Kongo-Brazzaville Unter Kleptokraten

Kongo-Brazzaville, der kleine Nachbar der Demokratischen Republik Kongo, fördert jeden Tag Hunderttauende Barrel Öl. Doch weite Teile der Bevölkerung leben in Armut. Eine Clique um den Präsidenten lässt die Quellen vor allem für sich selbst sprudeln.

Von Tobias Zick und Joan Tilouine

Auf den Bohrinseln lodern die Gasfackeln, und aus dem fernen Dunst tauchen die Silhouetten mächtiger Tanker auf: Von den Luxushotels am Strand von Pointe-Noire, der Wirtschaftsmetropole der Republik Kongo, kann man das Schauspiel der Ölindustrie mit bloßem Auge verfolgen. Es ist der mit Abstand wichtigste Wirtschaftszweig; das Erdöl bringt dem Land, einem der korruptesten auf dem afrikanischen Kontinent, etwa drei Viertel seiner Einnahmen. Im Jahr 2015 hat die Republik Kongo jeden Tag etwa 290 000 Barrel Öl gefördert - und doch leben mehr als die Hälfte ihrer 4,4 Millionen Einwohner unter der Armutsgrenze.

Denn das Wesentliche spielt sich anderswo ab: im Verborgenen. Es läuft über diskrete Briefkastenfirmen.

Seit 37 Jahren - inklusive einer fünfjährigen Unterbrechung - wird der Staat in Zentralafrika von Präsident Denis Sassou-Nguesso regiert. Und der Langzeitherrscher hat vorgesorgt, damit sich daran auch künftig so schnell nichts ändern wird. Im Oktober 2015 ließ er in einem Referendum die Verfassung ändern, um sich den Weg für eine weitere Amtszeit frei zu machen. Rund um den Wahltermin im März dieses Jahres ließ er die Mobilfunknetze abschalten, ein Fahrverbot in der Hauptstadt verhängen und gewaltsame Proteste niederschlagen; schließlich sprach ihm die Wahlkommission 60 Prozent der Stimmen zu, ungeachtet aller Betrugsvorwürfe aus dem In- und Ausland. Was treibt einen Präsidenten dazu, sich nach mehr als drei Jahrzehnten noch immer so rücksichtslos an die Macht zu klammern? Altersstarrsinn? Tradition? Oder der Wunsch, etwas Angefangenes auch zu Ende zu bringen?

Öl, Gold, Diamanten – Wie der Reichtum armer Länder in Briefkastenfirmen fließt

Rohstoffe können ein Segen für ein Land sein, wenn Regierungen damit verantwortungsvoll umgehen. In Afrika ist das aber nicht oft der Fall. Wer die Lizenzen für die Ausbeutung der Bodenschätze vergibt, kann damit sehr viel Geld verdienen. Auch Schmiergeld. Der Reichtum, der in der Erde schlummert, wird so zum Fluch, die Erträge fließen an der Bevölkerung vorbei. Auch Offshore-Firmen, die von der Kanzlei Mossack Fonseca aufgesetzt wurden, mischen dabei mit. Geschäftemacher aus aller Welt und Politiker bringen mithilfe dieser Briefkastenfirmen ihr gestohlenes Vermögen in Sicherheit - und Söldner-Unternehmen umgehen so die oft strengen nationalen Gesetze.

Hunderttausende Euro gibt der Geschäftsmann aus - während einer einzigen Reise

Die Dokumente aus den Panama Papers, welche die französische Zeitung Le Monde, Partnerin der Süddeutschen Zeitung bei diesen Recherchen, ausgewertet hat, liefern neue Hinweise, dass es für Sassou-Nguesso ganz andere, viel handfestere Gründe gibt. Für ihn selbst - und für ein komplexes Netz von Vertrauten.

Lucien Ebata, 47, lebt auf der anderen Seite des Kongo-Flusses, in Kinshasa, der Hauptstadt des viel größeren Nachbarstaates Demokratische Republik Kongo. Als der Geschäftsmann einmal im Oktober 2012 von französischen Ermittlern am Pariser Flughafen festgenommen worden war, trug er 182 000 Euro Bargeld bei sich: "Manche meiner Afrika-Kunden bezahlen mich in bar", erklärte er damals, "denn die Überweisungen dauern oft lange." Wie gut seine Geschäfte liefen, zeigte auch die Höhe seiner Ausgaben während dieser Frankreich-Reise: Mehrere Hunderttausend Euro gab Ebata binnen wenigen Tagen in Pariser Luxushotels aus - und für einen Abstecher per Hubschrauber nach Monaco, wo er eine seiner Banken besuchte.

