Konkurrenz für Netanjahu Israel feiert Naftali Bennett als Moses reloaded

Naftali Bennett macht Premier Netanjahu Konkurrenz

(Foto: REUTERS)

Druck von weit rechts: Naftali Bennett wird als Chef einer national-religiösen Siedlerpartei zum schärfstem Widersacher für Israels Premier Netanjahu. Der junge Multimillionär erreicht nicht nur die erzkonservativen Siedler, sondern auch die politikverdrossenen Yuppies - mit biblischen Botschaften.

Von Peter Münch, Jerusalem

Schnellen Schritts erklimmt der Held die Bühne. Hemdsärmlig, kraftvoll, angriffslustig. Die schwere Uhr am Handgelenk, die Häkelkippa auf dem fast kahlen Kopf - alles dient der Inszenierung bei Naftali Bennett. Das Siegerlächeln gerät ihm vielleicht ein wenig zu süffisant da oben am Rednerpult in einem Hörsaal der Jerusalemer Universität. Aber wer kann es ihm verdenken, dass er in diesen Tagen jeden Auftritt aufs Neue genießt. Denn im israelischen Wahlkampf sind plötzlich alle Augen und alle Kameras auf ihn gerichtet. Naftali Bennett ist der Mann der Stunde, der aus dem Nichts heraus zum Gegenspieler von Premier Benjamin Netanjahu aufgestiegen ist. Mehr als alle anderen Konkurrenten setzt er die rechte Regierung unter Druck. Und das von sehr weit rechts.

Es ist eine Erfolgsgeschichte, wie sie wohl nur in einer so leidenschaftlich sprunghaften Demokratie wie Israel möglich ist. Der 40-jährige Bennett ist nie zuvor in ein politisches Amt gewählt worden, erst im November hat er den Vorsitz der national-religiösen Siedlerpartei Habajit Hajehudi (Jüdisches Heim) übernommen, die bei der Wahl 2009 nur drei Mandate errungen hatte. Doch unter Bennetts Führung steigt sie in den Umfragen scheinbar unaufhaltsam und könnte bald schon die traditionsreiche Arbeitspartei vom zweiten Platz hinter Netanjahus Likud verdrängen: Zwei Wochen vor der Wahl am 22. Januar werden ihr bis zu 18 Sitze im 120-köpfigen Parlament zugetraut.

Propaganda mit "jüdischem Frühling"

Das gibt Selbstvertrauen, und mit größter Freude an der eigenen Schöpferkraft bedient Bennett nun sein Publikum mit griffigen Floskeln, die steinalte Positionen modern ummänteln. Wenn er vom "jüdischen Frühling" spricht und auf Facebook Freunde sammelt für den aus der Bibel abgeleiteten Auftrag, das Heilige Land "vom Jordan bis zum Mittelmeer" zu besiedeln, dann spricht das nicht mehr nur die zauselige Siedlerklientel an. Der ehemalige Software-Unternehmer, der mit Frau und vier Kindern in der Tel Aviver Reichenvorstadt Raanana residiert, hat damit auch Erfolg bei unpolitischen und politikverdrossenen Yuppies, die ihn als eine Art Moses reloaded feiern.

Für Selbstzweifel ist im Kosmos des Naftali Bennett ebenso wenig Platz wie für einen Palästinenserstaat. Kompromisse, das betont er gern, werde es mit ihm nicht geben. Vom Westjordanland will er 60 Prozent annektieren, auf dem restlichen Areal sollen sich die Palästinenser unter israelischer Aufsicht staatenlos entfalten dürfen. Als "Bennett-Plan" hat er das in die politische Debatte eingebracht und verkauft es strahlend als großzügiges Angebot.

Als Verkäufer ist der Sohn kalifornischer Einwanderer ohnehin erfolgsverwöhnt. Nach dem Militärdienst bei der Elite-Einheit Sajeret Matkal und dem Jurastudium hatte er 1999 eine Internetfirma gegründet, die Software zur Bankensicherheit entwickelte. Sechs Jahre später, da war er 33, verkaufte er das Unternehmen für 145 Millionen Dollar. Seitdem hat er ausgesorgt und sorgt sich ums Vaterland.

Likud driftet nach rechts ab

Ausgerechnet Netanjahu holte Bennett in die Politik. Als Oppositionsführer machte er ihn 2006 zu seinem Stabschef. Für den Novizen waren das wichtige Lehrjahre, doch der Männerbund zerfiel im Streit. Angeblich soll sich Bennett mit Netanjahus einflusshungriger Ehefrau Sara überworfen und danach das Weite gesucht haben. Bald schon trat er als Widersacher des frisch gewählten Premiers auf: Als Generaldirektor der Siedler-Lobby attackierte er 2010 ein von der Regierung auf amerikanischen Druck hin erlassenes Siedlungsbau-Moratorium. Damit war der Kampf eröffnet, der nun vor der Wahl seinem vorläufigen Höhepunkt zustrebt.

Auf Bennetts Aufstieg haben Netanjahu und die Seinen mit heftigen persönlichen Angriffen reagiert. Weil dies den Gegner nur noch stärker machte, ist der Likud nun weiter nach rechts gerutscht, um die zum "Jüdischen Heim" abgewanderten Wähler zurückzugewinnen. Der Regierungschef macht plötzlich Wahlkampf in entlegenen Siedlungen und schart möglichst viele Siedlerführer um sich. In Washington, Brüssel oder Berlin macht das keinen guten Eindruck, doch auf solche Nebensächlichkeiten kann Netanjahu mit Bennett im Rücken keine Rücksicht mehr nehmen.

Die Stunde der Wahrheit aber kommt nach der Wahl. Erwartet wird, dass Netanjahu dann vor der Entscheidung zwischen einer strammen Rechtskoalition mit Bennett oder einem Bündnis mit den moderaten Kräften der Mitte steht. Es könnte zu einer Wahl zwischen Krieg und Frieden werden. Doch selbst wenn Bennett draußen bleibt, dürfte das seinen Ambitionen mittelfristig nur nützen. Denn von der Oppositionsbank aus kann er weit besser agitieren und unzufriedene Wähler sammeln. Er ist jung und er hat Zeit. "Wir sind hier um zu bleiben", lautet sein Wahlkampf-Slogan. Gemeint ist vordergründig das Land - doch gewiss meint er damit auch sich.