Von Michael Bitala

Sie fliehen vor dem Terror, den Schlangen, der Malaria - immer mehr Menschen leiden in Ost-Kongo unter dem Blutrausch der Bürgerkrieger. Eine Reportage von Michael Bitala.

(SZ vom 18.6. 2003) - Könnte man diese Gegend doch immer nur aus der Luft betrachten, aus einem kleinen Flieger, aus 2500 Meter Höhe. Hier, an den Ausläufern des Regenwalds, braut sich gerade ein neues Gewitter zusammen.

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Der waldbedeckte Boden dampft, nur vereinzelt erkennt man Flüsse und Seen, und über lange Strecken hinweg ist kein Dorf zu sehen. Je weiter man von den Hügeln, Weiden und Plantagen rund um Bunia wegfliegt, je näher man der Stadt Beni kommt, desto mehr sieht das Land wie eine seit Jahrtausenden unberührte Urlandschaft aus.

Natürlich ist dieser Eindruck falsch.

Fahrradfahrer ohne Kalaschnikow ist die Ausnahme

Dazu muss man nur, im Dschungel der Tatsachen angekommen, in eines der vielen Flüchtlingslager rund um Beni fahren, dieses staubige Nest, wo es eine Ausnahme ist, dass ein Fahrradfahrer keine Kalaschnikow bei sich hat und wo man in keinem Lokal ungestört sein Bier trinken kann, weil überall die schwer bewaffneten Leibwächter kleiner kongolesischer Provinzpolitiker sitzen.

Doch das ist harmlos im Vergleich zum Horror, der einem in den dicht gedrängten Auffanglagern hier im Nordosten der Demokratischen Republik Kongo begegnet.

Jeder hier erzählt entsetzliche Geschichten. Efili Lomboto zum Beispiel, die Mutter, die in den vergangenen vier Wochen fünf ihrer neun Kinder verloren hat, oder Avurasi Nara, die nur mehr zwei von vier Söhnen hat, oder Bahati Tsombe, der gerade 17 Jahre ist und sagt, dass er vor den mordenden Hema-Milizen aus Bunia geflohen ist und keine Mutter und auch keine Hoffnung mehr hat.

In der Provinzstadt Beni findet man Menschen, die dem Blutrausch in Bunia und im gesamten Ituri-Distrikt entkommen sind. Fünf, sechs Tage brauchten sie für die 150 Kilometer, sie sind gelaufen, durch dichten Dschungel, vorbei an Milizen und Straßensperren, gepeinigt von Malaria-Mücken und Schlangenbissen und umgetrieben von der Ungewissheit, was mit den Verwandten, den Freunden, den Kindern, dem Ehepartner passiert ist.

Nackte Ankunft

Nicht wenige wurden auf ihrer Flucht drei-, viermal überfallen, von den vielen verfeindeten Milizen und Straßenräubern, von Raubrittern und Rebellen. Kein Mensch weiß, wie viele dieser Terrortrupps im Gestrüpp Ostkongos unterwegs sind, nur eines ist sicher: Sie peinigten die Flüchtlinge so, dass manche der 130 000 Menschen fast nackt in Beni ankamen.

In den Auffanglagern zeigt sich auch, dass der Krieg in Ituri nicht allein Hema gegen Lendu in Stellung brachte, sondern auch Milizen gegen Zivilisten.

In Beni haben Hema und Lendu Zuflucht gefunden, hier harren Nande und Luba aus. Und das Verwunderlichste ist, das sagen zumindest die Mitarbeiter der Organisationen Ärzte ohne Grenzen und World Vision, die diese Lager betreuen, dass fast keine Verletzten hier ankommen.

Aurelie Gremaud von den Ärzten ohne Grenzen hat lange Interviews mit den Flüchtlingen geführt, und sie zieht den Schluss, dass die meisten Menschen von den Milizen getötet werden - oder zumindest so schwer verletzt, dass sie die Flucht nicht mehr schaffen.

Noch ist die Lage in den Lagern rund um Beni nicht ganz so dramatisch, wie man das erwartet. Der Boden ist sehr fruchtbar, bis zu vier Ernten im Jahr sind möglich, und deshalb gibt es vorerst noch genügend zu essen. Das größte Problem aber ist, dass auch die Gegend um Beni seit gut zwei Wochen nicht mehr sicher ist. Die Machthaber dieser Provinz sind mit der kongolesischen Regierung verbündet.

Von hier aus bekommen auch die Lendu-Milizen im Ituri-Distrikt ihre Waffen; ihre Feinde, die Hema, werden von Ruanda ausgerüstet. Und die Armee Ugandas bewaffnet beide Volksgruppen, je nachdem, wer mehr bezahlt. Seit zwei Wochen nun hat das Nachbarland Ruanda zusammen mit einer kongolesischen Miliz, die sich RCD nennt und in Goma stationiert ist, eine Offensive gestartet.

Tausende von Flüchtlingen werden erwartet

In der Nähe des 50 Kilometer entfernten Butembo wird schon gekämpft, so dass auch von dieser Seite Tausende Flüchtlinge auf Beni zukommen.

In der Stadt selbst kam es in der vergangenen Woche zu gewalttätigen Protesten gegen die Beobachter der Vereinten Nationen und internationaler Hilfsorganisationen, ein UN-Auto wurde attackiert, ebenso die Beobachter, die in einem Hotel untergebracht sind. Ihnen wird vorgeworfen, nichts gegen das Vorrücken der Ruander zu unternehmen.

Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis die Offensive Beni erreicht. Sollte der Vormarsch Ruandas nicht gestoppt werden, wird auch Uganda wieder Truppen nach Kongo schicken, um seinen Feind zurückzudrängen. Nicht wenige Kongolesen glauben deshalb, dass eine neue, große Runde des Krieges bevorsteht - und die UN-Truppen werden vermutlich wieder einmal nur zusehen.

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