Von Christiane Kohl

Neue Erkenntnisse: Im sächsischen Landesverfassungsschutz soll es zu schwerwiegenden, möglicherweise auch strafrechtlich relevanten Verstößen gegen die dienstrechtlichen Vorschriften gekommen sein.

Das räumte der Präsident des Landesamtes (LfV), Reinhard Boos, am Dienstag ein. Demnach wurde ein Teil der Datensammlung des Dienstes über ein Netzwerk der organisierten Kriminalität, der seit Wochen unter dem Stichwort "Aktenaffäre" Schlagzeilen macht, unter dienstrechtlich nicht einwandfreien Bedingungen zusammengetragen.

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Boos richtete seine Vorwürfe insbesondere an einen namentlich nicht genannten Mitarbeiter des Verfassungsschutzes sowie an einen Leipziger Polizisten, der dem Verfassungsschutz als "vertrauliche Quelle" gedient habe. Bedingt durch die Pflichtverletzungen, so ergänzte der amtierende Staatssekretär im sächsischen Innenministerium, Klaus Fleischmann, müssten Teile der Akten als "vergiftet" betrachtet werden.

Der durch die Aktenaffäre unter Beschuss geratene sächsische Innenminister Albrecht Buttolo (CDU) war bei der Pressekonferenz, die im Anschluss an die Kabinettssitzung stattfand, nicht anwesend. Angeblich wurde er durch dringende Termine bei der sächsischen Kreisreform verhindert.

Buttolo hatte noch vor zwei Wochen im Landtag von einer im Freistaat operierenden organisierten Kriminalität (OK) gesprochen. Jetzt erweckte sein Spitzenbeamter Fleischmann den Eindruck, als müssten Teile der Verfassungsschutz-Akten von ihrer Aussagekraft her als relativ wertlos betrachtet werden. Zwar dürften "die Inhalte der Akten richtig sein", so Fleischmann, jedoch müsse "ihre Belastbarkeit" in Frage gestellt werden.

Konkret habe der Verfassungsschutz einen "aktiven Polizeibeamten" als Quelle benutzt, "als dieser in leitender Funktion zur Beobachtung der OK tätig war". Die Informationen hätten einen "nicht unbeachtlichen Teil des Vorgangs Abseits III" betroffen, in dem Verquickungen zwischen Amtpersonen und Rotlichtgrößen in Leipzig beschrieben werden.

Im Zusammenhang mit der Kennzeichnung der Quelle in den internen LfV-Akten habe ein Verfassungsschützer dann vermutlich unwahre Behauptungen über die Quelle gemacht, sagte Boos. Die beiden Betreffenden müssten mit disziplinarrechtlichen und auch strafrechtlichen Konsequenzen rechnen.

Kritik an "Inszenierung"

Der Verfassungsschutzpräsident legte keinerlei Belege für seine Erklärungen vor, nicht mal sein elfseitiges Statement ließ er an die Journalisten verteilen. Überdies räumte er ein, dass es rechtlich durchaus statthaft sei, wenn ein Polizist und ein Verfassungsschützer Informationen austauschten, aber dies von Amt zu Amt, nicht mittels Vertraulichkeitsschutz.

Vertreter sächsischer Oppositionsparteien sprachen nach der Pressekonferenz von einer ,,abenteuerlichen Inszenierung'' und monierten, dass weder Buttolo noch Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU) teilgenommen hatten.

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(SZ vom 4.7.2007)