Ebatas Firma, die Orion Group SA, so zeigen die geleakten Dokumente aus Panama, ist seit 2009 auf den Seychellen registriert - durch die Kanzlei Mossack Fonseca. Die Haupttätigkeit der Orion Group ist die Vermarktung von Erdölerzeugnissen. Unter ihren Kunden finden sich der britisch-niederländische Energiekonzern Shell sowie die Société Nationale des Pétroles du Congo (SNPC), die nationale Ölgesellschaft von Kongo; Denis-Christel Sassou-Nguesso, der jüngste Sohn des Präsidenten und ein Freund von Lucien Ebata, ist dort stellvertretender Generaldirektor.

Ein Präsidenten-Clan und viel, viel Öl: Die meisten Geschäfte zwischen Familie Sassou-Nguesso und befreundeten Öl-Händlern werden über Offshorefirmen abgewickelt. Illustration: Peter M. Hoffmann

Im November 2012, als die Regierung der Seychellen ihre Gesetzgebung zur Eindämmung von Geldwäsche verschärfte, verlegte die Orion Group ihre Buchhaltung nach Zypern. Unterdessen gründete Ebata das Magazin Forbes Afrique, das immer wieder Lobgesänge auf das kongolesische Regime anstimmt. Eine Anfrage von Le Monde zu seinen Geschäften und Verbindungen ließ Ebata unbeantwortet.

Lucien Ebatas Geschäftspartner, der in der Schweiz ansässige Franzose Philippe Chironi, 62, Mitgründer von Orion und Verwalter der Gesellschaft Forbes Afrique Media Holding, steht einer Vielzahl von Firmen in San Marino sowie auf den Seychellen, Mauritius und in anderen Steueroasen vor. In San Marino wurde schon einmal gegen ihn ermittelt, seit September 2014 auch in Frankreich: Chironi wird verdächtigt, "an Geldwäsche-Operationen mit unterschlagenen Staatsgeldern zugunsten der Familie Sassou" beteiligt gewesen zu sein. Auch der kongolesische Präsident selbst ist, zusammen mit mehreren Verwandten, seit 2008 Ziel von Ermittlungen der französischen Justiz: Es geht um die Frage, woher das Geld stammt, mit dem die Präsidentenfamilie ihre diversen Luxusimmobilien in Frankreich gekauft hat. Ein Anwalt der Anti-Korruptions-Organisation Transparency International, welche die Klage eingereicht hat, nennt das Regime von Sassou-Nguesso die "Karikatur einer Kleptokratie: ein reicher Staatschef, der ein armes Land regiert".

Ein Vertrauter des Präsidenten nimmt ihn öffentlich gegen solche Vorwürfe in Schutz: "Denis Sassou-Nguesso interessiert sich nicht für Geld, und er verachtet die zweifelhaften Ölgeschäfte seiner Entourage." Zweifel an dieser vermeintlichen Distanzierung sind angebracht: Schließlich sind es Angehörige ebendieser Entourage, die solche Firmen wie die staatliche SNPC erst aufgebaut haben - seit dem Ende des Bürgerkriegs 1997, als Sassou-Nguesso gerade erneut an die Macht gekommen war. Einer von ihnen ist Bruno Jean Richard Itoua, Öl-Berater des Präsidenten und Generaldirektor der SNPC bis 2005. Während dieser Zeit war Itoua offenbar daran beteiligt, viel Geld mithilfe fiktiver Firmen zu veruntreuen, wie Ermittlungen eines US-amerikanischen Bundesgerichts zeigten. Später wurde Itoua Energieminister.

87 Prozent

des Geldes, das die Republik Kongo mit Exporten verdient, stammt nach Angaben der Internationalen Energie- Agentur aus dem Verkauf von Öl. Die Regierung des Landes, das nach seiner Hauptstadt auch Kongo-Brazzaville genannt wird, finanziert damit mehr als 80 Prozent ihrer Staatseinnahmen. Die meisten Ölfelder befinden sich vor der Küste des Landes - also offshore.

