Interview: Oliver Das Gupta

Israels Ex-Botschafter Avi Primor erklärt die Mechanismen, die zur Eskalation im Gaza-Streifen geführt haben. Am Ende werde verhandelt, Sprüche von "Krieg bis zum bitteren Ende" seien "ein bisschen Propaganda".

Avi (Avraham) Primor kam 1935 in Tel Aviv zur Welt, die Frankfurter Familie seiner Mutter wurde während der Nazi-Zeit ermordet.

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Vertrat Israel als Botschafter in Bonn und Berlin: Avi Primor (© Foto: oh)

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Primor trat 1961 in den diplomatischen Dienst ein. Nach mehreren Botschafter-Posten vertrat er zwischen 1993 und 1999 Israel in Deutschland. Danach schied Primor aus dem diplomatischen Dienst und wurde Vizepräsident der Universität Tel Aviv. Seit 2005 ist er an der Privatuniversität in Herzliya und außerdem als Publizist tätig.

sueddeutsche.de: Herr Primor, der Konflikt mit der radikalislamischen Hamas eskaliert. Wie reagiert die israelische Gesellschaft auf die gegenwärtige Lage?

Avi Primor: Die Mehrheit der Israelis hat sich eine solche Situation nicht gewünscht. Die meisten lehnen auch eine Besetzung des Gaza-Streifens ab. Man würde sich sicherlich freuen, wenn es keine Hamas-Regierung gäbe, aber setzt nicht auf einen gewaltsamen Wechsel.

sueddeutsche.de: Dennoch stehen die Zeichen auf Krieg: Droht nun im Gaza-Streifen ein Waffengang wie im Südlibanon 2006?

Primor: Ich glaube nicht, dass die beiden Konflikte miteinander vergleichbar sind.

sueddeutsche.de: Worin bestehen die entscheidenden Unterschiede?

Primor: Hinter der Hisbollah steht der libanesische Staat, der sich - willig oder widerwillig - mit der Schiiten-Miliz solidarisch erklärte. Außerdem wurde die Hisbollah von Syrien und Iran unterstützt. Die Hamas im Gaza-Streifen erhält solche Hilfe von seinen unmittelbaren Nachbarn nicht.

sueddeutsche.de: Die Militärschläge Israels werden in den muslimisch geprägten Staaten harsch kritisiert. Schafft man so am Ende neue Bundesgenossen für die Hamas?

Primor: Substanziell wird es keine Hilfe für Hamas geben: Weder die Saudis unterstützen sie, noch hält das Regime in Kairo zu ihr. Das Gegenteil ist der Fall: Die Hamas ist eine Art palästinensische Al-Qaida-Bewegung. Sie gefährdet mit ihren Verbindungen zu den fundamentalistischen Muslimbrüdern auch die ägyptische Regierung. Die Grenze zu Ägypten ist darum verschlossen und das nicht nur, weil Israel das wünscht. Die Hamas ist umzingelt und belagert.

sueddeutsche.de: Israel schnürte schon vor der aktuellen Eskalation die Versorgung des Gaza-Streifens immer wieder ab. Das führte nicht nur zu großer Not für die Zivilbevölkerung, sondern nährte auch den Hass auf Israel - fruchtbarer Boden für die Hamas.

Primor: Deshalb öffnet Israel selbst jetzt, während der Militäroperationen, die Grenze für Nahrungsmittel, Medikamente und andere Produkte. Aber etwas anderes passiert interessanterweise immer wieder: Die Hamas lässt die Grenzübergänge beschießen, ebenso das Elektrizitätswerk in Aschkelon, das den Gaza-Streifen mit Strom versorgt. Was bedeutet das? Dass die Hamas Interesse daran hat, dass die Bevölkerung im Gaza-Streifen in Not gerät.

sueddeutsche.de: Die palästinensische Bevölkerung wird nun vor allem die Angriffe Israels vor Augen haben, bei denen jeden Tag mehr Zivilisten sterben.

Primor: Da mögen Sie recht haben. Manche Israelis glauben, man müsse die Gaza-Bevölkerung derartig unter Druck setzen, damit sie irgendwann einsieht: Solange wir eine Hamas-Regierung haben, geht es uns schlecht, also stürzen wir sie. Ich meine, dass das Gegenteil der Fall ist: Selbst wenn die Bevölkerung die Regierung eigentlich nicht mehr unterstützt, steht sie hinter ihr, sobald der Feind angreift. Das ist überall auf der Welt so und das war zu jeder Zeit so. Dafür gibt es unzählige Beispiele.

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