zeit in Gaza vor sich geht, mit dem Begriff "Kriegsverbrechen" brandmarken?
Hier ein Beispiel aus dr TAZ:
"Die Geschichte des Nahen Ostens wiederholt sich in verzweifelter Präzision
Der Raufbold schlägt wieder zu
KOMMENTAR VON GIDEON LEVY
Israel hat seit Samstag wieder einen weiteren unnötigen, unglückseligen Krieg vom Zaun gebrochen. Am 16. Juni 2006, vier Tage nach dem Beginn des Libanonkriegs, schrieb ich: "Jedes Viertel hat so jemanden - einen großmäuligen Raufbold, den man nicht unnötig provozieren sollte. Nicht, dass der Raufbold nicht seine Gründe hat - jemand hat ihn gereizt. Aber die Reaktion, was für eine Reaktion!"
Gideon Levy, 53, war von 1978 bis 1982 Mitarbeiter von Schimon Peres. Seit 1982 schreibt er als prominenter Autor für die linke israelische Tageszeitung "Haaretz", in der auch dieser Beitrag erschienen ist. Er lebt in Tel Aviv. Foto: ap Zweieinhalb Jahre später wiederholen sich diese Worte. Im Rahmen weniger Stunden haben die israelischen Streitkräfte am Samstagnachmittag Tod und Verwüstung gesät in einem Ausmaß, das die Kassam-Raketen in all diesen Jahren nicht erreicht haben - und die Operation "Gegossenes Blei" steckt erst in ihren Anfängen.
Wieder einmal überschreitet Israels gewalttätige Antwort, selbst wenn es für sie eine Rechtfertigung gibt, jede Verhältnismäßigkeit und jede rote Linie, die Menschlichkeit, Moralität, internationales Recht und Vernunft ziehen."
Soweit mein Auszug aus seinem Beitrag in der TAZ.
Im nächsten Satz bezeichnet Gideon Levi den Angriff als Kriegsverbrechen!
Das ist auch meine Meinung, die der ZS-Zensur allerdings missfällt, weil........?
Vielleicht wird zumindest dieser Teil-Beitrag eines prominenten Israaeli abgedruckt?
Zustimmung hier:
Ergänzend hierzu gibt es meiner Meinung nach tatsächlich zwei Achsen des Bösen (axes of evil):
1) Israel - USA
2) USA - Grossbritannien.
Wo immer einer der drei oder jedwede Kombination dieser drei in der Welt auftritt, enstehen Flächenbrände und Mord und Totschlag.
Dass Deutschland mit zwei dieser drei verbündet ist und dem zynischsten dieser Länder auch noch "uneingeschränkte Unterstützung" versprochen hat, lässt mich vor Scham in den Boden sinken.
Vor der nächsten Wahl verlange ich einen Zurechnungsfähigkeits-Test der Kanzlerkandidaten -- die beiden jetzt kolportierten werden es nicht schaffen.
Lektüre absolut empfehlenswert. Menschen (ich sage mit Bedacht MENSCHEN und nicht nur LEUTE) wie Gideon Levy lassen hoffen...
Da ich nicht weiß, ob mein letzter Kommentar es noch schafft, hier nochmals ein Hinweis: Artikel im Guardian 29.12. über die aktuelle Situation im Shifa-Hospital in Gaza: "The injured were lying there asking God to let them die".Die Leute haben nicht genug Medikamente, nicht genug zu essen - dank Israel. Die Rationen, unter großem Propagandagetöse "hereingelassen" werden sind lächerlich, vor allem wenn man bedenkt, dass die "Schmugglertunnel" (=Lebensadern) inzwischen zerstört sind. Und dies ein paar KIlomenter von der Gernze des satten Israel, ein paar Kilometer von der prächtig ausgestatteten deutschen Botschaft. Also, Herr Primor, haben Sie schon die Medikamente für das Shifa Hospital besorgt?
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