Philipp Mißfelder "Ohne Deutschkenntnisse keine Einschulung"

Philipp Mißfelder, Chef der Jungen Union, fordert mehr klare Kante von der CDU, um den Verlust von Roland Koch wettzumachen. Ein Gespräch über Leitkultur, Islamismus und jüngste Niederlagen.

Interview: Thorsten Denkler

sueddeutsche.de: Herr Mißfelder, nach dem angekündigten Rückzug von Roland Koch aus der Politik debattiert die CDU, wer ihm als konservatives Gesicht nachfolgen könnte. Die Bild-Zeitung sieht Sie schon als neue konservative Hoffnung der CDU. Ehrt Sie das oder befürchten Sie, dass das tatsächlich stimmen könnte?

Philipp Mißfelder: Ich empfinde es nicht gerade als Fundamentalkritik an mir, wenn mir nachgesagt wird, dass ich für klare Aussagen stehe. Aber trotzdem, dazu gehört schon ein bisschen mehr.

sueddeutsche.de: Wer käme Ihnen denn in den Sinn?

Mißfelder: Stefan Mappus zum Beispiel, der Ministerpräsident von Baden-Württemberg, aber auch andere, die als Ministerpräsidenten in der ersten Reihe der Bundespolitik stehen.

sueddeutsche.de: Warum ist das eigentlich so ein großes Problem, wenn Koch nicht mehr dabei ist?

Mißfelder: Mit ihm bricht ein politischer Eckpfeiler der Union weg, der nicht nur gesellschaftspolitisch für klare Aussagen steht, sondern auch wirtschafts- und finanzpolitisch. Darum ist es so bedauerlich, dass er diesen Schritt vollzieht.

sueddeutsche.de: Politiker wie Koch, mit Ecken, Kanten und einer erkennbar konservativen Ausrichtung, hatten zuletzt Schwierigkeiten damit, gewählt zu werden. Kochs letztes Wahlergebnis mit minus zehn Prozentpunkte ist nicht vergessen. Ist eine konservative gefärbte CDU überhaupt noch mehrheitsfähig?

Mißfelder: Wir haben bei der Bundestagwahl eines der schlechtesten Ergebnisse unserer Parteigeschichte erzielt. In Nordrhein-Westfalen haben wir vor allem in unseren Hochburgen massiv verloren. Ich kann nicht erkennen, dass das passiert wäre, weil wir uns so außerordentlich um unsere Stammwähler bemüht hätten. Wir haben uns im Gegenteil insbesondere um die Mitte beworben. Im Moment haben wir als Volkspartei Schwierigkeiten, alle gesellschaftlichen Gruppen zu erreichen. Das gehört zur Ehrlichkeit dazu.

sueddeutsche.de: Ist die Frage, ob und wie konservativ sich die Partei nach außen darstellt, eine Frage des politischen Überlebens?

Mißfelder: Nein. Es müssen sich alle drei Wurzeln in der Union, die konservative, die liberale und die soziale widerfinden. Die unterschiedlichen Generationen, die unterschiedlichen gesellschaftpolitischen Ansichten. Ich finde es etwa richtig, dass wir uns in der Familienpolitik öffnen und jungen Eltern Wahlfreiheit bei der Erziehung ihrer Kinder ermöglichen. Das habe ich immer unterstützt. Aber wir brauchen starke Flügel mit exponierten Persönlichkeiten. In der Sozialpolitik ist das auf Landesebene in Nordrhein-Westfalen Karl-Josef Laumann. Wir brauchen aber auch in der Wirtschaftspolitik ein Gesicht. Nach dem Wechsel von Karl-Theodor zu Guttenberg vom Wirtschafts- ins Verteidigungsministerium müssen wir auch in der Regierung deutlich mehr Profil zeigen.

sueddeutsche.de: Köpfe sind das eine. Mit welchen Inhalten könnte die Union ihre Stammwählerschaft reaktivieren?

Mißfelder: Etwa mit klaren Aussagen in der Integrationspolitik. Wir haben ja geradezu einen Wettbewerb darum, wer die meisten runden Tische organisiert. Stattdessen brauchen wir mehr Ecken und Kanten. Die Parteien haben sich in der Integrationspolitik stark angenähert. Unsere Stammwähler aber, vor allem diejenigen, die in den großen Städten tagtäglich mit den Integrationsproblemen konfrontiert werden, suchen hier mehr Halt. Sie verlangen von uns ganz klar, dass wir uns mehr dem Aspekt des Forderns und nicht nur dem des Förderns widmen. Dafür steht auch Roland Koch.