Die von Le Monde eingesehenen Dokumente zeigen außerdem, dass Itoua seit 2004 offenbar Prokurist zweier Firmen ist, die von Mossack Fonseca in Panama und auf den Britischen Jungferninseln registriert worden sind: Denvest Capital Strategies und Grafin Associated SA. Diese Firma hat lediglich anonyme Inhaberaktien ausgegeben, dadurch lässt sich die Identität ihres Besitzers verschleiern; Inhaber ist, wer die Aktien in Händen hält. Bruno Itoua, der derzeit das Amt des Ministers für wissenschaftliche Forschung innehat, ließ die Fragen von Le Monde dazu unbeantwortet.

Wie aus einer Reihe weiterer Quellen und Dokumente hervorgeht, steht der kongolesische Staatschef in regelmäßiger Beziehung mit dieser neuen Generation von Ölhändlern. Er lässt diese sich an den Provisionen bereichern, die sie bei jedem Geschäft kassieren.

Die Ermittlungen der französischen Justiz, meint Marc Guéniat von der Schweizer Nichtregierungsorganisation "Erklärung von Bern", hätten die Familie Sassou-Nguesso "genötigt, Vorsichtsmaßnahmen zu treffen, indem sie sich auf Personen stützt, die politisch weniger exponiert sind".

Eines haben diese Ölhändler dabei gemeinsam: eine langjährige Freundschaft mit dem Präsidentensohn Denis Christel Sassou-Nguesso, Spitzname "Kiki, der Ölmagnat". Dieser ist zugleich Abgeordneter, Mitglied des Politbüros der Regierungspartei sowie Generalverwalter der einzigen Raffinerie des Landes, der "Coraf". Eine weitere Gemeinsamkeit all dieser Händler: Sie sind offensichtlich Kunden von Mossack Fonseca. Wie auch Denis Christel Sassou-Nguesso. Der Präsidentensohn, der zeitweise Hoffnungen auf die Thronfolge durchblicken ließ, hat Mossack Fonseca, wie die Panama Papers nahelegen, schon in den 1990er-Jahren beauftragt, für ihn eine Firma mit Sitz auf den Britischen Jungferninseln einzurichten: die Phoenix Best Finance Ltd. Auf Anfrage von Le Monde dazu bestreitet er dies kategorisch: "Ich kenne weder Mossack Fonseca noch Phoenix noch diese Händler, die behaupten, mir nahezustehen. Und ich weiß auch nicht, was Sie mit Offshore-Finanzkreisläufen in Bezug auf kongolesisches Öl meinen."

Dabei taucht sein Name auf einem Brief vom 12. Dezember 2002 an Mossack Fonseca neben dem des Ölhändlers Jean-Philippe Amvame Ndong auf. Denis Christel Sassou-Nguesso wird darin als "Bevollmächtigter" der Phoenix Best Finance Ltd. genannt. Der studierte Ökonom Amvame Ndong telefoniert öfters mit Präsident Sassou-Nguesso persönlich. Er lebt im französischen Mougins, einem Bergdorf nahe der Côte d'Azur, wo Pablo Picasso seinen Lebensabend zubrachte, und in der gabunischen Hauptstadt Libreville. 2013 hat Amvame Ndong die Handelsfirma Philia SA gegründet, mit Sitz in einer der nobelsten Adressen von Genf. Recherchen der Nichtregierungsorganisation "Erklärung von Bern" zufolge hat Philia SA von vorteilhaften Verträgen profitiert, um von den kongolesischen Staatsfirmen Erdölprodukte unter Marktwert kaufen und mit gewaltigen Margen weiterverkaufen zu können.

Amavame Ndong bestreitet das. "Philia SA vertreibt nicht mehr als 2,5 Prozent der kongolesischen Ölproduktion", behauptet er, und: "Philia SA betreibt keinerlei versteckte Aktivitäten."

Wenn es also nichts zu verbergen gibt, warum werden so viele Geschäfte offshore abgewickelt? Aus den Panama Papers geht hervor, dass Amvame Ndong offenbar mehrere Tochtergesellschaften auf den Britischen Jungferninseln betreibt, außerdem die Investmentfirma Gayam Investment Corporation, die 2014 eine Million Dollar Guthaben deklariert hat, sowie eine Firma für den Transport von Ölprodukten. Das Ganze geschah offenbar mit Unterstützung von Mossack Fonseca und von einem Genfer Anwalt. Eine Bitte um Stellungnahme ließ Letzterer unbeantwortet.

Von Pointe-Noire über Panama und Genf bis auf die Britischen Jungferninseln: Die Wege des kongolesischen Öl-Geldes sind lang, verschlungen und undurchsichtig; eines aber ist sicher: An der großen Mehrheit des kongolesischen Volkes führen sie weiträumig vorbei.