Konfrontation zwischen USA und Russland Meister der Eskalation

Wladimir Putin und Donald Trump sind sich erschreckend ähnlich. Sie sind beide skrupellose Lügner mit dem Zuschlaginstinkt von Hinterhofkämpfern. Rund um den Schauplatz Syrien geraten sie jetzt direkt aneinander.

Kommentar von Stefan Kornelius

Der Präsident ist ein pathologischer Lügner, der nie Reue zeigt. Er steht unter gewaltigem öffentlichen Druck, er ist isoliert, selbst Freunde und Partner wenden sich ab. Die Aktienmärkte brechen ein, seine Macht bröckelt. Aber der Präsident ist ein Meister der Eskalation. Wo immer ein Problem auftaucht, er schafft ein größeres. Der Präsident sät Zweifel, spricht von Konspiration, beginnt ein geschicktes Spiel mit Unterstellungen und Lügen. Vor allem aber: Der Präsident ist ein eitler Zopf, und er verfügt über diesen Zuschlaginstinkt eines Hinterhofkämpfers, diese rasende Wut, die auch deshalb kocht, weil der Präsident in einer Wahrnehmungsblase lebt. Dieser Präsident hat zwei Namen: Wladimir Putin und Donald Trump.

So offensichtlich die Ähnlichkeit dieser beiden Charaktertypen ist, so überraschend ist die plötzliche Konfrontation, die nun zwischen Trump und Putin ausgebrochen ist. Der US-Präsident verhielt sich Putin gegenüber lange unentschlossen, wobei eine stille Bewunderung nicht zu leugnen war. Wieso sollte Trump auch einem Mann zürnen, dem er womöglich seinen Wahlsieg verdankt?

Zwischen den USA und Russland wirken gefährliche Kräfte

Nun aber haben sich die Beziehungskoordinaten schlagartig verschoben. Trump kann es sich nicht mehr leisten, Putin in Freundschaft zu begegnen. Der innenpolitische und vor allem der Ermittlungsdruck zwingen ihn zur Härte. Facebook, die Wahlmanipulation, eine nicht enden wollende Kette von Cyber-Angriffen, der Fall Skripal: Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen. In den Staatskanzleien des Westens hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass die seit Jahren wahrgenommene Einmischung und Zersetzung durch Russland zerstörerisch ist. 27 Länder haben 150 russische Diplomaten ausgewiesen. Die jüngste Sanktionsrunde war von brutaler Präzision, eine direkte Antwort auf die Angriffe auf den Maschinenraum der Demokratie.

Man mag es bereits einen modernen Krieg nennen, einen kalten Krieg oder lediglich eine Konfrontation: Zwischen den USA und Russland wirken gefährliche Kräfte, und die Gruppe der Staaten wächst zügig, die ebenfalls Partei nehmen und die die spalterische Kraft der russischen Einflussnahme fürchten.

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Gleichzeitig steht aber auch die Allianz im Westen unter massivem Stress, weil es exakt jener durch Wahlmanipulation begünstigte US-Präsident ist, der Werte und Logik ignoriert und Vertrauen zerstört. Trump ist unberechenbar und gefährlich, er kann die Führungsrolle der USA im Westen nicht glaubwürdig übernehmen.

Syrien ist in diesem Mächtekonflikt ein klassischer Stellvertreterort, der all diese komplizierten Verwicklungen aufs Trefflichste illustriert. Hier ein Russland, das die brutale Assad-Diktatur in ihrem Zerstörungskrieg bedingungslos unterstützt und das mit seinem Bombardement Schuld auf sich lädt. Dort ein US-Präsident, der an einem Tag den Abzug ankündigt, am nächsten ein Bombardement, und am dritten vermutlich das Interesse oder die Ausdauer verliert. Raketen mag er haben, aber keine Strategie.

Auch der mutmaßliche Giftgaseinsatz vom vergangenen Wochenende passt in die Verstrickungen dieser Mächtefeindschaft: Eine chemische Waffe scheint mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit eingesetzt worden zu sein. Aber von wem? Viele Indizien weisen auf das Assad-Regime, wie so oft zuvor. Oder waren es die Aufständischen, die mit brutalen Methoden die Hilfe der Weltgemeinschaft einfordern?

Russland verneint einen Gaseinsatz - und warnt vor der Vernichtung von Beweisen dafür

Russland sollte ein Interesse an der Aufklärung haben, zumal es als Garantiemacht für die Vernichtung des Arsenals gebürgt hat. Aber Russlands Außenminister Sergej Lawrow, der Großmeister des Neins, stellte jeglichen Gaseinsatz in Abrede. Dann warnte in völligem Widerspruch dazu die russische Regierung, dass ein US-Raketenangriff Beweise für den Gaseinsatz zerstören könnte. Gleichzeitig verhindert sie die Untersuchung dieses Verbrechens durch Inspektoren. Wenn sich Moskau seiner (wirren) Argumentation so sicher wäre - es müsste eine neutrale Untersuchung geradezu bejubeln.

Trump auf der anderen Seite müsste seinen Verdacht besser begründen und den politischen Hebel nutzen, den die USA im Sicherheitsrat geschickt angesetzt haben. Er müsste angreifen können, ohne sich angreifbar zu machen. Politische Auseinandersetzungen werden nicht nach Regeln eines Strafprozesses geführt, und im Völkerrecht gibt es keine strafrechtliche Unschuldsvermutung. Der Kampfstoffeinsatz verlangt nach einer Antwort. Aber die sich abzeichnende Allianz muss auch ihre zweifelnden Gesellschaften überzeugen.

Der Kreml folgt seit Jahren dem Muster: Zweifel säen, Widersprüche konstruieren, leugnen, bis die grünen Männchen nicht mehr zu leugnen sind. Dies hat den Westen zermürbt. Der Gaseinsatz provoziert nun die unberechenbare Reaktion eines Mannes, der in dummdreistem Furor einen Militärschlag per Tweet ankündigt. Teufel und Beelzebub finden sich im syrischen Duma.

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